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Kroatien Die Ustascha im Herzen

Jahr für Jahr wird die alte Allianz zwischen kroatischem Nationalismus und kroatischem Katholizismus im österreichischen Bleiburg aufs Neue beschworen. FR-Redakteur Danijel Majic hat sich die Gedenkfeier für ein Massaker an NS-Kollaborateuren angesehen.

Bleiburg
Rund 10 000 Teilnehmer nahmen in diesem Jahr an der Gedenkveranstaltung bei Bleiburg teil. Foto: rtr

Der Mann in Schwarz kann seine Wut kaum in Zaum halten. „Schämen würde ich mich an eurer Stelle!“, schreit er die Ordner am Zugang zum Loibacher Feld an. „Eurem eigen Volk den Zutritt zu verweigern! Eine Schande seid ihr!“ Die Hände des Mannes in Schwarz krallen sich in eine kroatische Fahne. Er zittert vor Wut - und mit ihm die Flagge.

„Komm, beruhig' dich!“, beschwichtigt einer der Ordner. Seine Kollegen, erkennbar an ihren hellblauen Hemden, versperren derweil einem jungen Mann den Weg auf das Feld unweit der Kleinstadt Bleiburg, an der österreichisch-slowenischen Grenze. Stein des Anstoßes: Der Aufdruck auf seinem T-Shirt. Die Silhouette eines kroatischen Wehrmachtssoldaten, das Gewehr mit aufgepflanztem Bajonett im Anschlag. Darüber die Aufschrift „Alles bis zur Drina“. Auf der Rückseite prangen die drei Buchstaben ZDS - die Abkürzung für „Za dom spremni“ (Für die Heimat bereit), den Gruß der faschistischen Ustascha. Der junge Mann muss sein Shirt wenden, dann darf er passieren. Der Mann in Schwarz schimpft derweil weiter. „Jetzt komm!“, sagt der Ordner resigniert, „es sind doch nicht unsere Auflagen.“

Diskussionen wie diese wiederholen sich an diesem Mai-Samstag dutzendfach am Zugang zum Loibacher Feld, einer grünen Wiese unterhalb eines Bahndamms. In einiger Entfernung ragen die Gipfel der Kärntner Alpen in die Höhe. Gegen 11 Uhr haben sich hier bereits einige tausend Kroaten zu Füßen einer kleinen Kapelle, die zugleich Veranstaltungsbühne ist, eingefunden. Am Ende des Tages wird die österreichische Polizei 10 000 Teilnehmer zählen. Angereist aus ganz Europa für eine Gedenkveranstaltung, wie es offiziell heißt. In den internationalen Medien indes ist schon seit Längerem von einem der größten „Faschistentreffen Europas“ die Rede.

Der Anlass für diese alljährlich immer um den Muttertag herum stattfindende „Pilgerfahrt“ ist ein 73 Jahre zurückliegendes Ereignis, das in Kroatien seit der Unabhängigkeit des Landes von Jugoslawien in den Status eines nationalen Traumas erhoben wurde. Am 8. Mai 1945 marschieren jugoslawische Partisanen unter der Führung Marschall Titos in der kroatischen Hauptstadt Zagreb ein und bereiten dem faschistischen Ustascha-Regime und dem von Hitlers Gnaden „Unabhängigen Staat Kroatien“ ein Ende.

Von Nordkroatien aus setzt sich ein gewaltiger Treck von Flüchtenden in Gang. Zehntausende Anhänger der Ustascha, Reste der Ustascha-Armee, andere Kollaborateure aus ganz Jugoslawien und auch Tausende Zivilisten. Ihr Ziel: Österreich. Hier wollen sie sich den Briten ergeben, von denen sie schonendere Behandlung erhoffen als von den kommunistischen Partisanen. Ihren Weg kämpfen sich die weiterhin bewaffneten Formationen frei – auch nachdem der Zweite Weltkrieg bereits offiziell beendet ist. Als der Treck am 14. Mai 1945 Bleiburg erreicht, werden die Hoffnungen der Ustascha-Kommandeure enttäuscht. Die Briten lehnen die Gefangennahme ab und liefern die Flüchtenden aus. In den Folgemonaten werden seriösen Schätzungen zufolge zwischen 45 000 und 70 000 Menschen auf Todesmärschen und bei Massenerschießungen ermordet – nicht in Bleiburg selbst, sondern vor allem in Slowenien und Kroatien.

„Aber Bleiburg ist die Quelle“, betont Pfarrer Ante Kutlesa. Hier habe alles begonnen. Der Kirchenmann, der in Deutschland die kroatisch-katholischen Gemeinden in Metzingen, Reutlingen und Tübingen leitet, ist Sprecher des „Bleiburger Ehrenzugs“, der Organisation, die das Bleiburger Gedenken organisiert. In den Wochen vor der Feier war er ein gefragter Mann bei den österreichischen Medien. Denn nach Jahren des Ignorierens regt sich Widerstand gegen die Veranstaltung.

Faschistische Grüße, Lieder und Uniformen

Während sich Kroaten aus ganz Europa auf dem Loibacher Feld sammeln demonstrieren etwa 150 Menschen im Zentrum von Bleiburg gegen das „Ustascha-Gedenken“. Sie haben guten Grund. Über Jahre haben Journalisten dokumentiert, was sich bei der vermeintlich pietätvollen Gedenkfeier abspielt: Menschen die ganz offen in Uniformen der faschistischen Ustascha posieren, die rechte Hand zum Ustascha-Gruß heben oder in Bierzelten Lieder singen, in denen die Konzentrationslager der Ustascha verherrlicht werden, in denen Zehntausende Serben, Roma, Juden und Oppositionelle systematisch ermordet wurden (die FR berichtete bereits 2013). Der ehemalige kroatische Präsident Stjepan Mesic bezeichnete das Gedenken in Bleiburg als „Ustascha-Party“.

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