Lade Inhalte...

Krimkrise Kiew zwischen Revolution und Krieg

Am 16. März soll die Krim über ihre Zukunft abstimmen – doch ihre Abtrennung ist längst beschlossen. In Russland und in der Ukraine verhärten sich die Fronten.

Prorussische Kräfte direkt vor einer Leninstatue in Simferopol. Foto: AFP

Beißender Qualm wabert über den Maidan. In dicken Wolken quillt er aus den Rohren der Feldküchen und Öfen. Die Schwaden mischen sich mit dem Geruch von kaltem Rauch, der aus dem rußgeschwärzten Gemäuer des Gewerkschaftshauses dringt. Das markante Gebäude an der Nordseite des Kiewer Unabhängigkeitsplatzes war während der Straßenschlachten Ende Februar in Flammen aufgegangen.

Mehr Infos im Liveticker

Drei Wochen ist das nun her. In diesen sonnigen Märztagen wirken die Barrikaden aus Autoreifen, Pflastersteinen und Schrott, die sich noch immer rund um den Maidan auftürmen, wie eine Filmkulisse. Überall machen verspätete Revolutionstouristen Handyfotos. Fast unbemerkt pinselt ein angeseilter Kletterkünstler rosarote Kleckse auf die verkohlte Fassade des Gewerkschaftshauses. Nun sieht die Ruine aus, als hätten dort überdimensionierte Farbgeschosse von Paintball-Kämpfern eingeschlagen – so ist das auch gewollt.

Anspannung und Unsicherheit

Die Kunst am zerstörten Bau ist Teil des Gedenkens an die fast 100 Toten des Maidan-Aufstandes. Im Februar hatten Scharfschützen in die protestierende Menschenmenge auf dem Platz im Herzen von Kiew gefeuert. Die Erinnerung daran ist bis heute hellwach. Tausende Blumensträuße liegen im Dreck der staubigen Zufahrtsstraßen. Plakate und Transparente mahnen zum Durchhalten. Anspannung und Unsicherheit sind nicht gewichen.

Auch drei Wochen nach dem gewaltsam erzwungenen Sturz von Präsident Viktor Janukowitsch harren auf dem Maidan Hunderte kampfbereite Menschen aus. Sie wollen bleiben, „bis die Demokratie in unserem Land endgültig gesiegt hat“. So sagt es der 23-jährige Juri, der aus einem kleinen Ort bei Lemberg in der Westukraine stammt. Er trägt Tarnkleidung und steht inmitten der Barrikaden.

Wann die Demokratie in der Ukraine gesiegt haben wird, kann der hagere junge Mann nicht sagen. „Putin ist alles zuzutrauen“, orakelt er. Russlands Präsident Wladimir Putin ist nach der Flucht des verhassten Janukowitsch zum Hauptfeind der Maidan-Revolutionäre avanciert.

Der Kremlchef hat kurz nach dem Kiewer Februar-Umsturz paramilitärische Truppen auf die Krim geschickt und dort einer Marionettenregierung zur Macht verholfen. An diesem Sonntag sollen die knapp 2,4 Millionen Bewohner der Schwarzmeer-Halbinsel über die Abspaltung der Autonomen Republik von der Ukraine abstimmen und damit eine Eingliederung in die Russische Föderation ermöglichen.

Beobachter gehen davon aus, dass die Bürger der Krim mit großer Mehrheit für den Anschluss an Russland stimmen werden – und sei es unter Zwang. Das moskautreue Scheinparlament hat bereits die Unabhängigkeit der Region erklärt und damit Fakten geschaffen. Die westliche Staatengemeinschaft spricht von einer Annexion, einem völkerrechtswidrigen Gewaltakt. Juri auf dem Maidan sieht es genauso. „Putin raubt uns die Krim, und danach lässt er seine Panzer in den Osten der Ukraine einrollen“, prophezeit er.

Das ist die große Angst, die nicht nur in Kiew umgeht, sondern auch in Berlin, Brüssel und Washington. Was wird aus den ost-ukrainischen Industrie- und Wirtschaftszentren Charkiw, Donezk und Dnipropetrowsk? In Donezk kam es am Donnerstagabend zu schweren Zusammenstößen zwischen pro-russischen und regierungstreuen Kräften. Ein Demonstrant starb unter noch ungeklärten Umständen.

Lage nicht unter Kontrolle

Am Freitag warnte das Außenministerium in Moskau dann, die Behörden in Kiew hätten „die Lage nicht mehr unter Kontrolle“. Ein Vorwand für eine Intervention? Die russischen Panzer „könnten in wenigen Stunden in Kiew sein“, warnt der Chef des Nationalen Sicherheitsrates der ukrainischen Übergangsregierung, Andri Parubi.

Die militärisch machtlosen neuen Machthaber in Kiew haben angesichts der Schwäche der ukrainischen Armee eine Nationalgarde gegründet, die ihre bis zu 60.000 Kämpfer vor allem aus den sogenannten Selbstverteidigern des Maidan rekrutiert, der Samoobrona, deren Befehlshaber Parubi war.

Parubi war es auch, der gemeinsam mit dem Chef des ultranationalistischen Rechten Sektors, Dmitri Jarosch, jenes Abkommen torpedierte, das die gemäßigte Opposition mit Janukowitsch ausgehandelt hatte. Die Samoobrona und die Rechten erzwangen den sofortigen Machtwechsel.

Es ist dieser Flügel der ukrainischen Revolution, der es dem Kreml leicht macht, die neue Führung in Kiew propagandistisch als „Bande faschistischer Verbrecher“ zu geißeln. Vor deren angeblicher Brutalität will die Führung in Moskau russischstämmige Bürger in der Ukraine schützen. Das ist die Argumentation, mit der Putin die Annexion der Krim vorbereitet und sich ein militärisches Eingreifen im Osten des Nachbarlandes offenhält.

US-Außenminister John Kerry nannte die Zahl von 20.000 russischen Soldaten allein auf der Krim. Das Wort vom Tod für die Freiheit bekommt vor diesem Hintergrund eine sehr reale Bedeutung.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Ukraine

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen