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Kriminalstatistik Wie (un)sicher ist die Statistik?

Die Polizeiliche Kriminalstatistik gilt als bedingt aussagekräftig. Den Trend gibt sie laut einem Experten dennoch richtig wieder.

Demo in Essen
Die polizeiliche Kriminalstatistik ist nur begrenzt aussagekräftig. Foto: dpa

Am Dienstag ab zehn Uhr werden Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) und Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) in Berlin die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) vorstellen. Der Kern ihrer Botschaft sickerte bereits durch. Demnach ging die Zahl der Straftaten von 2016 zu 2017 um etwa zehn Prozent zurück, so stark wie seit knapp 25 Jahren nicht.

Das Problem ist, dass manche Bürger dem keinen Glauben schenken und auch Experten betonen, dass die PKS für sich genommen nur bedingt aussagekräftig sei. So sagte der Vorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, André Schulz, während die Zahl der von der Polizei registrierten Straftaten 2017 bei 5,67 Millionen gelegen habe, gehe die Dunkelfeldforschung von mindestens 20 bis 25 Millionen Straftaten aus. Kritiker weisen überdies darauf hin, dass die Kriterien, nach denen Straftaten erfasst werden, regelmäßig geändert würden und Jahresvergleiche allein deshalb nicht statthaft seien. Schwindet die Kriminalität also gar nicht, anders als es die PKS nahelegt?

Der Direktor des Kriminologischen Forschungs-Instituts, Thomas Bliesener, sagte der FR: „Die PKS ist eine wertvolle Datenquelle. Doch sie ist nur ein kleiner Mosaikstein zum Gesamtbild.“ Erst gemeinsam mit Strafverfolgungsstatistiken, Statistiken von Versicherern und Dunkelfeldstudien von Wissenschaftlern ergebe sich eine einigermaßen aussagekräftige Gesamtschau. Dunkelfeldstudien sind übrigens hochgerechnete Umfragen. „Alle Verfahren haben Schwächen und eine begrenzte Aussagekraft.“

So hängt die PKS unter anderem von der Anzeigebereitschaft der Betroffenen ab. Ein Beispiel sind Sexualdelikte. Werden sie – wie derzeit – öffentlich stark diskutiert, steigt diese Bereitschaft, während sich viele Opfer sonst oft schämen. Mit anderen Worten: Bliesener gibt skeptischen Bürgern, was die Aussagekraft der PKS angeht, recht. Einerseits. Andererseits, so der Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts, gebe eben diese Statistik den Trend insgesamt richtig wieder. „Wir hatten aufgrund des Zuzugs von Flüchtlingen ein kleines Zwischenhoch“, sagte er.

Dunkelfeldzahlen niedriger

„Aber wir bewegen uns bei den Straftaten auf einem Niveau, das deutlich unter dem liegt, was wir Anfang der Nullerjahre gehabt haben. Deshalb sind wir relativ sicher, dass die PKS nicht nur ein statistisches Artefakt ist, sondern dass die Kriminalität tatsächlich zurückgeht. Nahezu alle Indikatoren weisen in diese Richtung. 2003/2004 hatten wir einen Gipfel, seither eine stetige Beruhigung.“ Dem stünden auch die von Polizeigewerkschafter Schulz genannten Dunkelfeldzahlen nicht entgegen. Denn auch wenn diese bis zu fünfmal höher lägen als die der PKS, seien sie ebenfalls niedriger als zuvor.

Die grüne Bundestagsfraktion will aus der statistischen Unsicherheit Konsequenzen ziehen und bringt deshalb heute einen Gesetzentwurf für ein Kriminalstatistikgesetz in den Bundestag ein, der eine Neuauflage des periodischen Sicherheitsberichts vorsieht. Ein solcher Bericht wurde unter der Ägide der rot-grünen Bundesregierung 2001 erstmals präsentiert. Der zweite Bericht 2006 war aber auch schon der letzte. In den Periodischen Sicherheitsbericht sollen damals wie heute alle verfügbaren Kriminalitätsdaten einfließen – also nicht allein die PKS – und wissenschaftlich bewertet werden.

Die innenpolitische Sprecherin der grünen Bundestagsfraktion, Irene Mihalic, sagte der FR: „Um wirksame Konzepte zur Kriminalitätsbekämpfung entwickeln zu können, braucht die Politik eine verlässliche, in regelmäßigen Abständen aktualisierte Bestandsaufnahme der Kriminalitätslage, die über die bloße Analyse der Kriminalstatistik und der Strafverfolgungsstatistiken hinausgeht. Denn jeder, der sich ernsthaft mit Innenpolitik beschäftigt, weiß, dass es nicht ausreicht, sich nur mit statistischen Strichlisten zu befassen und Maßnahmenpakete aus dem Bauch heraus zu schnüren.“ Gleichwohl seien die letzten Jahre „von einer sehr unguten Dynamik geprägt“ gewesen, da „reale und gefühlte Bedrohungen prinzipiell gleich behandelt wurden“ und daraus symbolische Gesetzgebungsverfahren folgten.

„Diese Dynamik muss dringend durchbrochen werden“, fordert Mihalic. „Wir brauchen eine Versachlichung der Debatte durch fundierte kontinuierliche wissenschaftliche Analysen. Darum ist die Neuauflage des periodischen Sicherheitsberichts heute so wichtig. Es kann nicht sein, dass die Regierung zu allen möglichen Fragen regelmäßige Berichte vorlegt, für die wissenschaftliche Analyse der inneren Sicherheit aber keine Ressourcen einstellen will.“

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