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Krim und Russland Krise statt Aufschwung

Ein Jahr nach dem Anschluss an Russland herrscht auf der Krim eine trübe Stimmung. Die zerrissenen Wirtschaftskontakte zur Ukraine und die Krise in Russland sorgen für Probleme. Die Industrieproduktion schrumpft, der Tourismus geht deutlich zurück.

Local women watch armed men, believed to be Russian soldiers, assemble near a Ukrainian military base in Perevalnoe
5. März 2014 auf der Krim: Einheimische Frauen beobachten vermummte Bewaffnete, vermutlich russische Soldaten. Foto: Reuters

Wirklich besser ist das Leben in Eskisarai nicht geworden. Die Behausung, in dem die Krimtatarin Elmas Ljumalowa mit ihrem Mann und zwei Kindern wohnt, sieht eher wie eine Pkw-Garage aus. Der Holzofen heizt vergeblich gegen den Schimmel an den Wänden an, das Wasser kommt aus einem selbst gebohrten Brunnen. Es gibt kein Gas im Dorf, 20 Familien teilen sich einen einzigen Stromanschluss, Waschmaschinen und Computer brennen immer wieder durch. Eine Lösung ist nicht in Sicht: „Wir wissen nicht, was wir tun sollen“, klagt Nachbar Nafe Abduramanow vorsichtig, „und niemand macht uns Vorschläge.“

Heute vor einem Jahr verkündete der russische Präsident Wladimir Putin die Wiedervereinigung der Krim. Zuvor hatten russische Truppen die ukrainische Schwarzmeerhalbinsel besetzt, bei einer rasch organisierten Volksabstimmung wurden knapp 97 Prozent Ja-Stimmen für den Anschluss gezählt. Auf einer Vollversammlung der UN bezeichnete die große Mehrheit von über 100 Staaten das Referendum für ungültig. Aber jetzt wehen statt blaugelber ukrainischen Flaggen die weißblaurote Trikolore Russlands über der zwei Millionen-Einwohner Halbinsel.

Der Alltag aber ist trist. „Auch jene, die damals russische Fahnen schwangen, haben jetzt Probleme“, sagt Rafat Tschubarow, Vorsitzender des Medschlis, des höchsten Selbstverwaltungsorgans der Krimtataren. „Und es gibt keinen halbwegs kritischen Journalisten oder politischen Aktivisten, der nicht Schwierigkeiten mit den Sicherheitsorganen hätte.“ Tschubarow selbst verwehrten die Russen im Juli die Einreise auf die Krim, er lebt im Kiewer Exil.

Es gibt auf der Krim etwa 300 Dörfer wie Eskisarai, provisorische Siedlungen, die die Krimtataren nach ihrer Rückkehr aus der sowjetischen Deportation oft auf freiem Feld errichtet haben, um daneben richtige Häuser zu bauen. Russland hat vergangenes Jahr umgerechnet 12,3 Millionen Euro bereitgestellt, um die Infrastruktur dieser Dörfer zu verbessern, mehr als doppelt so viel, wie die Ukraine früher jährlich zahlte. Aber nur umgerechnet 5,1 Millionen Euro kamen zur Verwendung. Die Behörden erklären es mit fehlenden Dokumenten für einen Großteil der Gebäude, die die Tataren oft ohne Baugenehmigung errichtet hatten. Der Übergangsprozess von der ukrainischen zur russischen Bürokratie klemmt noch.

Dazu kommen westliche Sanktionen. Visa- und Masterkarten funktionieren nicht, Geschäftsleute tragen Bargeldbündel mit sich. Aus Angst vor westlichen Strafmaßnahmen arbeiten die großen russischen Banken hier nicht. „Es ist leichter ins All zu fliegen, als jetzt einen Kredit auf der Krim zu bekommen“, klagt die Geschäftsfrau Tatjana Pikalowa.

Die zerrissenen Wirtschaftskontakte zur Ukraine und die Krise in Russland drücken auf die Krim. Ihre Industrieproduktion schrumpfte 2014 um zehn Prozent, das Baugewerbe gar um 44,5 Prozent. Die Lebensmittelpreise stiegen dagegen um 53,2 Prozent an – nach offiziellen Angaben, viele Krimbewohner reden von glatten 100 Prozent. Offiziell stieg auch das Durchschnittsgehalt um 52,6% auf 17 200 Rubel. Das entspricht gut 260 Euro und eher den Verhältnissen wie in einer russische Mittelklasseprovinz.

Doch viele Ärzte und Lehrer machten im Januar entsetzte Gesichter, als der Fiskus ihnen saftige Zuschüsse strich, und viele statt 30 000 nur noch 10 000 Rubel erhielten, keine 170 Euro. Das ist auch für ferne russische Provinzen zu wenig zum Leben.

Auch die Hauptbranche der Urlaubshalbinsel klemmte. Die Zahl der Touristen sank von 5,9 Millionen im Vorjahr auf 3,8 Millionen 2014. „Und jeder weiß, dass die meisten Rentner oder Kinder waren, deren Urlaub der Staat bezahlt hat“, schimpft ein Einwohner des Badeortes Sudak gegenüber der russischen Zeitung RBK Daily. „Sie hatten selbst kaum Geld, wohnten in staatlichen Urlaubsheimen. Private Hotels, aber auch die Gaststätten blieben leer.“

Trotz der Depression fühlen sich die 60 Prozent der Russen auf der Krim unter dem Propagandaschirm des Moskauer Staatsfernsehens wohl. „Putin sei Dank, dass wir hier keinen Krieg haben, wie im Donbass“, erklären sie. Oder: „Natürlich, jetzt ist es schwierig, aber der Ukraine geht es noch viel schlechter.“

Die Behörden tun das ihre, um diese Stimmung hochzuhalten. Kritische Journalisten werden mit Verhören drangsaliert. Die letzten Medien mit einer eigenen Linie stehen unter Druck, die demokratisch gesonnene Sendeanstalt Tschernomorskaja TRK wurde ins Internet abgedrängt, auch dem krimtatarischen TV-Kanal ART droht Ende März das Aus, der Staat will ihm die Lizenz nicht verlängern. Mehrere tatarische Aktivisten sind spurlos verschwunden. „Ihr duldet nicht einmal die, die einen Kompromiss mit euch suchen“, bloggt der krimtatarische Publizist Ayder Mudschdabajew über das neue Regime, „ihr duldet nur die, die euch die Stiefel lecken.“

Am 9. März, dem Geburtstag des ukrainischen Nationaldichters Taras Schewtschenko, versammelten sich etwa 50 Menschen an seinem Denkmal in Simferopol. Sie lasen Schewtschenko-Gedichte, skandierten „Ruhm der Ukraine“ und hissten drei krimtatarische und ukrainische Flaggen, eine mit der Aufschrift: „Die Krim gehört zur Ukraine.“ Die zahlreich aufgebotene Polizei führte drei der Wagemutigen ab. Begründung: Sie hätten „extremistische Symbole“ verwendet.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Ukraine

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