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Krim Im neuen alten Zuhause

Im März annektierte Russland die Krim. Viele Bewohner betrachten dies wie eine Rückkehr in die Heimat. Für Kiew ist die Halbinsel nach wie vor ukrainisches Territorium, doch Parlamentswahlen werden hier am Sonntag wohl nicht stattfinden. Eine Reise in umstrittenes Gebiet.

Viktor, Hüter der ewigen Flamme in Kertsch. Foto: Christian Esch

Als ich in Port Kawkas eintraf, hatte sich das Meer beruhigt. Ein frischer Wind setzte Schaumkrönchen auf das grünbraune Wasser, und die Fähren, die ein Herbststurm mehrere Tage im Hafen festgehalten hatte, fuhren wieder. Die Krim war wieder mit Russland verbunden, an jenem einzigen Punkt, wo sie mit Russland zusammenhängt – der Meerenge zwischen dem Schwarzen Meer und dem Asow’schen.

Der Fährhafen lag am Ende einer schmalen Nehrung, die weit in die Meerenge hineinreichte. Die Hügel der Krim und der Leuchtturm von Kertsch waren zum Greifen nah. An der ehemaligen Zollstation musste ich meinen Pass vorweisen, aber eine regelrechte Grenzkontrolle gab es nicht mehr. Es gab ja auch keine Grenze mehr, jedenfalls aus russischer Sicht.

Ich wartete, während Militärlastwagen für die Krim verladen wurden und eine Fähre Passagiere auf das Festland brachte. Es waren vor allem Rentner, Spätheimkehrer vom Strandurlaub. Junge Männer mit Megaphonen trieben sie zusammen wie Schäfer ihre Herde. Die Rentner waren Passagiere des Zuges Simferopol-Moskau, der früher quer durch die Ostukraine fuhr. Jetzt schlug er einen weiten Bogen durch Russland. Die Halbinsel Krim war seit der russischen Annexion und dem Krieg im Donbass eine Insel geworden, und die Fähre von Kertsch zum Nadelöhr.

Die Überfahrt dauerte kurz, vom Oberdeck aus sah man in der Ferne Delfine. In Port Krim, dem Zwillingshafen von Port Kawkas, waren alle Spuren ukrainischer Staatlichkeit gründlich entfernt worden. Wegen des Sturms hatten sich dort an die tausend Fahrzeuge gestaut. Es waren zumeist russische Urlauber auf dem Heimweg, und ihre Stimmung war nicht schlecht, denn die Wartezeit war von mehreren Tagen auf zehn Stunden geschrumpft. Es gab behelfsmäßige Duschen und Toiletten, und an Souvenirständen konnte man Patriotisches kaufen: Wladimir Putin beim Baden mit Delfinen als Kühlschrankmagnet oder eine Plastikhülle für den Reisepass mit dem Porträt der obersten Staatsanwältin der Krim, gezeichnet im Manga-Stil. Sie ist bekannt für ihren hübschen kleinen Mund. Wer Russlands Hoheit über die Krim nicht anerkennt, wird deportiert, hatte dieser Mund neulich gesagt.

Die Parkplätze waren bizarrerweise mit Wegweisern markiert, die die Namen von Wintersportorten bei Sotschi trugen. Die gesamte Verkehrsregelung war aus der Olympiastadt hierher verpflanzt worden. Das hatte seine Logik. Die Annexion der Krim hatte die Winterspiele abgelöst als das Mega-Projekt, mit dem sich Putins Russland selbst definierte. Wieder ging es darum, am Schwarzen Meer ein schöneres Russland aus dem Boden zu stampfen, und wieder ging es um Milliardeninvestitionen. An erster Stelle stand das Projekt, endlich eine Brücke über die Meerenge von Kertsch zu spannen. Ihr Bau war schon 2010 mit Kiew vereinbart worden, ohne Folgen.

Vielleicht wird die Brücke die Stadt Kertsch aus ihrem Schlaf wecken. Wir fühlten uns bisher wie die hinterste Ecke der Krim, von allen vernachlässigt, sagte mir die Eigentümerin meines Hotels. Sie war zufrieden mit dem Anschluss an Russland, wie die meisten, mit denen ich sprach – „aber nicht als Unternehmerin“, fügte sie hinzu. Vergangenen Sommer waren 70 Prozent ihrer Gäste Ukrainer gewesen, diesen Sommer kam nicht einer von dort. Außerdem hatte Kiew Kleinhotels nur eine milde Pauschalsteuer von 50 Dollar monatlich abverlangt, das russische Steuersystem war streng und undurchschaubar. Am schlimmsten war das Fehlen ordentlicher Banken. Die großen ukrainischen Geldinstitute waren verschwunden, die großen russischen Banken waren aus Angst vor westlichen Sanktionen nicht gekommen. Immerhin gab es wieder Geldautomaten.

Touristisch gesehen war Kertsch eine Verbindung von Altertum und Großem Vaterländischen Krieg. Gleich neben einem antiken Hügelgrab gab es unterirdische Steinbrüche, in denen sich im Mai 1942 zehntausend Rotarmisten vor der Wehrmacht verschanzt hatten. Sie hielten ein halbes Jahr aus, dann waren fast alle tot. Es war eine Geschichte von geradezu absurdem Heldenmut, und die Führerin trug sie in der Dunkelheit mit singender Stimme und in festen Formeln vor, als handele es sich um die Ilias. Nur hatte die Erzählung Schaden genommen durch den Krieg in der Ostukraine. Das Wort „Faschisten“ klang mir abgenutzt, seit das Kreml-Fernsehen es täglich gegen Kiew richtete. Und die orangefarbenen Georgsbänder auf den Gräbern waren kein unschuldiges Symbol des Kriegsgedenkens mehr, sondern Abzeichen der gewaltbereiten Kiew-Gegner.

Ewiges Feuer für die Kriegstoten

In der Mitte der Stadt steht der Mithridates-Berg mit den Ruinen des antiken Pantikapaion, windverkrümmten Feigenbäumen und einem Ewigen Feuer für die Kriegstoten. Seit Russland die Krim annektiert hatte, wurde die Flamme nicht mehr nur viermal im Jahr zu Feiertagen eingeschaltet, sondern rund um die Uhr betrieben. Gas ist in Russland billig, Kriegsgedenken teuer. Ein Gasballon am Tag geht dafür drauf, erklärte mir der neue Hüter der Flamme. Viktor Petrowitsch trug ein Jackett mit einem Zweig Wermut in der Brusttasche. Er zeigte mir von oben die Stadt, den Hafen und das defekte Schwimmdock, das sie neulich gehoben hatten. Die zugehörige Werft, so erfuhr ich später, hatte den Besitzer gewechselt; statt des ukrainischen Oligarchen Schewago hatten nun Investoren aus dem russischen Tatarstan das Sagen. Bewaffnete Männer der „Selbstverteidigung der Krim“ hatten nachgeholfen, so wie auch bei anderen Großbetrieben auf der Halbinsel.

Viktor Petrowitsch hatte durch das Einschalten des Ewigen Feuers ein neues Einkommen, auch seine Rente hatte sich verdoppelt, von 1000 Griwnja auf 8000 Rubel, etwa 160 Euro. Aber die Preise waren schneller gestiegen, sagte er. Viktor Petrowitsch war das egal. Er wohnte abgeschieden am Fuße des Berges in einer selbstgebauten Hütte mit grunzenden Schweinen, einem krächzenden Windrad und traurigen Gedichten im Kopf, deren Urheber er vergessen hatte.

Von Kertsch nach Feodosija waren es zwei Stunden mit dem Sammeltaxi. Wir rasten durch eine leere Steppenlandschaft. Gleich neben dem Busbahnhof von Feodosija drängelten sich einige hundert Menschen vor dem Einwohnermeldeamt. Es war neun Uhr früh, und wie jeden Morgen fand das uralte sowjetische Ritual der „Pereklitschka“ statt. Eine Frau in der Mitte der Menschenmenge rief Namen einer Warteschlange auf. Wer nicht antwortete, verlor seinen Platz. Die Namen las sie aus einem Schulheft vor, sie wurde für ihre Arbeit von jedem Wartenden mit fünf Rubeln belohnt.

Die Stimmung war gereizt. Die Krim hat 2,5 Millionen Einwohner. Fast alle von ihnen brauchten neue Pässe und Führerscheine, neue Rentennachweise und Krankenversicherungen, neue Autopapiere und Nummernschilder. Der russische Pass war der Schlüssel für alles weitere, ihn erhielt automatisch, wer auf der Krim polizeilich gemeldet war. Stichtag war der 16. März, der Tag des Referendums über den Anschluss an Russland, das freilich von Kiew und vom Ausland nicht anerkannt wurde. In der Schlange standen viele, die nicht gemeldet waren; sie mussten ihre Anwesenheit mit anderen Dokumenten beweisen, und zwar vor Gericht.

Es gab bizarre Probleme: Eine Usbekin brauchte die Migrationskarte, die jeder Ausländer schon bei der Einreise nach Russland erhält. Aber sie war ja nicht nach Russland gereist, sondern Russland zu ihr. Und schließlich stand da die große Menge der Flüchtlinge aus dem Donbass, die ihren vorläufigen oder dauerhaften Wohnsitz anmelden wollten, um sich allmählich zum russischen Pass vorzuarbeiten.

Die Innenstadt von Feodosija wirkte wie ein steinernes Zeugnis der Völkervermischung. Es gab eine genuesische Festung, armenische Kirchen und eine osmanische Moschee, und ein fast verschwundenes Volk feierte im Keller eines Plattenbaus das jüdische Neujahrsfest. Es waren zwei Dutzend Karäer, die in Socken vor einer Menorah standen und russische Psalmen lasen. Die Karäer waren ein tatarisch-sprachiges Krimvolk, das das Judentum angenommen hatte, freilich ohne den Talmud. Im Wettstreit der Völker der Krim um die Frage, wer am längsten die Halbinsel besiedelte, hatten sie starke Argumente, auch wenn ihre Herkunft völlig umstritten war. Als Hitlerdeutschland die Krim besetzte, wurden sie als Nicht-Juden klassifiziert. Dennoch gab es in der letzten Volkszählung nur noch 680 Karäer auf der Krim. Nun hofften sie, in das Register von Russlands subventionierten „Kleinen indigenen Völkern“ aufgenommen zu werden, zusammen mit dem noch kleineren Volk der Krimtschaken.

Die große Frage war freilich, was mit den Krimtataren geschehen würde. Sie waren zweifellos indigen, aber sie hatten bis ins 19.  Jahrhundert die Bevölkerungsmehrheit gestellt. Jetzt waren sie eine Minderheit von zehn Prozent.

„Russland will die Krim ohne Krimtataren“, sagte Mustafa Asaba, der fröhlich und grimmig zugleich schauen konnte. Wir saßen in der abendlichen Kälte unter seiner Weinpergola, im Hintergrund sah man den Weißen Felsen, wo zu Sowjetzeiten Westernfilme gedreht worden waren. Es war eine hundert Meter hohe Kalksteinwand. Asaba war Bauer und Vorsitzender der krimtatarischen Gemeinde von Belogorsk, auf halbem Wege zwischen Feodosija und Simferopol. Der Ort war einst ein bekannter Sklavenmarkt der Krimtataren gewesen. Als Fürst Potjomkin 1783 die Krim eroberte, ließ er die tatarischen Fürsten hier ihre Treue zur russischen Zarin schwören. Auch nach 150 Jahren russischer Herrschaft waren die Krimtataren hier noch in der Mehrheit gewesen. Dann endete ihre Geschichte auf einen Schlag, wie überall auf der Krim: Am 18. Mai 1944 wurde das gesamte Volk deportiert, als Strafe für angebliche Kollaboration mit den Deutschen. Die Stadt, die Karasu-Basar geheißen hatte, wurde umbenannt in Belogorsk, „Weißenberg“.

Mustafa Asaba war 1955 im fernen Usbekistan geboren. Dort hatte er Mustafa Dschemiljew kennengelernt, den Dissidenten, der das Volk nach langen friedlichen Protesten auf die Krim zurückführte, kurz bevor die Sowjetunion zusammenbrach. Seit 1990 wohnte Asaba auf der Krim. Dschemiljew aber war erneut von der Krim ausgesperrt. Die russische Regierung hatte ihn mit einem Einreiseverbot belegt, weil er in Kiew Parlamentsabgeordneter war und von dort Russland als Besatzungsmacht geißelte.

Am 16. September, einen Tag nach den ersten Regionalwahlen unter russischer Oberherrschaft, wurde Mustafas Haus von 15 maskierten Bewaffneten umstellt. Ein Major des FSB präsentierte einen Durchsuchungsbefehl. Es war frühmorgens, die Kühe waren noch nicht gemolken, aber Asaba war nicht sonderlich erstaunt. Durchsuchungen gab es neuerdings zuhauf, in krimtatarischen Schulen, Moscheen, Privathäusern. Außerdem hatte Mustafa bei einer Kundgebung an der neuen Grenze zur Ukraine mitgemacht; es ging um Dschemiljews Recht, einzureisen. „Warum magst du Russland nicht?“, fragte ihn der Major bei der Durchsuchung. „Ich habe nie in Russland gelebt“, antwortete ihm Mustafa, „aber der Geschichte nach zu urteilen habt ihr uns in 230 Jahren nichts Gutes beschert“. Russland ist anders geworden, sagte der Geheimdienstler. Davon hab ich nichts gemerkt, sagte Mustafa.

Die Männer suchten drei Stunden nach Waffen, Drogen und „verbotener Literatur“. In Russland waren, anders als in der Ukraine, sehr viele Texte verboten, vor allem muslimische Literatur. Sie schauten ins Klavier und hinter die Bilder an der Wand, und dann zogen sie mit fünf Broschüren ab.

Es gab Schlimmeres als Hausdurchsuchungen. Im März war bei Belogorsk die Leiche eines jungen Krimtataren aus Simferopol gefunden worden, der gegen den prorussischen Umsturz protestiert hatte. Alles wies darauf hin, dass die „Selbstverteidigung“ ihn entführt hatte, eine paramilitärische Truppe.

Seit jenem März waren immer wieder Krimtataren verschwunden. Ende September wurden zwei Belogorsker von schwarzgekleideten Männern in einen Kleintransporter gezerrt. Es waren der Sohn und der Neffe von Abdureschit Dschepparow, einem prominenten Aktivisten. Ich besuchte Dschepparow in seinem kalten leeren Haus, er wirkte müde und einsam. Wie Asaba gehörte er zu jener unbeugsamen Generation, die den zivilen Ungehorsam in der Sowjetunion eingeübt hatten. Dschepparow hatte 1987 mit anderen Krimtataren den Roten Platz in Moskau besetzt und ein Treffen mit Andrej Gromyko erzwungen, dem Staatsoberhaupt. Als er verfolgt wurde, hatte sich US-Präsident Ronald Reagan bei Gorbatschow für ihn eingesetzt.

Als Dschepparows Sohn und Neffe verschwanden, gingen viele hundert Krimtataren auf die Straße. Sogar Premierminister Sergej Aksjonow aus Simferopol reiste an, sprach mit Dschepparow und versprach Hilfe bei der Aufklärung. Die entführten Männer waren offenbar religiös gewesen, und Dschepparows älterer Sohn war im Bürgerkrieg in Syrien gestorben, hieß es. Im russischen Kaukasus wurden solche Männer oft Opfer von Entführungen durch Geheimdienst oder Paramilitärs. Auf der ukrainischen Krim hatte es das nicht gegeben.

Je mehr ich über das Los der Krimtataren nachdachte, desto mehr wunderte mich ihre Treue zu Kiew. Die gewählte Vertretung der Krimtataren, der Medschlis, hatte unter Dschemiljews Einfluss einen kompromisslosen Ton angeschlagen. Der Medschlis war die einzige politische Kraft auf der Krim, die die russische Jurisdiktion nicht anerkannte und für die Unverletzlichkeit der ukrainischen Grenzen kämpfte. „Wenn dein Haus brennt, kannst du nicht bloß an deine eigene Wohnung denken“, hatte mir Asaba erklärt. Ich war mir nicht sicher, ob das Bild zutraf. Die meisten Einwohner der Krim sahen ihre Wohnung im russischen Haus, nicht im ukrainischen.

Allerdings hatte Russland alles getan, um die Krimtataren vor den Kopf zu stoßen. Zum Jahrestag der Deportation waren früher hohe Politiker aus Kiew angereist. Diesmal wurde die Trauerfeier in der Innenstadt von Simferopol verboten, in Bachtschissaraj ließ man zwei Hubschrauber direkt über der Menge schweben, so dass keine Reden gehalten werden konnten. Russland setzte auf Einschüchterung. Manchen Russen auf der Krim gefiel das.

Die meisten Krimtataren waren aber pragmatisch genug, den russischen Pass anzunehmen. Asaba dagegen hatte sich nicht einmal eine russische Sim-Karte für sein Mobiltelefon gekauft, lieber zahlte er die hohen Roaming-Gebühren. Anfang Oktober wurde das Roaming für ukrainische Nummern ganz abgeschaltet. Asaba führte ein Rückzugsgefecht.

In Simferopol war der Umsturz des Frühjahrs ins Stadion der Selbsthistorisierung getreten. Auf dem Leninplatz stand ein Bus der „Selbstverteidigung“, bemalt mit patriotischen Graffiti, als Touristenattraktion. Im Taurischen Museum, wo die Kassiererin noch die alte und die neue Währung verwechselte, gab es eine Foto-Ausstellung, die den heiklen Moment der direkten russischen Einmischung umschiffte. „Unbekannte Bewaffnete“ hätten das Parlament besetzt, hieß es im Begleittext, und „Bewaffnete in Armeekleidung ohne Erkennungszeichen“ den Flughafen.

In der Fußgängerzone vor dem Parlamentsgebäude traf ich Juri Meschkow, den ersten und einzigen Präsidenten der Krim. Zwei Jahrzehnte vor der Annexion der Krim hatte er schon einmal versucht, die Halbinsel von der jungen Ukraine abzuspalten. Aber damals hatte nicht Moskau Spezialtruppen geschickt, sondern Kiew. Im Gebäude des Obersten Sowjets musste Meschkow im März 1995 seine Waffen niederlegen, und die eigenständige „Republik Krim“ wurde wieder heruntergestuft zu einer Autonomen Republik innerhalb der Ukraine. Es war wie eine spiegelverkehrte Variante des Umsturzes von 2014. „Russland hat mich damals verraten“, sagte Meschkow. Es war ihm heute peinlich, dass er damals ein Blutvergießen vermieden hatte. Umso mehr grollte er jenen, die es zwanzig Jahre nach ihm leichter hatten. Die prorussischen Politiker der Krim, die jetzt hohe Ämter hatten, waren für ihn Verräter oder Feiglinge, ihre Rolle beim Umsturz nichtig. Moskau hatte am 27. Februar die Dinge in die Hand genommen, sagte mir Meschkow; der jetzige Regierungschef Aksjonow dagegen hätte noch am Vorabend den Ausgleich mit den Mächtigen in Kiew und den Krimtataren gesucht.

Dass der „Russische Frühling“ auf der Krim keine Volksbewegung gewesen war, sondern der Putsch einer Großmacht, war vielen Einwohnern aber nur recht. Sie wollten ja zu Russland gehören und verlangten nicht Mitbestimmung, sondern schnelle Angleichung an die russischen Einkommensniveaus. Bei den Wahlen hatten sie aus Dankbarkeit alle für „Einiges Russland“ gestimmt. Nicht einmal die stramm patriotischen Kommunisten hatten es ins Parlament geschafft – offenbar war die Sehnsucht nach der Sowjetvergangenheit diesmal von der Kremlpartei bedient worden.

Hauch von Opposition

Einen Hauch von Opposition und Parteienstreit gab es nur in Sewastopol. Die Stadt war ohnehin anders als der Rest der Krim, sie lebte in ihrer glorreichen russischen Vergangenheit. Im Krimkrieg hatte sie lange Franzosen, Briten und Türken abgewehrt, im Zweiten Weltkrieg die Wehrmacht. Sie war völlig zerstört und in einem schönen Stalin’schen Klassizismus wieder aufgebaut worden, mit weißgetünchten Fassaden und Balkons. Fast jeder Einwohner war mit der Schwarzmeerflotte verbunden. Und weil der größere Teil der Flotte in den Neunzigern an Russland fiel, war die Stadt eigentlich nie in der Ukraine angekommen.

Ich machte eine Hafenrundfahrt und sah mir an, was von der ukrainischen Schwarzmeerflotte geblieben war: Die Korvetten „Luzk“, „Ternopol“ und „Chmelnizki“ lagen in der Südbucht, auch das einzige U-Boot der Ukraine, das nie seetüchtig war. Die ukrainischen Kennzeichen waren übermalt, das russische Andreaskreuz gehisst. Auf dem Nachimow-Platz stand eine Bühne der Kremlpartei. „Wir sind in Russland. Wie weiter?“ stand darauf. Ich war verblüfft. Für eine Partei, die offene Fragestellungen grundsätzlich ablehnt, war das eine gewagte Botschaft. Offenbar hatten auch manche Sewastopoler gerätselt, ob es sich bei dem Slogan um einen Sabotageakt ukrainischer Kräfte handelte. Aber er zeugte nur davon, dass die Dinge hier anders und komplizierter gelaufen waren als in Simferopol.

In der Hafenstadt waren tatsächlich viele Bürger gegen Kiew auf die Straße gegangen, sie hatten am 23. Februar einen „Volksbürgermeister“ gewählt. Er hieß Alexej Tschaly, und im Gegensatz zu den Anführern in Simferopol genoss er großes Ansehen. Er war Geschäftsmann und hatte als Mäzen eine Küstenbatterie zum Kriegsmuseum ausgebaut. Nur war Tschaly kein erfahrener Politiker, schon gar nicht in der russischen Politik, und nun er lag im Streit mit dem Gouverneur, den Moskau eingesetzt hatte. Die Frage „Wie weiter?“ zeugte von einer Kluft in der Kremlpartei.

Dass Sewastopol russischer war als der Rest der Krim, konnte man schon an den Autokennzeichen sehen. Viele hatten die ukrainische Flagge mit einer russischen überklebt. Die Anhänger der Ukraine schienen hier eine verschwindende Minderheit. Ich verabredete mich im Café mit Jewgeni und Jewgenia, zwei Freunden von Oleg Senzow. Der Filmemacher und proukrainische Aktivist aus Simferopol war im Mai vom FSB festgenommen worden, er saß nun in Moskau in Untersuchungshaft. Ihm wurde Terrorismus vorgeworfen. Die Beschuldigungen klangen absurd, und der Fall hatte Aufsehen erregt, Regisseure wie Pedro Almodóvar und Wim Wenders hatten sich für Senzow eingesetzt.

Jewgenia war Fotografin und Senzows Assistentin, sie schickte ihm Essen und Bücher ins Gefängnis. Ihre Mutter war innerhalb einer Woche von einer Anhängerin Kiews zu einer Anhängerin Moskaus geworden, erzählte sie; das lag einfach daran, dass russische Fernsehkanäle die ukrainischen ersetzt hatten. Aber Jewgenia war weder für Kiew noch für Moskau, weder für den Maidan noch für „Neurussland“. Sie war geradezu klinisch rein von politischen Leidenschaften, weil sie in ihnen den Versuch sah, eigene Schwächen anderen anzulasten. Sie war der einzige Mensch auf der Krim, der mir völlig unbeeindruckt schien von den Vorgängen. Für mich hat sich nichts geändert, sagte sie.

Jewgeni war voll ohnmächtiger Wut auf die Verhältnisse. Er war Schauspieler am Theater der Schwarzmeerflotte und hatte gekündigt, als er in einem Unterhaltungsprogramm vor russischen Kosaken spielen sollte – denselben Kosaken, die bei der Annexion der Krim nachhalfen. Sein Sohn ging auf eines der beiden Gymnasien der Stadt, wo man Ukrainisch als Unterrichtssprache wählen konnte. Aber im neuen Schuljahr gab es nur noch eine Stunde Ukrainisch die Woche, und auch die nur, weil die Eltern darum gebeten hatten. Im kommenden Jahr sollte sie ganz wegfallen. Jewgeni sah keine Zukunft für sich in Sewastopol. „Alle hier wissen: Wenn ich mit einer ukrainischen Fahne zum Nachimow-Denkmal gehe, dann werde ich nach höchstens 30 Minuten festgenommen oder verprügelt“, sagte er.

Ich begleitete Jewgeni an den Gräflichen Schiffsanleger, wo die Fähren in den Nordteil der Stadt ablegten. Wir sprachen lange, und ich fühlte die Einsamkeit, die manche Menschen hier ergriffen hatte. Eine Fähre nach der anderen schob sich über das glatte Wasser, wartete auf Passagiere und ließ kurz die Schiffssirene heulen, bevor sie wieder in die Nacht verschwand.

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