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Krankenkassen So funktioniert die Bürgerversicherung in Österreich

In Österreich ist die hierzulande von vielen gefürchtete Bürgerversicherung längst Realität. Welche sind die Vor-und Nachteile?

Verdacht auf Falschabrechnung von Ärzten bestätigt sich oft nicht
In Österreich sind alle Selbstständigen und Beamten gesetzlich krankenversichert. Foto: Marijan Murat (dpa)

Vorsicht, Einheitskasse!, ruft in Deutschland der Verband der Privaten Krankenversicherung (PKV) und warnt, das diskutierte Modell einer Bürgerversicherung sei „schlecht für alle“. Das Nachbarland Österreich, wo die Sozialversicherung in den Grundzügen gleich organisiert ist wie in Deutschland, bietet lebendigen Anschauungsunterricht: Alle Selbstständigen und alle Beamten sind gesetzlich krankenversichert.

Zudem trägt der Staat einen weitaus größeren Teil der Krankenhauskosten. Im Ergebnis ist das sonst so ähnliche System für die Versicherten nur etwa halb so teuer wie das deutsche: Im vergangenen Jahr zahlten die Österreicher bei ähnlichem Leistungsspektrum nur 7,65 Prozent ihres Einkommens an die Krankenkassen. In Deutschland lag der durchschnittliche Satz bei stolzen 15,7 Prozent.

Im Prinzip bekommen in Österreich alle die gleiche Versorgung; Unterschiede gibt es hier und da bei Leistungen, etwa alternativen Heilmethoden, und bei Selbstbehalten. Nur etwa 100 000 der 8,5 Millionen Einwohner fallen aus der Bürgerversicherung heraus, die meisten davon sind Schwarzarbeiter ohne legalen Aufenthalt. Aber kein Milliardär entkommt dem System.

Jeder dritte Österreicher ist zusatzversichert

Die PKV ist dabei nicht untergegangen: Jeder dritte Österreicher leistet sich eine kleine private Zusatzversicherung, meistens für das Zweibettzimmer im Krankenhaus. Die Anbieter sind allesamt große Versicherungskonzerne, die das meiste Geld in anderen Sparten verdienen.

Arbeitnehmer, Selbstständige und Beamte bilden in Österreich zwar je verschiedene Versichertengemeinschaften. Ungleichgewichte zwischen den Kassen – wie bei den überalterten und oft prekär arbeitenden Selbstständigen – werden aber per Finanzausgleich und mit Staatszuschüssen beseitigt.

Für den Beitrag herangezogen wird neben Lohn und Gehalt alles, was auf der Einkommensteuererklärung steht, also auch Einnahmen aus selbstständiger Tätigkeit oder aus Vermietung und Verpachtung. Arbeitnehmern und Beamten wird der Beitrag monatlich abgezogen. Selbstständige zahlen vierteljährlich auf der Basis des letzten Steuerbescheids. Steht dann später die Steuer für das laufende Jahr fest, wird der Beitrag nachberechnet.

Nicht alle Kapitaleinkünfte werden berücksichtigt. Anders als in Deutschland ist die Kapitalertragssteuer – 25 Prozent – keine Vor-, sondern eine Endsteuer und muss auf der Steuererklärung deshalb nicht angegeben werden.

Wie in Deutschland sind die Beiträge gedeckelt. Die Bemessungsgrenze lag in Österreich für Arbeitnehmer in diesem Jahr bei 4980 und für Selbstständige bei 5810 Euro im Monat. In der deutschen Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) dagegen wurden Beiträge nur von den ersten 4350 monatlich verdienten Euro abgezogen.

Keine freie Wahl der Kasse

Eine freie Wahl der Kasse gibt es in Österreich nicht; Arbeitnehmer werden je nach Wohnort einer „Gebietskrankenkasse“, alle anderen nach Berufsstand einem bestimmten Institut zugewiesen. Kritik an dem System wird kaum laut. Auch die neue Rechtsregierung in Wien rüttelt nicht daran. Im Gegenteil: Sie will die unterschiedlichen Krankenkassen zusammenlegen – ein Modell, für das der Kampfslogan von der „Einheitskasse“ durchaus zutreffen würde. Nicht Ideologie, sondern Sparzwang steht hinter der Idee: Abgesehen vom niedrigeren Verwaltungsaufwand verfügt die „Einheitskasse“ über mehr Marktmacht.

In Deutschland gehören die niedergelassenen Ärzte zu den schärfsten Kritikern der Pläne für eine Bürgerversicherung. Wenn die Einkünfte durch Privatpatienten wegfielen, so warnen sie, drohten ihnen Einbußen von sechs Milliarden Euro jährlich – im Durchschnitt 50 000 pro Praxis. „Tausende Praxen müssten schließen“, warnt der PKV-Verband.

Ärzte verdienen allerdings auch in Österreich nach wie vor gut. Viele unterhalten reine Privatpraxen. Das funktioniert, weil die Kassen, anders als in Deutschland, ihren Versicherten ein Gutteil der privaten Arztkosten erstatten. Private „Wahlärzte“ dürfen auch überweisen und krankschreiben.

Auf den Kassenvertrag verzichten in großer Zahl vor allem Fachärzte – so etwa zwei von drei Gynäkologen und Psychiatern. Ihre Patientinnen und Patienten müssen in Vorlage treten und bekommen dann von der Kasse bis zu 80 Prozent des Betrags zurück, den ein Kassenarzt für dieselbe Leistung verlangen darf. Die Wahlärzte dürfen aber auch weit höhere Honorare nehmen.

Einen gesetzlichen Sicherstellungsauftrag für die ambulante Versorgung, wie die deutschen Kassenärzte ihn haben, kennen die Wahlärzte nicht: Sie machen keine Nachtdienste und können ihre Praxen offen halten, wann es ihnen beliebt. In manchen Fachgebieten und vor allem auf dem Land haben die Kassen deshalb Probleme, Vertragsärzte zu bekommen.

Im Effekt zahlen die Versicherten in Österreich einen höheren Anteil der ambulanten Arztkosten aus eigener Tasche – in erster Linie die Besserverdienenden. Insgesamt ist das System bei gleicher Leistung aber billiger: In Deutschland werden unter dem Strich von 100 erwirtschafteten Euro 11,30 für Gesundheit ausgegeben. In Österreich sind es nur 10,40 Euro.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Österreich

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