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Korsika Gesetz des Schweigens auf Korsika

Auf Korsika gab es in diesem Jahr bereits 20 Morde. Keiner davon ist bislang aufgeklärt worden. Eine Spurensuche in einer Region voller Armut und Nationalismus.

Der Beerdigungszug für den ermordeten Jacques Nacer, Industrie- und Handelskammerpräsident Südkorsikas. Foto: AFP

Halogenlampen tauchen das Herrenbekleidungsgeschäft „Ecce Uomo“ in gleißendes Licht. Ob Fasern, Fusseln, Falten, im Fokus der Leuchten bleibt nichts verborgen. Glaubt man. Bis man die Verkäuferin fragt: Ist es hier passiert? Sie antwortet nicht. Sie nickt nicht einmal. Sie kennt die Überlebensregel Nummer eins in Korsika: Schweigen ist Gold.

Dabei weiß es jeder hier in der korsischen Hauptstadt Ajaccio: Das Bekleidungsgeschäft ist der Tatort. Hier wurde Jacques Nacer ermordet, einer dieser vernetzten, einflussreichen Korsen. Nacer war Besitzer des „Ecce Uomo“ und Präsident der Industrie- und Handelskammer Südkorsikas. Seine Ermordung im Erdgeschoss des Hauses Nummer 19 der Rue Cardinal Fesch, gelegen in der bedeutendsten Einkaufsstraße Ajaccios, war eine Hinrichtung. Der Mörder, ein Mann mit vermummtem Gesicht, hat die Stufen zum Laden genommen, ging durch den mit Parkett ausgelegten Verkaufsraum, vorbei an grauen Sitzwürfeln, bis zu Nacer. Dann zog er einen Revolver und drückte aus nächster Nähe vier Mal ab.

Zwanzig Morde hat Korsika in diesem Jahr zu verzeichnen. Fast alle erinnerten an Hinrichtungen. Zuletzt wurden ein Bauunternehmer und ein Kleinkrimineller von Kugeln durchsiebt. Das war kurz nach der Ermordung Jacques Nacers, der Mitte November erschossen wurde. Sein Tod produzierte mehr Schlagzeilen als die Ermordungen seiner weniger illustren Landsleute. Was nicht heißt, dass diese Tat irgendwas an der Situation in Korsika ändern würde. Die Menschen schweigen weiter.

Manchmal ist dieses Schweigen so offenbar, dass es sich in der Umgebung bemerkbar macht. Zum Beispiel entlang der Straßen, die sich Täler und Schluchten hinaufwinden. Kruzifixe und Blumensträuße erinnern an Verkehrstote. Oder in Ajaccio, wo Marmortafeln an Märtyrer gemahnen, die im Krieg gefallen sind. An die Opfer des organisierten Verbrechens erinnert nichts. Ihr Tod liegt im Dunkeln. Und dort wird er wohl auch bleiben. Keiner der zwanzig Morde ist aufgeklärt. Sicher, es gibt Spuren. Im Falle von Jacques Nacer führen sie zur Industrie- und Handelskammer Südkorsikas, der CCI.

Lichtgestalten und Dunkelmänner

Man spürt es beim Betreten des Verwaltungsgebäudes der Handelskammer am Hafen von Ajaccio: Hier residiert die Macht. Die Freitreppe aus Marmor, das Spalier turmhoher Palmen, die an ein Kirchenschiff gemahnende Empfangshalle – Selbstbewusstsein, ja, Selbstherrlichkeit tritt da zutage. Welten liegen zwischen diesem Glaspalast und dem Rest der Insel. Den geduckten, aneinander gekuschelten Häusern der Innenstadt mit ihren Fassaden in verwaschenen Ocker- oder Orangetönen. Ganz zu schweigen von den schmuddeligen Bars am Bahnhof oder den seelenlosen Mietskasernen am Stadtrand, wo lebt, wer gesellschaftlich wie geografisch abgedrängt wurde.

Die Industrie- und Handelskammer Südkorsikas liegt mitten in der Stadt. Sie verfügt über einen Jahresetat von 80 Millionen Euro, verwaltet Handels-, Jacht- und Flughäfen und spricht bei der Vergabe öffentlicher Aufträge maßgeblich mit. Jacques Nacers Vorgänger Raymond Ceccaldi ist wegen betrügerischer Auftragsvergabe 2007 festgenommen und zu drei Jahren Haft verurteilt worden. Ceccaldis Vorgänger Gilbert Casanova sitzt wegen Rauschgifthandels im Gefängnis.

Dass dort die Fäden der Macht zusammenlaufen, unter Jacques Nacers Vorgängern das Verbrechen florierte, hat Verdacht erregt. Nach der Ermordung des Vorsitzenden haben die Fahnder die CCI ins Visier genommen. Aber just in der Industrie- und Handelskammer verlaufen sich die Spuren auch wieder. Denn gefunden haben die Polizisten nichts. Auf Frankreichs Innenminister Manuel Valls wirft das alles kein gutes Licht. Mit 20 Morden pro 320?000 Einwohner hat Korsika es 2012 zur gefährlichsten Region Frankreichs, wenn nicht Europas gebracht. Nach den tödlichen Schüssen auf den CCI-Präsidenten waren der Minister und seine Kollegin vom Justizressort nach Ajaccio geeilt. Valls bekundete seine Entschlossenheit, „die Mauer des Schweigens zu brechen“. Der Minister hat Zeugen Anonymität in Aussicht gestellt. Täter, die Komplizen belasten, sollen zum Lohn Strafmilderung erhalten. Auch will Valls mehr Polizisten bereitstellen, die Zusammenarbeit von Gendarmerie, Kriminalpolizei und Geheimdienst zu verbessern.

Das Problem: Die Korsen glauben nicht daran, dass sich etwas ändern könnte. Laut einer Umfrage des Instituts „Opinion of Corsica“ sind 68 Prozent der Bevölkerung der Meinung, dass es der Minister nicht schaffen wird, die Gewalt einzudämmen. Auf Korsika, wo fast jeder jeden kennt, wo Lichtgestalten und Dunkelmänner, glühende Nationalisten und mit Paris sympathisierende Politiker oft zur selben Familie, zum selben Clan zählen, ist es wohl auch im Schutz der Anonymität nicht ratsam zu reden.

Jacques Orsoni redet. Der Wirtschaftswissenschaftler lehrt nicht nur an der Corte-Universität, der einzigen Hochschule Korsikas, sondern ist zudem Gründer einer Managementschule. Gehobenes Bürgertum. Jacques Orsoni kennt die Insel und zeigt Ursachen der Gewalt auf, legt Zusammenhänge frei. Korsika, die französische Region mit der höchsten Mordrate, sei zugleich die ärmste Region des Landes, erzählt er. Die Jugendarbeitslosigkeit sei auf der Insel besonders hoch, der Graben zwischen Arm und Reich besonders tief.

„Das wirtschaftliche Elend ist der Nährboden, auf dem die Gewalt Wurzeln geschlagen hat und immer wilder wuchert“, sagt Orsoni. Eine florierende Industrie, eine nennenswerte Zahl mittlerer oder gar großer Betriebe habe es nie gegeben, und so habe Korsika Jahrhunderte lang nicht Waren, sondern Menschen exportiert: Soldaten, Polizisten, Beamte und nicht zuletzt Banditen. 1,2 Millionen Korsen lebten heute auf dem französischen Festland, in Frankreichs ehemaligen Kolonien oder auf fernen Kontinenten.

Wer nicht mitspielt, riskiert sein Leben

„Die Banditen sind nun zurückgekehrt“, erzählt Orsoni. Sie hätten erkannt, dass der auf Korsika boomende Tourismus und die daraus resultierende Bodenspekulation größeren Gewinn verspreche als Spielcasinos oder Bordelle in Marseille, Oslo oder Saigon. Die Heimkehrer hätten aus den Heerscharen arbeitsloser Jugendlicher Mitstreiter rekrutiert, Banden gebildet. Sie setzten Bürgermeister unter Druck, Agrar- als Bauland auszuweisen, den Wert eines Grundstücks mit einem Federstrich zu verhundertfachen. Sie versorgten Touristen mit Kokain und Prostituierten. Wer nicht mitspiele, auf der falschen Seite stehe, dem falschen Bandenboss zuarbeite, ob Bürgermeister, Gemeinderat, Notar oder Anwalt, riskiere sein Leben.

Der ganz in Schwarz gekleidete Orsoni, der während des Gespräches mal melancholisch, dann wieder wissend lächelt, hat seine eigenen Erfahrungen mit den korsischen Zuständen gemacht. Er war selbst Bürgermeister. Von 1995 bis 1997 leitete er die Geschicke Veros, eines im bergigen Hinterland Ajaccios gelegenen Dorfes, in dem er noch heute lebt.

Die Häuser sind dort aus Natursteinbrocken errichtet, Fenster sind ins Mauerwerk eingelassene Nischen. Brunnen plätschern. Schafe blöken. Aus einem Schornstein steigen weiße Rauchwölkchen. Orangenbäume und Feigenkakteen biegen sich unter der Last ihrer Früchte. Am Horizont schimmert silbern das Meer. Kein Verkehrslärm, kein Handygeklingel. Für gestresste Städter ist Vero ein Idyll.

Auf den ersten Blick jedenfalls. Wer genauer hinsieht, entdeckt unweit der Kirche ein von Kugeln durchlöchertes Verkehrsschild. An einer Einfahrt hängt das weichgezeichnete Schwarz-Weiß-Foto eines jungen Mannes. „Guido Orsoni, ermordet am 17. 6. 1983, Märtyrer der korsischen Sache“, steht darunter. Guido war der Bruder Alain Orsonis. Alain Orsoni ist eine Berühmtheit auf der Insel. Er ist Präsident des AC Ajaccio, des berühmtesten Fußballclubs Korsikas. Zudem ist er korsischer Nationalist und arbeitete eng mit Jacques Nacer zusammen. Auch Alain Orsoni lebt hier. Vielleicht weiß er mehr über die Ermordung.

Erkundungen im Nachbarhaus. Aus dem Türrahmen tritt ein Rentner mit schlohweißem kurzem Haar. Der Alte erzählt, dass „Alain hier wohnt, aber kaum noch da ist, weil er um sein Leben bangt“. Mehr wisse er nicht. Aber vielleicht kann er mal erzählen, wie es dem Wirtschaftswissenschaftler Jacques Orsoni im Rathaus von Vero ergangen ist? Der alte Mann wendet sich ab, kehrt in sein Haus zurück.

Auch Jacques Orsoni will über die Zeit nicht reden. Wichtiger ist ihm diese Feststellung: „Auch wenn Alain und ich den gleichen Namen tragen, wir haben nichts miteinander zu tun.“ Die Angst geht um auf Korsika. Sie hat auch das gehobene Bürgertum erfasst. Wohlstand und gesellschaftliches Ansehen, das haben die jüngsten Bluttaten gezeigt, sind keine Lebensversicherung mehr.

Normal sein wie die Bretagne

In einem Café Ajaccios sitzt ein bedeutender Teil dieses Bürgertums, die Honoratioren der Stadt. Die Inspektorin Marie-Dominique Roustan-Lanfranchi ist gekommen, die Korsikas Krankenhäuser und andere medizinische Einrichtungen kontrolliert, ein General und auch ein ehemaliger Parlamentsabgeordneter. Die unter Stuckgirlanden und Barockengeln sitzenden Bürger eint der Wunsch, ihre Insel möge eine französische Region sein wie jede andere auch, wie die Bourgogne, wie die Bretagne, ganz normal eben. Dafür haben sie einen Verein gegründet, in dessen Namen der Wunsch aufscheint. „France – Corse“ heißt er. Die Vereinsmitglieder glauben: Gäbe es auf der Insel keine aufrührerische, nationalistische Minderheit, die den Zentralstaat sabotierte, herrschte himmlische Ruhe, hätte alles seine Ordnung.

„Wir sind alle ehrenwerte Bürger, wir sprechen für die schweigende Mehrheit, für jene 65 Prozent der Korsen, die bei den Wahlen zum Regionalparlament 2010 für nicht nationalistische Parteien gestimmt haben“, stellt die Inspektorin Roustan-Lanfranchi klar.

Nicht, dass sie die Nationalisten für Mörder hielte, mit Mafiosi gleichsetzen wolle. Aber die Autonomie- und Unabhängigkeitsstreiter, sagt sie, wollten mit Frankreichs Polizei und Justiz nicht zusammenarbeiten, lieferten die Insel so lieber der Herrschaft krimineller Banden aus als den Continentaux, den Festlandfranzosen. Stillschweigend billigten nationalistische Politiker obendrein, dass die Untergrundorganisation FLNC, die Nationale Korsische Befreiungsfront, Villen in die Luft sprengt, die Ausländern oder Franzosen vom Festland gehören.

Tatsächlich liegt die letzte „blaue Nacht“, wie die Korsen diese Anschläge nennen, nicht lange zurück. Am 7. Dezember haben FLNC-Kommandos an den Küsten der Insel 27 Villen gesprengt. In einem Kommuniqué hatte die Organisation zuvor angekündigt, nicht kampflos hinzunehmen, dass „Ausländer auf einer 300000-Seelen-Insel jährlich 4?500 Zweitwohnungen errichten“.

Ein Korsika nach dem Vorbild der Bourgogne oder Bretagne, das ist wohl Wunschdenken.

Auch Jean-Pierre Bonnafoux ist sich da ganz sicher. „Wir Korsen haben ein ganz anderes Selbstverständnis als die Festlandfranzosen“, sagt er. Der Mann mit den dichten Brauen, dem Dreitagebart und den Lachfalten ist Priester. Fast 20 Jahre lang hat er in den korsischen Bergen das Wort Gottes verbreitet, sich aber auch in Menschliches eingemischt, Streitigkeiten geschlichtet. In den Bergen, so glaubt Bonnafoux, habe er den wichtigsten Charakterzug der Korsen verstanden. „Die Dorfgemeinschaft, der Clan, die Familie sind ihnen heilig.“ Der Staat dagegen, den die Inselbewohner fast nur als Werkzeug irgendwelcher Besatzungsmächte kennengelernt hätten, der bedeute ihnen wenig. Das wolle der französische Innenminister Manuel Valls aber nicht wahrhaben. Ein Fehler, sagt der Priester. „Deshalb wird er scheitern.“

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