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Korsika Behutsamer Weg zur Unabhängigkeit

Frankreichs Armenhaus – die Urlaubsinsel Korsika – erlebt einen geschickt vorangetriebenen nationalistischen Umbruch.

Talamoni und Simeoni
Korsika im Juni: Talamoni (r.) und Simeoni (l. daneben) feiern einen Wahlsieger ihres Bündnisses. Foto: afp

Wenn Jean-Guy Talamoni nach einer seiner regelmäßigen Barcelona-Reisen in Bastia oder Ajaccio aus dem Flugzeug steigt, muss ihm seine Insel vorkommen wie das Paradies. Anders als Talamonis katalanische Mitstreiter, die auf dem Weg zur erhofften Unabhängigkeit schmerzliche Rückschläge erlitten haben, schreitet der Korse im Kräftemessen mit Frankreich frohgemut von Erfolg zu Erfolg. 

Anders freilich auch als der zurzeit im belgischen Exil weilende katalanische Freund Carles Puigdemont geht der im Dezember 2015 zum korsischen Parlamentspräsidenten gekürte Chef der Unabhängigkeitspartei Corsica Libera behutsam zu Werke. Nicht dass sich der Separatist jemals vom bewaffneten Kampf der Nationalen Korsischen Befreiungsfront (FLNC) distanziert hätte, der die „Ile de la Beauté“, die Insel der Schönheit, bis 2014 erschütterte. Auch pflegt Talamoni Frankreich unter Verkennung der Rechtslage einen „befreundeten Staat“ zu nennen. Aber der 57-jährige Jurist verfügt bei allem nationalistischen Eifer eben auch über Augenmaß und Geduld. Er will den zweiten Schritt nicht vor dem ersten tun. 

Mit seinem ersten Schritt näherte er sich dem gemäßigten Nationalisten Gilles Simeoni (50) und dessen Bewegung Femu a Corsica („Machen wir Korsika“) und reichte dem weitgehende Autonomie fordernden charismatischen Lebemann die Hand zum Wahlbündnis. Gemeinsam gewann das Duo im Dezember 2015 die Regionalwahlen. Nach 23 Jahren in der Opposition wurde Talamoni Parlamentspräsident, Simeoni Regierungschef. Bei den französischen Parlamentswahlen im Juni legte das Bündnis dann nach, eroberte drei der vier auf Korsika ausgeschriebenen Sitze. Und nun ist auch schon der dritte Sieg zum Greifen nah – ein Sieg von historischen Ausmaßen. 

Anfang Dezember sind die Korsen nun aufgerufen, ein von 50 auf 63 Sitze aufgestocktes Parlament zu wählen, das an die Stelle zweier Departement-Vertretungen und der bisherigen Regionalkammer treten soll. Laut Umfragen werden Talamoni, Simeoni und ihre Mitstreiter am 3. und 10. Dezember erneut triumphieren und in Ajaccios von Palmen und Blumenrabatten gesäumten Parlamentspalast die stärkste politische Kraft stellen. 

Nicht dass die 320.000 Korsen mehrheitlich von Frankreich fortstrebten. Bevor gemäßigte und radikale Nationalisten 2015 in der zweiten Wahlrunde gemeinsame Sache machten, waren Talamonis Separatisten auf 7,7 Prozent gekommen, Simeonis Femu a Corsica“ auf 17,6. Aber zum einen sind die Nationalisten besser organisiert als die dem Zentralstaat verbundene politische Konkurrenz. Zum andern haben Talamoni und Simeoni die Zeichen der Zeit erkannt. 

Wie Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron versprechen sie umfassende politische Erneuerung. Und wie Macron haben auch sie den Worten Taten folgen lassen. Die Macht einflussreicher Familien wie die Giacobbis, Zuccarellis oder die Rocca Serras, die Korsikas Geschicke Jahrzehnte lang bestimmt haben, ist zwar nicht gebrochen. Aber sie schwindet. Die Nationalisten haben so manchen der Korruption verdächtigen Patriarchen abgelöst. 

Sie sind es nun, die im Rahmen der Korsika gewährten Autonomie über Wirtschaft, Soziales und Verkehr befinden. Und sie versuchen, Paris noch weitere Rechte abzutrotzen, Steuerhoheit zu erlangen oder auch die Einführung des Korsischen als zweite Amtssprache durchzusetzen. 

Unverändert groß ist freilich die Armut auf der Insel, die Urlauber mit blauem Meer, weißen Stränden und grünen Bergen erfreut. In keiner anderen französischen Region sind Jugendliche und Senioren so arm wie auf Korsika. Fast 40 Prozent der Bewohner haben keinen Bildungsabschluss. 

Angesichts dieser Misere will so mancher Korse wenigstens seinen Nationalstolz bewahren und stimmt an Wahltagen konsequent für diejenigen, die ihm huldigen – Talamoni und Simeoni eben. „Wir stehen vor der Herausforderung, ein ganzes Land aufzubauen“, hat Simeoni kürzlich eingeräumt. „Ein Land“? Offenbar haben er und der separatistische Partner auch begrifflich zueinandergefunden.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Frankreich

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