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Kopftuchverbot Zwanghaft neutral

Menschenrechtler prangern Kopftuchverbote an.

Foto: FR-Infografik

Sara, Gymnasiallehrerin in Nordrhein-Westfalen, ist eigentlich ein Vorbild an Integration: abgeschlossenes Studium, Heirat erst nach Ende der Uni-Ausbildung, den Ehemann selbst ausgesucht und nicht von den Eltern aufgezwungen. "Ich bin ein Muster für das, was sie suchen", sagt sie stolz. Doch Saras Selbstbewusstsein hat einen Knacks bekommen: Als gläubige Muslima ist sie vom Kopftuchverbot an Schulen in NRW betroffen. Sie erinnert sich an den ersten Tag im Lehrerzimmer ohne Kopftuch: "Man fühlt sich so erniedrigt. Es ist etwas anderes, wenn ich das Kopftuch nicht mehr tragen will, aber wenn es unter Zwang geschieht..."

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) hat Sara für ihre Untersuchung über die Kopftuchverbote in deutschen Bundesländern befragt. Die am Donnerstag vorgestellte Studie "Diskriminierung im Namen der Neutralität" kommt zu einem vernichtenden Befund: Die Verbote verstoßen gegen diverse internationale Menschenrechtsverträge, weil sie Frauen mehrfach benachteiligen - wegen ihrer Religion, ihres Geschlechts und in der freien Berufswahl.

Acht Monate hat HRW für den Bericht recherchiert, hat neben betroffenen Frauen auch Ministerien, Politiker und Wissenschaftler befragt sowie die Gesetze untersucht. Ergebnis: In Deutschland gilt in Sachen Religionsausübung längst nicht gleiches Recht für alle. Acht Bundesländer haben ein Kopftuchverbot für Lehrkräfte an öffentlichen Schulen, fünf von ihnen erlauben aber zugleich Ausnahmen für christliche Symbole oder Kleidungsstücke und sehen darin keinen Widerspruch zur religiösen Neutralitätspflicht der Schulen. Die übrigen acht Länder nehmen keinen Anstoß an der Haarbedeckung.

Die Verbote stürzen die Betroffenen oft in existenzielle Konflikte. "Sie werden gezwungen, sich zu entscheiden: mein Beruf oder mein Glaube?", beschreibt HRW-Forscherin Haleh Charokh. Das treffe oft Frauen, die zuvor jahrelang ohne Probleme als Lehrerin gearbeitet haben. Der Bericht zitiert eine Grundschullehrerin aus Nordrhein-Westfalen: "Man hat plötzlich das Gefühl, ,wir wollen euch nicht'... aber wohin soll ich verschwinden? Ich gehöre doch hierher." Manche Frauen sehen sich gezwungen, ihren Beruf aufzugeben oder verlassen Deutschland gleich ganz - obwohl sie hier aufgewachsen sind.

Nicht nur Lehrerinnen betroffen

Auch wenn die Verbotsregelungen das Kopftuch nicht ausdrücklich nennen - in der Praxis, so hat Human Rights Watch ermittelt, trafen die Verbote und Prozesse "seit ihrem Inkrafttreten keinen einzigen Mann, sondern nur Kopftuch tragende Frauen". Und die Stigmatisierung reicht über den Lehrberuf hinaus: Auch in anderen Berufsfeldern würden muslimische Kopftuchträgerinnen bei der Jobsuche benachteiligt, hat die Berliner Landesstelle für Gleichbehandlung festgestellt.

Auswege aus der Misere sind schwer zu finden. HRW sieht vor allem die Bundesländer in der Pflicht, ihre Verbotsregelungen kritisch zu überprüfen. Weil der Appell allein wenig ausrichten dürfte, fordert die Organisation zugleich internationalen Druck: Der Menschenrechtskommissar des Europarats und die UN-Sonderberichterstatterin für Religionsfreiheit sollten Deutschlands Umgang mit Muslimas kritisch unter die Lupe nehmen.

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