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Kopftuchproteste im Iran Mit kreativem Protest zum Erfolg

Die sogenannten Kopftuchproteste im Iran haben nicht zu einem schnellen Sieg geführt – doch mit Geduld und Einfallsreichtum erobern sich die Frauen ihre Freiheit langsam und gewaltfrei zurück.

Iranische Frauen in Teheran
Iranische Frauen in Teheran, die den Kopftuchzwang so liberal wie möglich interpretieren. Foto: imago

Die Revolutionsstraße in Teheran ist vor allem für ihre zahlreichen Buchhandlungen und Cafés bekannt. In der Straße und um sie herum tummeln sich immer eine Menge Studentinnen und Studenten, die die nahen Universitäten besuchen. Doch seit Ende Dezember 2017 steht die Straße auch noch für etwas anderes – sie steht für den Kampf der Frauen.

Vor dem berühmten Café Farance, dem Treffpunkt von Studierenden und Intellektuellen, stellte sich damals eine junge Frau auf einen Stromkasten. Sie hatte ihr Kopftuch an einen Stock gebunden und hielt ihn in der Hand. Still stand sie da, wie eine Statue. So protestierte die 31-jährige Vida Movahed gegen den Kopftuchzwang im Iran. Das Bild von ihr und ihrem Kopftuch am Stock kursierte sofort in den sozialen Netzwerken und in den internationalen Medien. Kurz darauf wurde Vida Movahed verhaftet, laut ihrer Anwältin aber nach einer Weile wieder freigelassen.

Viele Frauen machten es ihr daraufhin nach – an verschiedenen Orten, aber auch auf dem Stromkasten, auf dem Vida Movahed stand. Die Bewegung breitete sich im ganzen Land aus, die Frauen der Revolutionsstraße wurden zu einer immer größeren Gruppe. Immer wieder wurden Frauen wegen ihres Protests festgenommen, manche bekamen langjährige Haftstrafen, einige wurden wieder freigelassen.

Vor allem in westlichen Medien wird immer wieder gefragt, was aus diesen Protesten geworden sei. Diese Frage kann problematisch sein, weil sie die Erwartung impliziert, dass die Proteste schnell zu einer Änderung in der Gesellschaft führen sollten. Geschieht dies nicht, bleibt oft automatisch eine gewisse Hoffnungslosigkeit zurück.

Wie bei einer Demonstration, bei der es nicht darum geht, was aus ihr werden soll, sondern um die Demonstration an sich, ist die Natur dieser Proteste das Wesentliche. Es geht darum, eine Haltung öffentlich zu machen. Ihre Folgen zeigen sich oft erst im Lauf der Zeit. Die Proteste der Frauen sind nicht vor kurzem entstanden. Sie sind vielmehr Teil eines langjährigen kollektiven Widerstands, der immer wieder neue Ausdrucksformen findet. Betrachtet man diesen Widerstand über Jahre hinweg, sieht man, dass die iranischen Frauen die Gruppe sind, die der Autorität gegenüber am ungehorsamsten gegenüberstehen. Seit der Islamischen Revolution gilt eine strenge Kleidervorschrift: Haare und Körper der Frau sollen vollständig bedeckt werden. Das vorgeschriebene Kopftuch, der Hidschab, wird vom System einerseits als Schutz der Frau beworben, andererseits zwing die Sittenpolizei die Frau mit Gewalt dazu, es zu tragen.

Dazu kommt noch Willkür: Mal ist der Verkauf kurzer Frauenmäntel verboten, mal der von Mänteln, die vorne offen sind. Mal sind lange Röcke nicht erlaubt, mal kurze Hosen. Trotzdem braucht man nur einen Blick auf die iranischen Straßen zu werfen, um zu sehen, dass diese Verbote und Anordnungen nicht funktionieren. Mehr als die Hälfte der Frauen zeigt trotz des Kopftuchzwangs ihre Haare und hat das angeblich Unpassende an. Immer wieder definieren die Iranerinnen ihre eigene „Norm“ für ihre Straßenoutfits – nie stellt diese die Obrigkeit zufrieden. Jetzt lenkt sie sogar ein: Kürzlich erklärte Generalstaatsanwalt Mohamed Dschafar Montaseri den Kampf gegen die „unislamische“ Kleidung der Frauen im Iran für gescheitert. Das gewaltsame Vorgehen der Staatsmacht dagegen habe nichts gebracht und dem Land nur geschadet.

Frauen kämpfen um das Recht ins Stadion zu gehen

Die Auseinandersetzung mit den Kleidervorschriften ist nur einer der Aspekte, gegen den sich der Widerstand der iranischen Frauen richtet. Ein großer Teil des Staatsapparats ist ständig damit beschäftigt, die Präsenz der Frauen in der Öffentlichkeit zu beschränken. Das neuste Beispiel ist der Stadionbesuch.

Zu den Spielen iranischer Männermannschaften durften Iranerinnen seit der Islamischen Revolution nicht mehr in die Stadien. Um dieses selbstständige Recht wiederzuerlangen, kämpften die Frauen sehr lange. Das System hat den Protest stets mit der Ausrede beiseitegeschoben, man habe wichtigere Probleme. Unterdessen besuchten einige Frauen einfach in Männerkleidung und mit angeklebtem Bart die Stadien.

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