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Kony 2012 und die Folgen Aufschrei ohne Wirkung

Vor einem Jahr wurde Rebellenführer Joseph Kony über Nacht zu einer der bekanntesten Personen des Internets - durch die Kampagne Kony 2012. Millionen Menschen weltweit wurden mobilisiert - doch bewirkt hat die Kampagne wenig.

Zeitgeschichte à la USA: Die kalifornischen Organisatoren von „Kony 2012“ stellen den Ugander in eine Reihe mit Osama bin Laden und Adolf Hitler. Foto: Invisible Children

Eines muss Ekkehard Forberg zugeben: "Kony 2012 hat bewirkt, dass das Schicksal der Kindersoldaten in Afrika viel mediale Aufmerksamkeit bekommen hat". Er würde sich wünschen, dass etwas von dieser Aufmerksamkeit auch in Zukunft fortbesteht, fügt der Experte von World Vision hinzu. World Vision ist eine der weltweit größten Entwicklungshilfeorganisation und betreut seit Jahren ehemalige Kindersoldaten in Uganda - also auch Opfer des Rebellenführers Joseph Kony. Doch über die Internetkampagne zu seiner Ergreifung, die im vergangenen Jahr Millionen Menschen weltweit bewegte, hat Forberg wenig Positives zu sagen.

Überhaupt scheint von dem beispiellosen virtuellen Aufschrei, der sich im März 2012 schneller als ein Virus im Netz ausbreitete, kaum etwas übrig geblieben zu sein. Damals wurde ein 30-minütiges Video über die Verbrechen des ugandischen LRA-Chefs Joseph Kony allein auf Youtube fast 100 Millionen mal angeklickt - und schaffte es damit auf Platz 3 der meistgesehenen Clips des Jahres. Das Video des US-Amerikaners Jason Russell bildete den Kern der Kampagne von Russells Organisation "Invisible Children", die am 5. März 2012 startete. Ihre simple Botschaft: Helft mit, Kony zu schnappen.

Skepsis gegenüber NGOs ausgelöst

"Das war ein Aufmerksamkeitsblitz", urteilt Forberg, "nicht mehr". An der Situation vor Ort habe die Kampagne aber nichts geändert, "weder an der Lage der Zehntausenden von Kindersoldaten, noch an der Bedrohung durch die LRA", die mit 2000 Kämpfern weiterhin die Dörfer im Dreiländereck aus Kongo, Sudan und Zentralafrikanischer Republik unsicher mache. Die Kampagne sei vor Ort nicht verankert gewesen - und habe deshalb auch keine nachhaltige Wirkung entfalten können, kritisiert Forberg.

Die Arbeit der Teams vor Ort habe die Kampagne immerhin nicht erschwert, bestätigt Forberg. Eine Studie des britischen Medienforschungsinstituts IBT kommt zu einem anderen Ergebnis: Das Video sei für falsche Behauptungen, den Mangel an einheimischen Stimmen und den neo-imperialistischen bzw. militärischen Ansatz in Uganda massiv kritisiert worden. Die Skepsis gegen über "Invisible Children" habe sich teilweise auch auf andere NGOs übertragen, heißt es da. "Kony2012" habe gezeigt, dass eine Kampagne die über alle Ländergrenzen hinweg in minimaler Geschwindigkeit Menschen erreichen und mobilisieren könne, doch das Ausmaß sei den Machern zum Verhängnis geworden: Kony 2012 sei an der Herausforderung gescheitert, Inhalte zu schaffen, die die Menschen aufrüttelten, doch gleichzeitig Abstufungen und Komplexität zuzulassen.

Übersetzt heißt das: Kony 2012 hat vor allem deswegen so gut funktioniert, weil es es so einfach gestrickt war. Der böse Rebellenchef, den es nur zu schnappen gilt, damit die Welt im Allgemeinen und Uganda im spezielleren ein besserer Ort wird. Ein klares Ziel, zu dessen Erreichen die Menschen nur das Video weiterverbreiten mussten. World-Vision Experte Forberg weiß, dass es so einfach nicht ist. "Die Konflikte in der Region haben ökonomische Ursachen und sind komplex, simple Lösungen werden ihnen nicht gerecht."

Einmaliger Erfolg für "Invisible Children"

"Invisible Children" selbst ist es nicht gelungen, den medialen Erfolg von Kony 2012 zu wiederholen. Die Kritik an dem Film und an der Spendenverwendung war massiv. Zudem machte Regisseur Russell mit Eskapaden und Zusammenbrüchen Schlagzeilen. Schon die Beteiligung am weltweiten Aktionstag im April fiel eher mager aus. Das Nachfolgevideo "Kony 2012: Part. II" sahen gerade noch eine Million Menschen. Dem Aufruf, die eigenen Kongressabgeordneten in Washington für das Thema zu sensibilisieren, folgten im November nach Angaben der Organisation nur noch 700 US-Bürger. Vom Internet-Sturm sei nur "ein laues Lüftchen" zurückgeblieben, urteilt Markus Beckedahl, Mitbegründer von netzpolitik.org.

Ihr wichtigstes Ziel hat die Organisation ohnehin nicht erreicht: Obwohl die UN im Juni 2012 die Entsendung von 5000 Soldaten der Afrikanischen Union zur Ergreifung des LRA-Rebellenführers zustimmte, ist Joseph Kony ist nach wie vor auf freiem Fuß.

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