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Kongo Eine Hölle für Frauen

Die Irakerin Nadja Murad und der Gynäkologe Denis Mukwege erhalten heute in Oslo den Friedensnobelpreis für ihren Kampf gegen sexuelle Gewalt. Im Kongo, wo Mukwege arbeitet, sind Vergewaltigungen zu einem Kriegsinstrument geworden.

Oslo
Projektion am Rathaus in Oslo. Hier erhalten am Montag der kongolesische Arzt Denis Mukwege und die irakische Jesidin Nadja Murad den Friedensnobelpreis für ihren Kampf gegen sexuelle Gewalt. Foto: afp

Sie kamen mitten in der Nacht, sagt Pascaline Furaha. Die „Banditen“ teilten die Bewohner ihres Dorfes Bumba in der ostkongolesischen Nord-Kivu-Provinz in Männer, Frauen und Kinder auf: Gemeinsam mit zwölf anderen Frauen wurde die damals 16-jährige Pascaline in den Urwald verschleppt. Was mit den anderen Dorfbewohnern geschah, weiß sie bis heute nicht.

Einer der Entführer, die sich mit ihrer Sprache Kinyarwanda als ehemalige Völkermörder aus dem Nachbarland Ruanda verrieten, nahm sich Pascaline anschließend zur Frau. Die anderen Dorfbewohnerinnen erfuhren dasselbe Schicksal. Als die meisten von ihnen schwanger wurden, teilten ihnen ihre sogenannten Ehemänner mit, sie und die Kinder würden nur überleben, wenn sie ihnen Söhne gebären. Im siebten Monat schwanger riskierte Pascaline die Flucht: Heute sitzt sie im Krankenhaus „Heal Africa“ im 75 Kilometer entfernten Goma – mit ihrer anderthalbjährigen Tochter Vanessa auf dem Schoß. 

Andere Frauen, die ihren Weg hierher fanden, hatten weniger Glück. In der gynäkologischen Abteilung des Hospitals werden Dutzende von Patientinnen behandelt, die vergewaltigt, misshandelt, fast zu Tode geschunden wurden. Viele leiden an Fisteln, die sich in ihrem verletzten Unterleib gebildet haben. Die beiden ostkongolesischen Kivu-Provinzen seien „die schlimmste Region der Welt, in der man als Frau geboren werden kann“, sagt Heal-Africa-Therapeutin Georgina Kavira. 

Im Panzi-Hospital in Gomas Nachbarstadt Bukavu ist auch der Gynäkologe Denis Mukwege tätig, der heute in Oslo – zusammen mit der irakischen Menschenrechtsaktivistin Nadja Murad – den Friedensnobelpreis erhält. Mukwege soll in den vergangenen zwei Jahrzehnten fast 40 000 Patientinnen durch die Rekonstruktion ihrer Vagina zu einem neuem Leben verholfen haben. „Wir sind sehr stolz auf Denis“, sagt Georgina Kavira: „Ein wenig betrachten wir seine Auszeichnung auch als die unsere.“

Zur Zeit geht es im „Heal Africa“ eher ruhig zu: Nur 50 Frauen suchen hier monatlich Hilfe. Aber wegen der bevorstehenden Wahlen können jederzeit wieder Kämpfe ausbrechen. In den Kivu-Provinzen tummeln sich mehr als 100 bewaffnete Gruppen: Die atemberaubend schöne Landschaft zählt zu den unruhigsten Regionen der Welt. Selbst die Streitkräfte des Landes beteiligen sich an der Schändung von Frauen: Offiziere geben ihren oft unbezahlten Soldaten den Befehl, sich mit der Plünderung von Dörfern und der Vergewaltigung von Frauen schadlos zu halten.

Gewalt gegen Frauen sei längst zu einem Mittel der Kriegsführung geworden, sagt Passy Mubalama, die in Goma die Frauenrechtsorganisation „Aidprofen“ ins Leben gerufen hat- „Nichts erniedrigt einen Afrikaner mehr als die Vergewaltigung seiner Frau, die er ja eigentlich beschützen soll.“ Mit Gewalt gegen Frauen wird die Sozialstruktur einer Gemeinschaft am verheerendsten zerstört: Sie ist zu einer „Massenvernichtungswaffe“ geworden, sagt Denis Mukwege.

Viele vergewaltigte Frauen trauen sich wie Pascaline Fuhara nicht mehr in ihr Dorf, weil sie und ihre Kinder dort als Aussätzige behandelt werden. Oft versuchten sie, unter allen Umständen zu verschweigen, was ihnen zugestoßen sei, sagt Mubalama. Die Täter bleiben unbehelligt. Auf die Justiz ist im Kongo ohnehin kein Verlass: Die Fälle, in denen ein Vergewaltiger oder gar ein Offizier, der die Schändung von Frauen befohlen hat, vor dem Kadi landet, sind an einer Hand abzuzählen. 

Auch Pascaline Furaha macht sich keine Hoffnung, dass ihr Entführer im Gefängnis landen könnte. Doch dass ihre Tochter Vanessa einmal die Schule besuchen und anders als sie lesen und schreiben lernen kann, die Hoffnung gibt sie nicht auf.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Kongo

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