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Kongo Das Recht des Stärkeren

Die jüngste Massenvergewaltigung im Ostkongo zeigt, dass Gewalt gegen Frauen nicht nur Waffe im Krieg, sondern Alltagspraxis ist. Die Täter werden nicht bestraft, die Opfer haben zerfetzte Vaginen und sind HIV-infiziert.

08.09.2010 17:10
Andrea Jeska
In ihr Dorf, wo man nach ihrer Vergewaltigung auf sie zeigte und nicht auf die Täter, will Leonie Nozu nicht zurück. Vorerst wird sie in einer Klinik in Goma behandelt. Foto: Andrea Jeske

Leonie Nozu kann ihr Wasser nicht halten. Bei jedem Schritt tropft Urin aus ihrer Blase und läuft ihre Beine hinab. Leonie stinkt. Ihr Verlobter ekelte sich und hat sie verlassen. Eigentlich ekelt sich jeder vor ihrem Geruch, Leonie selbst auch. Andere 23-Jährige haben in ihrem Land schon ein Baby. Leonies Unterleib ist so zerrissen, dass er kein Kind wird tragen können. Es sei denn, den Ärzten gelingt es, die Löcher zwischen Leonies Vaginawand und ihrer Blase zu vernähen.

Fistula heißt Leonies Leiden. Es ist das Ergebnis sexueller Gewalt, der keine Lust zugrunde lag. Nur Zerstörung. Leonie ist ein Vergewaltigungsopfer. Eine Gruppe von johlenden Soldaten hat sie an einem Mittag im letzten September verschleppt, als sie gerade ihr Dorf in der Region Masisi im Ostens Kongos verlassen hatte. „Frauen werden bei uns vergewaltigt und immer wieder vergewaltigt, das ist alltäglich“, berichtet Leonie. „Du gehst aufs Feld zur Arbeit oder in den Wald, um Holz zu suchen, du läufst die Straße hinunter und dann kommen Soldaten und zerren dich hinter einen Busch, sperren dich in eine Hütte. Dann machen sie tagelang mit dir, was sie wollen, bis du schwer verletzt bist und sie dich einfach liegen lassen.“

Vergewaltigung ist im Ostkongo längst nicht mehr nur ein Instrument des Krieges. Kongolesische Männer haben gelernt, dass sie mit der sexuellen Gewalt gegen Frauen ungestraft davonkommen. Enthemmtheit durch Straflosigkeit hat das Maß an Grausamkeit erhöht. Bei der jüngsten Massenvergewaltigung in der ostkongolesischen Stadt Luvungi Ende Juli wurden die mindestens 240 Opfer vor ihren Ehemännern und Kindern vergewaltigt. Auch Männern trifft es zunehmend. Doch gesellschaftliche Scham verhindert, dass dies thematisiert wird und die Männer Hilfe erhalten.

Aids und Traumata als Vergewaltigungsfolgen sind bekannt. Über Fistula redete man lange nicht. Auslaufender Urin, löchrige Darmwände, zerrissene Vaginen sind schließlich kein ästhetisches Thema, ein in Europa fast unbekanntes dazu. In Afrika aber sind eine Million, weltweit drei Millionen Frauen betroffen und täglich, so eine Zahl des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA), kommen schätzungsweise 50.000 neue Fälle hinzu. Fistula treten meist während der Geburt auf, im Kongo aber sind sie das Ergebnis sexueller Gewalt durch Gegenstände. Stöcke, Äste, Macheten oder, wie in Leonies Fall, Gewehrkolben. Das zerstörte Gewebe wird durchlässig für Kot und Urin.

„Ich habe mich nur geschämt“

Zur Schande, missbraucht worden zu sein, kommt die Schande des schlechten Geruchs. Die Betroffenen werden häufig von ihren Familien, selbst von der Dorfgemeinschaft verstoßen und führen ein Leben in Armut und Isolation. Leonie, hager und mit einem Gesicht, das weit älter wirkt, als es ist, redet ungern über ihre Krankheit. Sie wäre gern schön und gesund, nicht innerlich zerfetzt und schlecht riechend. Lange hat sie geglaubt mit einem Fluch belegt worden zu sein. Der Zusammenhang zwischen der Vergewaltigung und ihrem Zustand hat sich ihr nicht erschlossen. „Ich wusste nicht, was mit mir geschehen war. Ich habe mich nur geschämt.“

Erst 2003 wurde das Problem von Ärzten in Entwicklungsländern so öffentlich gemacht, dass die Vereinten Nationen Fistula auf die Liste der Krankheiten setzten, die bekämpft werden sollen. Bis zum Jahr 2015 sollen zumindest durch Geburten ausgelöste Scheidenfisteln der Vergangenheit angehören.

Die „End-Fistula“-Kampagne fordert qualifizierte Hebammen, mehr Aufklärung und bessere Behandlung bei Schwangerschaftsproblemen, mehr Krankenstationen, aufmerksamere Ärzte. Mit dem Budget von 25 Millionen US-Dollar werden die geforderten Maßnahmen jedoch kaum zu verwirklichen sein.

Wirkungslos bleibt bislang auch der internationale Druck auf die kongolesische Regierung in Kinshasa, gegen die Vergewaltiger, zumeist Angehörige bewaffneter Milizen oder Regierungssoldaten, vorzugehen. Seit 2008 ist Vergewaltigung in bewaffneten Konflikten laut UN-Resolution 1820 ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit oder Tatbestand eines Völkermordes. Das ist zwar deutlich, doch es bleiben leere Worte, solange die Instrumentarien fehlen, die Täter zur Verantwortung zu ziehen.

Zum Weltfrauentag im März verdeutlichte die Organisation Medica Mondiale, die sich für traumatisierte Frauen in Krisengebieten einsetzt, dass der Krieg im Kongo zwar beendet ist, die Zahl der brutalen sexuellen Übergriffe jedoch kaum zurückgegangen sei. Die vergewaltigende Soldateska schert sich um Friedensabkommen nicht. Kinshasa und seine Gesetze sind weit weg, im Ostkongo herrscht eigenes Recht, und das ist das der Stärkeren.

Leonies Leidensweg begann lange vor der Vergewaltigung. Siebenmal ist sie vor Kämpfen geflohen. Wie Vieh habe sie sich vor Soldaten und Fronten hergetrieben gefühlt, sagt sie. Was sie mitnahm, war nie mehr, als sie tragen konnte. Ihre besten Töpfe, gemahlenes Maismehl, ein bisschen Öl, hart gebackene Brotfladen, eine Decke. Auf jeder Flucht sei sie mindestens einmal ausgeraubt worden. So verschwanden die Habseligkeiten, meist blieben ihr nicht einmal die Lebensmittel. Zurück in ihr Dorf kam sie jedes Mal als Bettlerin.

Bei Heal Africa erfuhr Leonie zum ersten Mal, dass sie nicht allein mit ihrem Leiden ist. Heal Africa ist eine von Kirchen und Privatspendern getragene Organisation mit eigener Klinik speziell für vergewaltigte Frauen. Dort zeigte man Leonie Hygienemaßnahmen, stellte ihr eine Psychologin zur Seite. Die Gemeinschaft der anderen Frauen gab Leonie Mut. „Ich habe aufgehört, mich schmutzig zu fühlen.“

Die Klinik ist einer der wenigen Orte, an denen die Frauen nicht nur medizinische, sondern auch seelische sowie rechtliche Betreuung erfahren. Pro Jahr sind es knapp fünfhundert Frauen, die wegen Vergewaltigungsschäden operiert werden. Mehr als ein Drittel davon sind Mädchen unter zehn Jahren. Die jüngsten Opfer sind zwei Jahre alt. „Die Hemmschwelle wird niedriger“, sagt der Klinik-Mitbegründer Lyn Lusi. „Vor allem junge Männer, die keine Perspektiven haben und nie etwas anderes erfuhren als kriegerische Strukturen, sind zur Gefahr geworden. Die Zahl der Kinder, die von Gruppen vergewaltigt werden, steigt stetig an.“

Leonies Operationstermin steht kurz bevor. 90 Prozent betragen die Erfolgschancen für die OP. Leonie hat sich für einen Nähkurs angemeldet, den Heal Africa zur Existenzsicherung anbietet. Geheilt will sie nach Kinshasa gehen, dort – mal wieder – eine neue Existenz aufzubauen. In ihr Dorf nach Masisi, wo man mit dem Finger auf sie zeigte und nicht auf die Täter, will sie nicht zurück.

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