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Konflikt mit Taliban IS breitet sich in Afghanistan aus

Mit einer neuen Strategie machen IS-Terroristen im Norden Afghanistans den Taliban Konkurrenz. Kann die Zentralregierung von dem Streit profitieren?

Taliban
In Kabul führen Sicherheitskräfte einen mutmaßlichen Taliban-Mann samt Sprengstoff vor. Foto: rtr

Die leeren Fenster der Ruine der deutschen Botschaft in Kabul gähnen weithin sichtbar wie finstere Höhlen. 40 Jahre politischer Wirren hatte das Gebäude weitgehend unbeschadet überstanden. Seit dem Selbstmordanschlag Ende Mai mit rund 1000 Toten und Verletzten wirkt die Ruine als Symbol der gescheiterten internationalen Politik seit dem weitgehenden Abzug westlicher Truppen Ende 2014.

Berliner Diplomaten bescheren Präsident Aschraf Ghani und seiner Mannschaft mit der Versicherung seltene Momente der Hoffnung, wenn sie ihr zukünftiges Engagement bestätigen. So nimmt Kabul auch Meldungen für bare Münze, laut denen Berlin sein Kontingent von derzeit knapp 1000 Soldaten um rund 50 Prozent erhöhen wird, um die neue Afghanistan-Strategie des US-Präsidenten Donald Trump zu unterstützen.

Doch selbst rund um das im Norden des Landes gelegene Masar-i-Scharif, wo bislang die meisten Bundeswehr-Soldaten stationiert sind, sieht es ziemlich düster aus. Man muss sich ordentlich strecken, um jenseits der bunt bemalten Mauern voller Friedenssymbolik einen Blick auf die Gebäudereste des Generalkonsulats zu erhaschen, das ein Attentat im November 2016 zertrümmerte.

Inzwischen tauchen überall im Norden Afghanistans verstreute Zellen der Terrortruppe „Islamischer Staat“ (IS) auf. „Im Herzen sind das lauter alte Taliban“, glaubt ein Kenner. Doch „Daesh“, so der arabische Name für den IS, gräbt den alteingesessenen radikalislamischen Milizen im Norden Afghanistans fast überall das Wasser ab. „In einem Dorf im Distrikt Darsab“, erzählt Yosif Mohaidinpoor, stellvertretender Polizeichef der Provinz Dschuzdschan in der Provinzhauptstadt Scheberghan, „haben IS-Kämpfer tagelang in einem verlassenen Dorf den Taliban aufgelauert und die Gotteskrieger dann abgeschlachtet.“

Rund 1000 IS-Kämpfer stehen nach den Angaben des Vizepolizeichefs in dem vom Rest der Provinz abgeschnittenen Distrikt Darsab südlich von Scheberghan etwa doppelt so vielen Taliban gegenüber. Ein Schachzug sorgte im Distrikt Darsab dafür, dass die Zahl der IS-Kämpfer innerhalb weniger Wochen von 400 auf 1000 anstieg. „Die Daesh-Leute haben dort die Oberhand“, sagt Abdul Hai Hayat, der Vorsitzende des gewählten Provinzrats von Dschuzdschan. Der Grund: Im Gegensatz zu den Taliban haben sie keine Paschtunen als Dorfvertreter ausgewählt, sondern usbekische Dorfälteste benannt.

Der Norden Afghanistans wird überwiegend von ethnischen Tadschiken, Usbeken oder schiitischen Hazaras besiedelt. Die von Paschtunen dominierten Talibanmilizen haben seit ihrer Gründung im Jahr 1994 aber mit Vorliebe Leute aus der eigenen Ethnie in wichtige Posten gehoben.

IS zwingt Taliban zum Umdenken

Die erfolgreiche IS-Konkurrenz zwingt die radikalislamischen Milizen zum Umdenken. „Wir ernennen im Norden jetzt auch mehr Leute aus anderen Volksgruppen“, sagt ein Talibanfunktionär im Osten des Landes, wo der IS mittlerweile ganze Landstriche dominiert. Ob dies hilft, den IS im Norden Afghanistans zu stoppen, bleibt abzuwarten.

„Der Gewinner des Konkurrenzkampfes sind wir“, sagt der stellvertretende Polizeichef Mohaidinpoor. Außerhalb seines mit dicken Betonblöcken verbarrikadierten Büros ist freilich wenig von Siegen der Regierung zu spüren. Selbst die lebenswichtige Straße zum 140 Kilometer entfernten Masar-i-Scharif ist rund um den Distrikt Ajqa nicht mehr sicher.

In der Provinz werden gegenwärtig nur noch 75 Prozent des Territoriums von der Regierung kontrolliert. Der Rest befindet sich in Händen von Daesh oder Taliban. Landesweit beherrscht Kabul nach den Worten von Rangin Dadfar Spanta, Leiter des Afghan Institute for Strategic Studies und früherer Sicherheitsberater von Ex-Präsident Hamid Karsai, weniger als 50 Prozent des Territoriums.

Mehr als 100.000 der insgesamt 266.000 aus dem Landesinneren vertriebenen Afghanen stammen aus dem Norden des Landes. Das Internationale Rote Kreuz beschloss Anfang Oktober nach dem gewaltsamen Tod von acht Mitarbeitern, ihre Büros in den Städten Kundus und Maimana zu schließen und die Aktivitäten in Masar-i-Scharif drastisch zu reduzieren.

Bislang scheint die neue Strategie von US-Präsident Trump wenig Wirkung zu zeigen. Dabei bombardierten die USA im September nach eigenen Angaben 751 Ziele. Das entspricht 25 Luftangriffen pro Tag. Zuletzt war der Luftkrieg in Afghanistan im Jahr 2010 so intensiv. Insgesamt flogen die USA bisher in diesem Jahr 3238 Angriffe. Sollte die künftige Bundesregierung der Entsendung zusätzlicher Soldaten zustimmen, müssen sie sich also auf einiges gefasst machen – selbst wenn sie überwiegend zur Ausbildung der afghanischen Sicherheitskräfte geschickt werden.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Afghanistan

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