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Kolumne zum "Tatort" Im Fadenkreuz

Der "Tatort" ist meine semi-heilige Kuh, die mich mit Deutschland versöhnt. Diese Serie spiegelt die Gebrochenheit einer Nation, die Nationalstolz zu Recht verlernt hat.

Die Schauspieler Jan Josef Liefers (l.) als Rechtsmediziener Prof. Karl-Friedrich Boerne und Axel Prahl als Kommissar Frank Thiel. Foto: dpa

Wir müssen reden. Über eine der letzten medialen Instanzen im deutschen Sprachraum, in denen sich unsere Gesellschaft beschrieben und reflektiert wird. Über eine der viel zu raren Sternstunden der ARD, eine Sonntagabendinstitution, meine semi-heilige Kuh: den „Tatort“.
Ja, ich bin ein Fan. Für mich ist der „Tatort“ die Massenkultur, die mich mit Deutschland versöhnt. Diese Serie spiegelt die Gebrochenheit einer Nation, die Nationalstolz zu Recht verlernt hat. An dessen Stelle treten im „Tatort“-Idealfall: ein nachdenkliches Bemühen um Menschlichkeit, Mitgefühl, Verantwortung. Mit einem Sammelsurium von Typen, die in der Summe irgendwie Familie sind. Ein guter „Tatort“ verhandelt gesellschaftliche Realität, wie es viele Medien viel zu selten tun: von Fremdenhass bis Billiglohn, vom Pharmaschwindel bis Familienterror. Mal im großen Bogen, mal im feinen Detail. Immer lautet seine demokratische Kernbotschaft: Es gibt einen Haufen Probleme, aber wir arbeiten dran. Und ist dabei hoffentlich noch spannend, witzig und/oder klug.

Rambo statt Tatort

Gestern Abend war, seufz, wieder alles gut. Auch das Münsteraner Blödel-Duo lieferte keinen klassischen „Tatort“. Es passt trotzdem. Vor zwei Wochen aber litt ich Höllenqualen. Als der groß angekündigte Herr Schweiger, mit Sonderetat des NDR, als neuer Hamburger Rambo statt eines „Tatorts“ eine geballte Ballerladung blutiger Kitsches ablieferte. Er gab, umrahmt von allerlei Pyrotechnik, den knackigen Arsch, den lieben Papa, den Ritter der Jungfrauen und Zwangsprostituierten. Er wollte ein echter Action-Held sein.
Und war doch nur Ego-Shooter. Die Fernsehkritik, die, das lernten wir tags darauf, noch tiefer in der Krise steckt als der „Tatort“, feierte ihn als neuen Schimanski („Die Zeit“ u.a.), der, irgendwie geil amerikanisch, „alles richtig“ macht („Stern“). „Hier werden nicht feinsinnig Indizien zusammengepuzzelt“, freute sich die „Welt“, „hier wird mit der Faust reingeschlagen und gern auch mal ordentlich rumgeballert“. Und der „Spiegel“ jubelte, dass nun „das, was ein ‚Tatort‘ ist oder sein sollte, in Fetzen hängt. Endlich.“

Alle sind Schweine

Es ist dieser rotzige Überdruss, der allen Feinsinn gern als betulich, pädagogisch, sozialdemokratisch abtut. Oder gleich mit dieser Allzweck-Keule, die jede Debatte erschlägt: „politisch korrekt“. Und dabei übersieht, dass diese Schweiger-Figur eine Weltsicht transportiert, die man auch in schlechten US-Filmen findet. Alle sind Schweine – die Ganoven sowieso, aber auch die Bullen, die Justiz, die Politik, der ganze verdammte Staat. Nur wenn der superharte Solo-Held sie alle mit seiner extrafetten Wumme wegpustet, gibt es noch einen Funken Hoffnung auf Gerechtigkeit. So wird der Gesellschaft die Fähigkeit abgesprochen, Probleme zu lösen. So wächst die Sehnsucht nach dem starken, letal durchgreifenden Kerl. Was der wunderbare Schimanski übrigens, trotz Anflügen von Selbstjustiz, nie war. Der war nur lebenshungrig und verzweifelt.
Hängen wir es nicht zu hoch. Wegen eines Egomanen im „Tatort“ wird weder das Abendland untergehen noch ein neuer Faschismus ausbrechen. Doch wäre es schön, wenn der NDR nach Jauch und Schweiger nicht auch noch Heidi Klum für die Tagesschau unter Vertrag nimmt. Können wir uns darauf einigen?

Tom Schimmeck ist freier Autor.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

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