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Kolumne Konzept für Krippen I

Bei der Kinderbetreuung fehlt es in Deutschland an Fachschulen, guten Lehrkräften und Gehaltsaussichten. Stattdessen dröhnendes Nichts in den „Curricularen Bausteine“ für Frühpädagogik.

09.10.2012 15:08
Götz Aly
Götz Aly

Vom kommenden Januar an verfügt jedes einjährige Kind über den gesetzlichen Anspruch auf einen Krippenplatz. Vielerorts werden die räumlichen und pädagogischen Mindestansprüche für Kleinstkinder nicht erfüllt. Selbst über das Wort Krippe herrscht Uneinigkeit. Es ist in weiten Teilen der rückständigen Westzone verpönt. Man muss dort vage von U3-Betreuung sprechen. U3 bedeutet Kinder unter drei, wie charmant. Anders als in Frankfurt am Main oder Reutlingen werden in Berlin und in Nordrhein-Westfalen Krippenkinder häufig in bestehende Kitas hineingepresst. Es ist jedoch falsch, quicklebendige Vierjährige mit Einjährigen zusammenzusperren, die sich an ihren ersten Krabbel- und Stehversuchen erfreuen. Derartiges Durcheinander findet auf dem Rücken der Erzieherinnen statt, nimmt den Kleinkindern Sicherheit und Ruhe und hemmt die Spiellust der älteren. Die Verantwortlichen beschönigen den Wirrwarr als „altersgemischte Familiengruppen“.

Unsere Familienministerin redet über Geld, Bedarfslücken, untätige Länder und das bayerische Getue um die Herdprämie – über die Frage, an welchen Standards der Pädagogik, der umsichtigen und einfühlsamen Pflege Krippenerzieherinnen zu messen wären, schweigt sie. Wie gleichgültig das Problem behandelt wird, demonstrierte Ursula von der Leyen. Im vergangenen Juni wollte sie arbeitslos gewordene Frauen der Firma Schlecker ruck, zuck zu Krippenerzieherinnen umschulen lassen. So nicht! Es fehlt ein Berufsbild, es fehlen Fachschulen, gute Lehrkräfte, Gehaltsaussichten und spätere Aufstiegsmöglichkeiten für diejenigen, die sich für den Beruf der Krippenerzieherin und des Krippenerziehers entscheiden. Das gibt es in Frankreich, nicht jedoch im derzeitigen Deutschland. Wer die 2011 erschienenen „Curricularen Bausteine“ für Frühpädagogik liest, gerät in ein dröhnendes Nichts. Die Schrift heißt „Profis für Krippen“, die Verfasserinnen preisen sie als Beitrag zur „nachhaltigen Qualitätsoffensive“. Sie sprechen darin von „basalen Regulationsfähigkeiten“ und vom „Streben nach Autonomie und Kontrolle“ der Säuglinge und Kleinkinder. Schön. Und dann? Ganz einfach, so lesen wir in „Baustein 1“, mit dem unsere „frühpädagogischen Fachkräfte“ getrimmt werden sollen: „Für die Bearbeitung dieser Entwicklungsthemen setzen Säuglinge und Kleinkinder kognitive sowie affektive Verarbeitungsmodi und ein vielfältiges Verhaltensrepertoire ein.“ Hätten Sie das gewusst?

Hier ein historischer Vorschlag zur Güte: In den Krippen der DDR arbeiteten 1989 rund 65.000 an Fachschulen speziell ausgebildete Krippenerzieherinnen und Kinderkrankenschwestern. Greifen wir auf diese Erfahrungen zurück, die 1990/91 rüde zertreten wurden. Ich behaupte nicht, dass alles daran gut gewesen ist, aber vieles bleibt bedenkenswert. Krippen unterstanden in der DDR der Gesundheitsverwaltung; die Ausbildung der Erzieherinnen verantwortete seit den 1970er-Jahren Eva Schmidt-Kolmer. Sie wurde 1913 in Wien geboren, emigrierte 1938 nach England, weil sie Jüdin war, und folgte 1946 ihrem Freund Heinz Schmidt in die spätere DDR. Sie starb 1991 und hinterließ ein wunderbar konkretes, deshalb diskutierbares wissenschaftliches Lebenswerk über frühkindliche Erziehung. Darüber mehr am nächsten Dienstag.

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