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Kolumbien Hoffen auf Frieden in Toribío

Das kleine Städtchen Toribío in Kolumbien ist seit Jahren blutiger Schauplatz des Guerilla-Kriegs zwischen Farc-Rebellen und der Armee. Seit Ende Juli herrscht Waffenruhe und damit vorsichtiger Optimismus.

Beerdigung zweier Nasa-Indianer, die von Farc-Rebellen getötet wurden. Foto: REUTERS

Frieden schaffen ohne Waffen – schön und gut, aber wie macht man das? Doch nicht mit diesem halbmeterlangen Holz-Stöckchen, an dem zwei Bommel baumeln, einer rot und einer grün? Doch, sagt Oscar Vítonas, genau damit. Der Stab aus Chonta-Hartholz sei das Symbol der Autorität und des Friedens, die Bommel symbolisierten das Blut der Vorfahren und die Natur ihres Territoriums. „Waffen haben wir nie gebraucht, wir haben sie nie vermisst“, beteuert Oscar.

Aber wie mag ihnen zumute gewesen sein mit ihren Chonta-Stäben, als sie letzten November in dem Weiler Sesteadero sieben schwer bewaffneten Rebellen gegenüberstanden? Die Plakate zum Ruhme von Alfonso Cano aufhängen wollten, des Chefs der „Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens“ (Farc), der auf den Tag genau drei Jahre vorher bei einer Operation der Armee getötet worden war?

Sesteadero gehört zur Gemeinde Toribío. Dort leben fast nur Nasa-Indianer. Und die haben sich als „neutral“ erklärt, nachdem sie jahre-, jahrzehntelang von den Kombattanten aller Seiten geschunden wurden – von 2000 bis jetzt sind über 640 unbeteiligte Nasa getötet worden. Deshalb haben sie Drogenlabore aus ihrem Gebiet verwiesen, die Maschinenparks illegaler Minen in Brand gesetzt und sich sogar gegen Kontrollposten der Polizei verwahrt. Sie wollen weder mit den beiden Guerilla-Truppen noch mit den Paramilitärs noch mit Kolumbiens Armee etwas zu tun haben. Und um sich Respekt zu verschaffen ohne Waffen, hat Toribío die „guardia indígena“ aufgestellt, also eine Indianer-Miliz, die Oscar Vítonas ausbildet und trainiert.

„Wir verteidigen unser Leben und unser Land, was ungefähr dasselbe ist“, sagt Vítonas. Bei Bedarf verstärkt durch weitere Freiwillige, besteht die Garde aus gut 200 Männern, Frauen, Jugendlichen, die in der Gemeinde – riesige 495 Quadratkilometer groß und von 34 000 Menschen bewohnt – nach dem Rechten sehen. Und zwar mit nichts anderem als der Autorität ihrer Chonta-Stäbe.

„Sie waren zu fünft, und sie haben die Herren Rebellen aufgefordert, die Plakate schleunigst abzunehmen“ – so schildert Gabriel Paví den Ausgangspunkt des Zwischenfalls, der den Indianern den Beifall von fast ganz Kolumbien einbrachte; Paví ist die oberste indianische Autorität in Toribío. Es kommt zu einem Wortwechsel, die Rebellen berufen sich auf den Befehl ihres Anführers, plötzlich fallen Schüsse. Einer aus der Nasa-Patrouille ist sofort tot, ein zweiter wird schwer verletzt und stirbt später.

Über Sprechfunk ruft die Wache Verstärkung herbei. Fünf-, sechshundert Nasa kreisen die Rebellen ein. Nicht nur die sieben, sondern den ganzen, im Wald versteckten Trupp, der sich nach einigem Hin und Her ergibt. Es folgt ein drei Tage währendes Tribunal, das ein paar Tausend Nasa und außerdem halb Kolumbien gebannt verfolgen. Der Schütze wird zu 60, vier andere zu je 40 Jahren Haft verurteilt, die milderen Strafen bestehen aus Peitschenhieben.

Und da in Kolumbien die Justiz der Indigenen von der Verfassung anerkannt ist und durch die „weiße“ Rechtsprechung nicht aufgehoben werden darf, sitzen die fünf tatsächlich in einem staatlichen Gefängnis. „Ihre Waffen haben wir ins Feuer geworfen“, beschließt Paví die Schilderung des Zwischenfalls, auf den sie in Toribío außerordentlich stolz sind.

Die Farc ist die älteste militärisch noch aktive Freischärlergruppe der Welt; 1964 begann sie ihren Guerilla-Krieg. 2002 sah es mal so aus, als sei der Frieden herbeizuverhandeln. Aber dann ging alles schief und wurde noch viel schlimmer. Zeitweise war das ganze Land nicht mehr sicher, nicht einmal die Großstädte. Attentate, Entführungen, Vertreibungen, militärische Gegenschläge verwandelten Kolumbien in ein Schlachtfeld, auf dem die Armee, die beiden Guerilla-Gruppen, paramilitärische Milizen und die Drogenmafia der Zivilbevölkerung das Leben zur Hölle machten.

Das harte militärische Vorgehen nach 2002 hat die Lage deutlich verändert. Der Konflikt wurde vom heute weitgehend sicheren Zentral-Kolumbien an die Peripherie verschoben: in die Weiten des Amazonasbeckens, an die Pazifikküste oder eben in die südwestliche Ecke des Landes, nach Nord-Cauca, eine von tief eingeschnittenen Tälern und schneebedeckten Gipfeln geformte Berglandschaft, in der auch Toribío liegt.

Dass gerade diese Ecke nach wie vor Konfliktzone ist, hängt mit ihrer Lage zusammen. Denn zwischen Küste und Dschungel bildet sie eine Art Korridor – für Waffen und Bewaffnete, für Kokain, Marihuana, illegal gehandelte Tiere, Gold, andere Edelmetalle. Für alles eben, was den Konflikt nährt und am Laufen hält. Caucanistan, Toribistan – nicht umsonst hat sich die Presse solche Bezeichnungen ausgedacht.

Einst hatte die Farc an die 20 000 Kämpfer. Heute sind es vielleicht noch 8000. Ein Viertel davon soll in Cauca sitzen – Farc-Chef Cano wurde ganz in der Nähe von Toribío gestellt und getötet. Da sich ihnen kaum noch jemand aus Überzeugung anschließt, rekrutieren sie mit Gewalt. „Und damit rekrutieren sie ihre eigenen Verräter“, vermutet eine Gesprächspartnerin, die früher selber mal bei der Guerilla war, „Cano und die anderen Chefs sind doch nicht von der Armee aufgespürt, sondern von ihren Leuten verraten worden!“ Politische Ziele wie etwa die Abschaffung des Großgrundbesitzes sind bei der Farc sowieso völlig in den Hintergrund getreten – im Vordergrund stehen Geld und Macht.

Vor drei Jahren überraschte Präsident Juan Manuel Santos die Welt mit der Ankündigung, seine Regierung werde mit der Farc in Kuba Friedensgespräche aufnehmen. Verhandeln, als ob es keinen Krieg gäbe, und Krieg führen, als ob nicht verhandelt würde – so hoffte Santos dem weitverbreiteten Misstrauen zu begegnen. Denn die Meinungen der meisten Kolumbianer über die Farc schwanken zwischen unbeliebt und verhasst. Geschwächt, so sehen es viele, wurde sie durch die militärische Eskalation nach 2002 – Gespräche ermunterten sie nur.

Landreform, Drogen, Wiedergutmachung, Demilitarisierung, Eingliederung der Farc-Leute ins politische Leben – solche harten Nüsse sollen in Kuba geknackt werden. Anfang des Jahres verkündeten die Rebellen eine Feuerpause, die die kriegerischen Zwischenfälle tatsächlich um 80 Prozent verringerte. Aber im Mai wurde sie von der Farc gebrochen, dann auch formell aufgehoben, die Armee schlug wieder heftiger zu – in einer tieferen Krise waren die Gespräche nie.

Aber als hätten alle einen Riesenschreck bekommen, lenkten beide Seiten ein. Ende Juli verkündeten die Rebellen eine neue Waffenruhe, Santos ließ die Bombardierung von Farc-Camps einstellen, und zugleich setzte er den Gesprächen erstmals ein Ultimatum von vier Monaten. Zurzeit herrscht wieder neuer Optimismus. Eine Wahrheitskommission ist beschlossen, Armee und Farc haben gemeinsam begonnen, Landminen zu räumen.

Aus der Provinzstadt unten in der Ebene windet sich das Sträßchen hinauf nach Toribío, vorbei an Gärten, blühenden Bougainvillea und den dunkelgrün leuchtenden Marihuana-Feldern, über denen am Abend zahllose Glühbirnen angehen, um die Pflanzen zu flotterem Wachstum zu animieren. Oscar Cuellar, der unten arbeitet und von oben stammt, erläutert die ökonomische Grundlage: „Ein Kaffeebusch braucht 18 Monate, dann kann der Bauer vier Pfund Kaffeebohnen ernten, für die er 16 000 Pesos“ – gut fünf Euro – „erlöst, aber ein Busch Marihuana braucht viel weniger Platz, ist in dreieinhalb Monate erntereif und bringt 35 000 Pesos“. Und das sei sogar wenig – vor drei Jahren, als die Super-Sorte Punto Rojo neu eingeführt war, kassierten die Bauern über zwanzigmal so viel. Die Gewinnspannen bei Coca sind ähnlich wie bei Marihuana heute, bloß dass man mehr investieren muss. „Toribío lebt schon digital!“, verkündet die Werbung der Handyfirmen, aber zwischen den alten Ford-Pick-ups traben noch eine Menge Pferdefuhrwerke herum. Es ist ein wuseliger Markttag in Toribío – „so wie 2011, als die Chiva-bomba explodierte“, sagt Oscar. Und daran können sich alle hier erinnern: Die Farc lud eine der bunt bemalten „chivas“, die zum Omnibus umgebauten Laster, mit Sprengstoff gefüllten Gaszylindern voll und ließ die Bombe mitten ins Markttreiben rollen. Dass nur drei Menschen umkamen, gilt bis heute als glücklicher Zufall. Über 100 waren verletzt, 460 Häuser beschädigt.

Herr Bürgermeister, ist Toribío bereit für den Frieden? „Die Hoffnung ist sicherlich groß“, antwortet Ezequiel Vítonas in seinem winzigen Amtszimmer, „aber was ist, wenn die in Kuba unterschreiben und hier geht’s genauso weiter wie bisher?“ Denn genau das ist die Befürchtung in Toribío: dass die einzelnen Teile der Farc, wenn die Auflösung ansteht, womöglich gar nicht mehr auf die Führung hören. Dass sich, was als ein ideologisch motivierter, sozialrevolutionärer Kampf begann, einfach in Bandenkriminalität auflöst. Dass Farc und Paramilitärs, die schon jetzt punktuell zusammenarbeiten, den Krieg einfach weiterführen, als blutiges, illegales Privat-Geschäft, mit Gold und Kokain, mit Überfällen und Erpressung, mit Todesdrohungen und Bomben.

Vítonas, der ebenfalls Nasa-Indianer ist, setzt den Beginn der Ungerechtigkeit zwar bei 1492 an, der Entdeckung Amerikas, kommt aber sehr schnell auf die Gegenwart. Obwohl sich die Nasa auf koloniale Rechtstitel stützen können, sind sie aus der fruchtbaren Ebene hinauf die Berge vertrieben worden; wo sie einst lebten, wogen heute die Zuckerrohrfelder, die von großen Agrarfirmen zur Ethanolproduktion bestellt werden.

Die 49 500 Hektar der Gemeinde sind bis auf zehn Hektar Stadtzentrum als Indianerland anerkannt. „Das hört sich ja nicht schlecht an, so viel Land für 34 000 Menschen“, räumt Vítonas ein, „aber 80 Prozent von uns hängen von der Landwirtschaft ab, 70 Prozent der Fläche sind Wald, 50 Prozent sind schwer erodiert, weil dort das Vieh der Großgrundbesitzer geweidet hat, bevor wir es als Indianerland zurückbekommen haben.“ Und außerdem – da schweift der Blick des Bürgermeisters über die Wellblechdächer vor seinem Zimmerfenster zu den Bergketten am Horizont – besteht das Land meist aus steilen Abhängen. So dass sie begonnen haben, in der Ebene Land zu besetzen – weniger in der Hoffnung, gegen die Polizei bestehen zu können, als vielmehr in der Hoffnung, dadurch ihre Ansprüche zu unterstreichen.

Sie sind keine Bittsteller. Sie züchten Forellen und setzen monatlich 120 Tonnen ab. Es gibt Nasa-Kaffee, Nasa-Milchprodukte, Nasa-Mineralwasser, Nasa-Fruchtsäfte. „Es ist nicht so, dass wir in die Hände klatschen, wenn irgendwelche Großunternehmen ein paar Jobs anbieten, wir organisieren das lieber horizontal, damit wir möglichst viel davon haben“, sagt der Bürgermeister, „und wenn sich Unternehmer von draußen darauf einlassen wollen, sind sie uns willkommen.“

Der Frieden kann in Kuba beschlossen werden – bewähren muss er sich an Orten wie Toribío. „Zwei Drittel aller Bewohner der Gemeinde können grundlegende Bedürfnisse nicht befriedigen, geklärtes Wasser gibt’s nur hier im Zentrum, in manchen Schulen hier haben die Kinder nicht mal ein Pult“, fasst der Bürgermeister zusammen. Und immer wieder kommt er auf die Landverteilung zurück – das alte Problem Kolumbiens, das vor mehr als einem halben Jahrhundert den Guerilla-Krieg ausgelöst hat und nun, womöglich an dessen Ende, immer noch besteht.

Und solange diese Probleme nicht angepackt werden, sieht es düster aus für den Frieden. „Hier gibt’s Familien, die haben den einen Sohn in der Armee und den anderen in der Guerilla“, umreißt Vítonas die Folgen der Chancenlosigkeit für die Jugend. „Im letzten Jahr sind 95 Schulabgänger von hier direkt zur Farc gegangen, weil sie keine anderen Perspektive sahen.“

Auch die Farc-Leute, die die Indianer-Garde der Nasa gefasst hat, waren alle Nasa.

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