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Kolonialverbrechen in Deutsch-Südwestafrika "Jeder Herero wird erschossen"

Deutsche Kolonialherren löschten im heutigen Namibia vor mehr als 100 Jahren fast den gesamten Stamm der Herero aus. Keine deutsche Regierung wollte das Verbrechen bislang als Völkermord anerkennen. Heute befasst sich der Bundestag mit diesem Teil deutscher Vergangenheit.

01.03.2012 06:01
Bettina Vestring
1904 im damaligen Deutsch-Südwestafrika: Vor dem Abmarsch in den Kampf gegen die Hereros wird die 2. Marine-Feldkompanie eingesegnet. Foto: dpa

Deutsche Kolonialherren löschten im heutigen Namibia vor mehr als 100 Jahren fast den gesamten Stamm der Herero aus. Keine deutsche Regierung wollte das Verbrechen bislang als Völkermord anerkennen. Heute befasst sich der Bundestag mit diesem Teil deutscher Vergangenheit.

Dieser Völkermord ist bis heute ungesühnt geblieben. Keine deutschen Regierung hat sich je dafür entschuldigt, dass die deutschen Kolonialherrenzwischen 1904 und 1908 in Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia, fast das gesamte Volk der Hereros planmäßig umgebracht hatten. Ob schwarz, ob grün, ob rot, ob gelb – kein Kanzler und kein Außenminister haben Abbitte geleistet. Heute unternimmt die Linksfraktion einen neuen Anlauf im Bundestag, um die Regierung zu einer Entschuldigung und Wiedergutmachung zu zwingen. Doch die Aussichten für den Antrag sind schlecht. Welche Schande für ein Land, das sich auf seine Vergangenheitsbewältigung so viel zu Gute hält.

„Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero, mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen“, hatte der deutsche Generalleutnant Lothar von Trotha 1904 befohlen. „ Ich nehme keine Weiber und Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volke zurück oder lasse auf sie schießen.“ Mit 15.000 Soldaten war von Trotha in die deutsche Kolonie geschickt worden, um einen Aufstand der Hereros niederzuschlagen. In der Schlacht am Waterberg schlug das kaiserliche Expeditionskorps die Stammeskrieger vernichtend.

Die überlebenden Hereros brachen durch den deutschen Belagerungsring durch und flohen in die Omaheke-Steppe. Von Trotha ließ die Wasserstellen abriegeln. Zehntausende von Menschen, unter ihnen viele Frauen und Kinder, verdursteten. Wer sich ergab, wurde in Konzentrationslagern eingesperrt, einer teuflischen Erfindung aus dem Burenkrieg im benachbarten Südafrika. Schätzungen zufolge –dieses unrühmliche Kapitel der deutschen Geschichte ist nicht sehr gut erforscht – starben vier Fünftel des Herero-Stammes. Zu den 60.000 bis 80.000 Herero-Toten kamen noch 10.000 Nama, die ebenfalls von deutschen Soldaten vernichtet wurden.

Angst vor Geldforderungen

„Der Deutsche Bundestag bittet die Nachfahren der vom Völkermord betroffenen Herero, Nama, Damara und San um Entschuldigung“, heißt es in dem Antrag der Linksfraktion, der heute in erster Lesung behandelt wird. Der Bundestag solle zudem die Bundesregierung auffordern, mit Namibia über Wiedergutmachung zu verhandeln. Doch dazu wird es wohl nicht kommen - Keine der anderen Partei unterstützt die Initiative.

„Deutschland erkennt den Völkermord nicht an“, sagt der Bundestagsabgeordnete Niema Movassat, der den Antrag der Linksfraktion eingebracht hat, im Interview. „Man hat Angst vor Geldforderungen.“ Zur Begründung ihrer Haltung bedient sich die Bundesregierung eines formaljuristischen Argumentes: Die Völkermord-Konvention der Vereinten Nationen aus dem Jahr 1948 habe keine rückwirkende Geltung und könne deswegen auf Ereignisse des Jahres 1904 keine juristische Anwendung finden. Worauf die Bundesregierung dabei nicht eingeht: Die Vereinten Nationen selbst haben den Mord an den Hereros ausdrücklich als Genozid anerkannt.

Namibia verzichtete lange auf Wiedergutmachung

„Bewertungen historischer Ereignisse unter Anwendung völkerrechtlicher Bestimmungen, die im Zeitpunkt dieser Ereignisse für die Bundesrepublik Deutschland nicht in Kraft waren, werden von der Bundesregierung nicht vorgenommen“, heißt es in der Antwort auf eine kleine Anfrage der Linksfraktion. Die Bundesregierung habe sich wiederholt zu der historischen und moralischen Verantwortung Deutschlands gegenüber Namibia bekannt. Aber: „Schadensersatzverpflichtungen bestehen nicht.“

Erstaunlicherweise verzichtete auch Namibia selbst lange Zeit darauf, Wiedergutmachung zu verlangen. Man gab sich mit der in der Tat sehr hohen deutschen Entwicklungshilfe zufrieden: Seit der Unabhängigkeit des Landes im Jahr 1990 beliefen sich die Zahlungen auf insgesamt rund 700 Millionen Euro. Dieses Geld floss in der Regel der namibischen Regierung zu, die vom Ovambo-Stamm dominiert wird. An Schadensersatzleistungen für Hereros zeigte der Mehrheitsstamm kein großes Interesse. Erst jetzt, wo 2013 Wahlen anstehen, bei denen die Regierungspartei SWAPO große Stimmverluste befürchtet, beginnt sich die Regierung in Windhoek für das Thema zu erwärmen.

Verharmlosung der deutschen Kolonialvergangenheit

Nur einmal sah es so aus, als würde die deutsche Regierung wirklich Abbitte leisten: Bei einer Gedenkfeier in Namibia zum hundertsten Jahrestag der Schlacht am Waterberg im 2004 bat die damalige deutsche Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul , den Tränen nahe, um Vergebung für die deutschen Verbrechen. Als erste – und bisher einzige – Ministerin sprach sie von Völkermord. Joschka Fischer, damals Außenminister, war nicht begeistert. Er befürchtete, die Anerkennung könne „entschädigungsrelevant“ sein, wie er sich ausdrückte. Wieczorek-Zeuls Äußerung wurde im Nachgang zur Privatmeinung degradiert.

So schäbig ging es bis heute weiter. Im letzten Herbst kam eine große namibische Delegation nach Berlin, um die Schädel von ermordeten Hereros zurückzuholen, die in der Kolonialzeit zu Forschungszwecken geraubt worden waren und seither im Keller der Charite lagerten. Außenminister Westerwelle fand keine Zeit zum Empfang der Namibier; zu der feierlichen Übergabe der Schädel schickte er seine Staatsministerin Cornelia Pieper. Deren Rede wiederholte die alte deutsche Position: besondere Verantwortung ja, aber bloß keine Erwähnung der Worte Völkermord oder Wiedergutmachung. Die namibischen Gäste buhten – und Pieper verließ den Saal, ohne die Erwiderungsreden abzuwarten.

Die Folgen sind noch spürbar

Inzwischen leben wieder an die 120.000 Hereros im Süden Afrikas, aber die Folgen des gescheiterten Aufstandes sind immer spürbar. Ein großer Teil des Landes, das sie einst beanspruchten, gehört den weißen Farmern in Namibia. In ihrem Antrag zur Wiedergutmachung schlägt die Linksfraktion deswegen die Einrichtung eines Strukturausgleichsfonds vor, der den Hereros beim Erwerb von Land und dem Ausbau der Infrastruktur helfen soll. Um wie viel Geld es geht, will die Linksfraktion nicht genau beziffern. „Es geht in die Millionen, aber nicht in die Milliarden“, sagt Movassat. „Der politische und moralische Gewinn ist viel größer, als das, was zu bezahlen ist.“ An der Finanzierung sollten zudem die Nachfolger der Unternehmen beteiligt werden, die von den deutschen Kolonialverbrechen einst profitiert hätten, unter ihnen die Schifffahrtgesellschaft Deutsche Afrika-Linien und die Deutsche Bank.

Es ist nicht verwunderlich, dass die Regierungsfraktionen der Antrag der Linksfraktion nicht unterstützen. Aber auch Gespräche mit Grünen und SPD verliefen erfolglos. Das liegt nicht nur daran, dass sich beide Parteien ohnehin nicht mit der Linksfraktion verbünden wollen. Das Thema Hereros ist einfach nicht hinreichend prominent. Selbst die zumeist gut gebildeten deutschen Touristen, die Namibia besuchen, wissen selten etwas von der blutigen Niederschlagung des Herero-Aufstandes. „Die Deutschen verherrlichen ihre Kolonialvergangenheit nicht, aber sie verharmlosen sie“, sagt Movassat.

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