Lade Inhalte...

Kleinunternehmerinnen Mit 130 Euro aus der Armut

Ein ungewöhnliches Hilfsprogramm in Bangladesch: Wie Frauen mit geschenktem Geld Kleinunternehmerinnen werden können.

Morium Begum verdient ihr Geld jetzt mit Rindermast.

Morium Begum hat es geschafft, und das sieht man ihr auch an. „Ich bin kräftig geworden durch das Essen, das ich selbst erarbeitet habe“, sagt die füllige 32-Jährige stolz. Sie rückt ihren eleganten Sari zurecht und führt an saftig grünen Reisfeldern vorbei zu ihrer Hütte im kleinen Dorf Khokshabari im Norden von Bangladesch. Wände und Dach aus Wellblech, darin ein Bett mit sauberem Laken und Moskitonetz, ein Schrank, ein Regal mit einem Fernseher und ein ordentlich gefegter Steinfußboden – für hiesige Verhältnisse hat es Morium Begum tatsächlich zu einem bescheidenen Wohlstand und auch zu Ansehen gebracht: In einem Land, in dem große Teile der Bevölkerung unterernährt sind, gilt Körperfülle als Zeichen von Erfolg.

Ermöglicht wurde der Aufstieg durch ein Hilfsprogramm, das in der modernen Entwicklungspolitik eigentlich als Sündenfall gilt: Im Rahmen eines von der Europäischen Union und dem UN-Welternährungsprogramm WFP finanzierten Projektes hat die junge Frau Geld bekommen – geschenkt.

Eigentlich soll Entwicklungspolitik Anreize zur Selbsthilfe bieten, ohne neue Abhängigkeiten zu schaffen, so die vorherrschende Ansicht über eine sinnvolle Unterstützung der Ärmsten dieser Welt. Einfach Geld zu verschenken, wird als kontraproduktiv angesehen. Zumal in einem Land, in dem die sogenannten Mikrokredite erfunden wurden.

Ernüchterung eingekehrt

Es war der bangladeschische Wirtschaftswissenschaftler Muhammad Yunus, der mit seiner Grameen Bank erstmals geringe Darlehen an Arme vergab, damit diese sich ein kleines Unternehmen aufbauen können. 2006 bekam er für sein Engagement sogar den Friedensnobelpreis, schließlich galten Mikrokredite lange Zeit als das Mittel, Armut nachhaltig zu bekämpfen. Doch inzwischen ist Ernüchterung eingekehrt.

Das liegt unter anderem daran, dass die Mikrofinanz-Banken hohe Zinsen von weit mehr als 20?Prozent verlangen. „Blutsauger der Armen“ nannte sie kürzlich Bangladeschs Premierministerin Sheik Hasina. Untersuchungen haben ergeben, dass die Mehrheit der Kreditnehmer ihr Einkommen mittelfristig gar nicht verbessern konnten. Das deckt sich mit den Erfahrungen der WFP-Landesdirektorin Christa Räder. „Vor allem für die sehr Armen sind Mikrokredite keine Lösung, denn durch hohen Zins und sofortige Tilgung bleibt für den Aufbau eines profitablen Geschäfts nicht genug Geld übrig“, sagt die deutsche Agrarökonomin, die mit Unterbrechungen schon seit insgesamt neun Jahren in Bangladesch arbeitet.

Das WFP ersann daher eine Unterstützung speziell für die Ärmsten der Armen. Als „ultra poor“ gilt in Bangladesch immerhin ein Fünftel der Bevölkerung, also fast 30 Millionen Menschen. Ziel ist die Gründung von Kleinunternehmen, Zielgruppe sind landlose Familien wie die von Morium Begum. Sie hatte keine Arbeit, ihr Mann war Fahrer einer gemieteten Rikscha. Die vierköpfige Familie musste mit rund 500 Taka in der Woche auskommen, umgerechnet knapp fünf Euro, was auch in Bangladesch wenig Geld ist. „Wir hatten nie genug zu essen, es war eine harte Zeit“, sagt sie heute.

Nach der Aufnahme in das Programm erhielt Morium Begum monatlich zunächst umgerechnet fünf Euro als eine Art Ausbildungsförderung. Denn in dieser Zeit müssen die Teilnehmer Trainingskurse besuchen, in denen sie unter anderem lernen, welche Geschäftsideen es gibt oder wie man einen einfachen Business-Plan aufstellt. Nach den zwei Jahren werden dann auf einen Schlag umgerechnet 130 Euro ausgezahlt. Die künftige KIeinstunternehmerin Morium Begum entscheidet sich zunächst für die Rindermast, erwirbt von dem Geld einen Bullen und verkauft ihn nach einigen Monaten wieder für umgerechnet 220 Euro. Das wiederholt sie einige Male, inzwischen hat sie drei Bullen, 300 Euro Erspartes für ihre Töchter auf dem Bankkonto und zwei weitere Standbeine: Sie brutzelt Kartoffelchips und bietet sie in der Nachbarschaft an, ihrem Mann hat sie die bisher nur gemietete Rikscha gekauft. Hilfe brauche und will sie jetzt nicht mehr: „Ich bin glücklich. Es läuft und ich weiß jetzt, wie es geht.“

Auch Nasima Khatum hat begriffen, wie es geht. Die 30-Jährige und ihr Mann, der auch als Rikscha-Fahrer arbeitete, lebten früher gerade einmal von umgerechnet 1,50 Euro am Tag. Jetzt besitzen sie sogar ein eigenes Taxi. Den gebrauchten Kleinbus haben sie von dem Geld gekauft, das sie bei der Bullenzucht und der Bestellung eines gemieteten Reisfelds verdient haben. Der Bus wird zwar eher vom frischen Lack zusammengehalten, doch er fährt.

Geglücktes Experiment

Das Taxi, gesteuert von Ehemann Anwar Hussein, bringt ihnen nun pro Tag zehn Euro, berichtet sie. Empfänger der Hilfe sind stets die Frauen, nicht deren Ehemänner. Denn Frauen haben keine Chance auf dem normalen Arbeitsmarkt und gelten zudem als zuverlässiger. Sorgt das nicht für Problem in den Familien? Die WFP-Mitarbeiter verneinen das. Der 60-jährige Nur Hossair, dessen Ehefrau ebenfalls Geld bekommen hat und davon einen Webstuhl gekauft hat, zögert etwas mit der Antwort. Doch schließlich sagte er: „Ich bin stolz auf meine Frau.“

WFP-Direktorin Räder will das Programm ausbauen, das bislang rund 15 Millionen Euro gekostet hat: „Das Experiment ist geglückt.“ Eine erste Auswertung bei den bereits geförderten 30?000?Haushalten hat ergeben, dass rund vier Fünftel der Teilnehmer heute deutlich mehr Geld zur Verfügung haben. Der Nutzen für die folgende Generation und vor allem für Mädchen sei da noch gar nicht berücksichtigt, sagt Räder: „Sie haben Mütter, die nicht mehr scheu in der Hütte bleiben, sondern selbstbewusst auftreten und ökonomisch erfolgreich sind. Das prägt die eigenen Ziele.“

Könnte das Verschenken von Geld auch in anderen armen Regionen funktionieren, zum Beispiel in Afrika? Christa Räder ist da zurückhaltend. Denn nach ihrer Einschätzung ist es in Bangladesch vergleichsweise einfach, ein Unternehmen aufzuziehen, wenn man das nötige Startkapital hat. Schließlich sei das Land der am dichtesten besiedelte Flächenstaat der Welt: Bangladesch ist nur so groß wie Bayern und Baden-Württemberg zusammen, hat aber doppelt so viel Einwohner wie ganz Deutschland. „Der nächste Markt ist nie weit. Und egal, was man für ein Geschäft betreibt, es gibt für alles einen Kunden.“

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum