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Kleiner Waffenschein Trügerische Sicherheit

Immer mehr Menschen legen sich einen Kleinen Waffenschein zu. Die Sicherheit erhöht das nicht, warnen Experten. Das Mitführen solcher Waffen mache nur eine Eskalation wahrscheinlicher.

Der Kleine Waffenschein erlaubt unter anderem das Tragen einer Schreckschusspistole wie der Walther P22. Foto: dpa

Immer mehr Menschen in Deutschland legen sich einen Kleinen Waffenschein zu. Ende Oktober waren rund 449 000 dieser Genehmigungen für Schreckschusspistolen, Pfefferspray und Reizgas registriert, teilte das Bundesinnenministerium in Berlin auf Anfrage mit. Dies seien rund 63 Prozent mehr als Ende Oktober 2015. Damals gab es 275 461 Mal die Erlaubnis. „Das zeigt, dass Sicherheit ein ganz großes Thema ist. Die Leute sind verunsichert“, sagte der Vorsitzende der Innenministerkonferenz (IMK), Klaus Bouillon (CDU), der dpa.

Wer einen Kleinen Waffenschein besitzt, darf Schreckschuss-, Reizstoff- und Signalwaffen verdeckt führen – freilich nur im Notfall damit schießen. Voraussetzung für die Erlaubnis ist, dass der Bewerber volljährig sowie persönlich geeignet ist und zuverlässig erscheint. Scharfe Waffen hingegen sind, anders als in den USA, in Deutschland nicht ohne Weiteres zugänglich.

Der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Oliver Malchow, sieht die Entwicklung skeptisch. „Da wird nichts Verbotenes gemacht“, sagte er der Frankfurter Rundschau. „Und von amerikanischen Verhältnissen sind wir weit entfernt. Grundsätzlich sagen wir als Gewerkschaft der Polizei aber: Vorsicht!“ So eine Waffe, die man mit einem Kleinen Waffenschein führen dürfe, könne beim Gegenüber Überreaktionen auslösen, weil er sie so schnell nicht als solche erkenne. „Möglicherweise begibt man sich also selbst in eine größere Gefahr.“ Malchow fügte hinzu: Deutschland bleibe „eines der sichersten Länder der Welt“.

Zahl der Straftaten konstant

Die Nachfrage hatte bereits im vorigen Jahr – offenbar im Zuge der großen Zahl an Flüchtlingen sowie der Terroranschläge in Frankreich – eingesetzt und nach den sexistischen Übergriffen in der Kölner Silvesternacht noch einmal erheblich zugenommen. Besonders groß war damals das Interesse bei Frauen, die sich schützen wollten. Ähnlich wie der Polizeigewerkschaftschef weisen zahlreiche Experten darauf hin, dass Schreckschusspistolen und Reizgase lediglich das subjektive Sicherheitsgefühl verbesserten, nicht aber die Sicherheit an sich. Im Gegenteil: Sie erhöhten das Eskalationspotenzial, weil es im Eifer der Auseinandersetzungen zu Fehlwahrnehmungen und Verwechselungen komme könne. Zu fliehen oder wo möglich Hilfe zu holen, sei im Ernstfall das bessere Gegenmittel, heißt es.

Die im Mai veröffentlichte polizeiliche Kriminalstatistik weist überdies keinen Anstieg aus. Ohne Berücksichtigung der ausländerrechtlichen Verstöße wurden 2015 vielmehr genau 5 927 908 Straftaten erfasst. Das entspricht dem Niveau des Vorjahrs. Gestiegen sind unterdessen rechtsextremistisch motivierte Straftaten (um 35 Prozent) und linksextremistisch motivierte Straftaten (um 18 Prozent). Die Zahl der Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte hat sich von 2014 zu 2015 verfünffacht.

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