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Kita-Pflicht Macron will mehr Zusammenhalt und Chancengleichheit

Der französische Präsident führt ab 2019 die Vorschulpflicht ein - und bekommt dafür viel Beifall.

Emmanuel Macron
Emmanuel Macron will im nächsten Jahr die Vorschulpflicht einführen. Foto: rtr

Frankreichs Staatschef hat sich daran gewöhnt. Kaum eröffnet er eine Reformbaustelle, schlägt ihm auch schon Protest entgegen. Doch diese Baustelle ist anders. Hier brandet Beifall auf. Die Entscheidung Emmanuel Macrons, im nächsten Jahr die Vorschulpflicht einzuführen, überzeugt rundum. Sogar die Fachwelt zollt ihm Anerkennung. Der Neuropsychiater Boris Cyrulnik bekundet Genugtuung darüber, dass Macron „der entscheidenden Bedeutung der ersten Lebensjahre fürs Lernen Rechnung trägt“. Die Psychoanalytikerin Claude Halmos preist die Vorschulpflicht als „willkommene Hilfe für viele Kinder“.

Das Ausmaß des Applauses überrascht insofern, als die Reform auf den ersten Blick keine großen Veränderungen auslöst. Die Maßgabe, Kinder ab dem dritten Lebensjahr in die École maternelle zu schicken, wird bereits weitgehend befolgt. Die kostenlose Vorschulbetreuung erfreut sich in Frankreich großer Beliebtheit, 97 Prozent der Drei- bis Fünfjährigen besuchen die École maternelle.

Mehr Integration tut in Frankreich not

Womit es nur noch darum geht, die verbleibenden Kinder dieser Altersgruppe ebenfalls in den Schulbetrieb zu integrieren. Erziehungsminister Jean-Michel Blanquer beziffert ihre Zahl mit 25.000. So gering der Prozentsatz der Betroffenen auch ist, die auf der Vorschulpflicht ruhenden Hoffnungen sind enorm. Integrationsdefizite soll sie abbauen, den gesellschaftlichen Zusammenhalt mehren. Denn diejenigen, die bisher bis zum sechsten Lebensjahr zu Hause bleiben, sind oft diejenigen, die vorschulische Unterstützung am allernötigsten haben: Kinder aus sozial benachteiligten Familien, Kinder mit Migrationshintergrund. Alle, die sich mit der französischen Sprache schwertun, oft schon in der Grundschule den Anschluss verlieren, gesellschaftlich dauerhaft an den Rand zu geraten drohen. Nach Angaben des Neuropsychiaters Cyrulnik weist ein Drittel aller Kinder am ersten Grundschultag Symptome der Verunsicherung auf, die von Armut, Trauer oder ehelicher Gewalt im Elternhaus herrühren.

Bildungsminister Blanquer wünscht, „dass Kinder in der Vorschule künftig total eintauchen in die französische Sprache“. Was nicht heißt, dass der Minister bereits Dreijährige auf Leistung trimmen möchte. Es gehe nicht darum, Vokabeln abzufragen, sagt er. Vielmehr sollten Spiele, Gesang, Musik, Pantomime, Theater und Geschichten den Kleinen das Französische nahebringen. Mit zunehmendem Spracherwerb wachse dann das Selbstvertrauen und die Lust, noch mehr zu lernen.

Mehr Integration tut in Frankreich not. Eine Umfrage unter 9200 Jugendlichen zwischen 15 und 17 Jahren hat erschreckende Defizite zutage gefördert. Besonders junge Muslime scheinen ins Abseits geraten zu sein. Laut der von zwei Soziologen im Februar veröffentlichten Erhebung fühlen sich Muslime dieser Altersgruppe nur noch zu 31 Prozent „als Franzosen“. Unter Katholiken und Atheisten sind es 77 beziehungsweise 80 Prozent.

Die Einführung der Vorschulpflicht zeuge von der Entschlossenheit des Präsidenten, wirkliche Chancengleichheit zu schaffen, heißt es in einer Mitteilung des Elysée-Palasts. Ziel sei es, dass die École maternelle nicht als Ort umfassender Kinderbetreuung oder reine Vorbereitung auf die Grundschule angesehen werde.

Klassengröße reduzieren

Im September 2019 dürfte es ernst werden. Mit Beginn des Schuljahrs soll die Vorschulpflicht dann in Kraft treten. Fragt sich noch, ob die von Blanquer als „pädagogische Lokomotive“ gepriesene École maternelle mit den ihr zugedachten personellen und finanziellen Mitteln anschließend auch in Fahrt kommt. Zweifel sind angebracht.

Während in den sich durch Wohlstand auszeichnenden 35 Mitgliedstaaten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ein Erzieher durchschnittlich 14 Kinder zu betreuen hat, sind es in Frankreich 23. Sozial benachteiligte Kinder fördern heiße nicht zuletzt ihnen Geborgenheit zu vermitteln, sagt die Psychoanalytikerin Halmos. Es heiße, auf familiäre Schwierigkeiten einzugehen, mit den Eltern Kontakt zu halten. Wenn man die Größe der Vorschulklassen nicht deutlich reduziere, sei das nicht zu leisten.

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