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Kirchentag in Berlin Kein Fest des Glaubens

Ein Höhepunkt des Reformationsjahres? Der Kirchentag stellt die Frage nach dem Zustand des Protestantismus heute.

Kirchentag
Massenhaft Pappsitze für die Kirchentagsbesucher. Foto: rtr

Jetzt ist also deutscher evangelischer Kirchentag in Berlin und Wittenberg. Es werden viele kommen, das Programm ist umfangreich, kaum etwas, das nicht verhandelt würde. Denn der Kirchentag will nach eigener Auskunft über die Fragen der Zeit nachdenken. Er gebe dabei nicht vor, was richtig oder falsch ist, sondern ermögliche einen offenen und streitbaren Dialog. Das ist schön, das braucht es. Aber der Kirchentag beansprucht zugleich, „ein Fest des Glaubens“ zu sein. Das ist er nicht, weil die Frage nicht geklärt ist, was damit gefeiert werden soll, ob sich Glaube überhaupt derart feiern lässt.

Der Ort solcher Feier sind jedenfalls Gebet und Gottesdienst, streng genommen ist es das Abendmahl. Der Gläubige feiert damit aber keine Triumphe der Erkenntnis, sondern sucht die Begegnung mit einem unbegreiflichen Gott. Mit diesem führt er jedoch gerade keinen offenen und streitbaren Dialog wie Menschen untereinander über ethische oder politische Fragen ihn führen, zum Beispiel auf einem Kirchentag. Denn der bis heute provozierende Anspruch eines Abendmahls besteht darin, dass es sehr wohl vorgibt, was falsch oder richtig ist: Christlicher Glaube ist die Überzeugung, dass im Jesus Christus die Wahrheit, der Weg und das Leben offenbar geworden sind.

Darüber wird gestritten, seit es Jesus gab – das gesamte Neue Testament ist bereits Dokument einer Auseinandersetzung über einen, der Gottessohn zu sein beanspruchte. Aber das ist eben nichts, das sich diskursiv auflösen ließe. Es will geglaubt werden, und es gehört zu jedem Glauben hinzu, sich des Geglaubten gewiss, aber nicht sicher zu sein.

In Deutschland wird immer weniger christlich geglaubt. Das sagt zwar nichts über den Wahrheitsgehalt des Christentums, aber die bunte Betriebsamkeit eines Kirchentages kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Gottesdienstzahlen rapide sinken. Gleichzeitig wachsen jene evangelikalen Bewegungen, die eine extremistische Lesart des Christentums verfolgen. Jeder Extremismus ist daran zu erkennen, dass er eine Sache nur aus einer Perspektive betrachtet und vorgibt, abschließende Antworten zu haben. Im Christentum nimmt diese Sichtweise derzeit stark zu, gerade auf protestantischer Seite.

Darin zeigt sich auch eine Krise des Protestantismus. Das Reformationsjubiläum macht sie, unfreiwillig, überdeutlich. An den Historikern liegt es nicht. Sie haben in den vergangenen Jahren überaus fruchtbare Arbeit geleistet. Die Luther-Biografien von Heinz Schilling, Lyndal Roper und Heiko Oberman liefern ein differenziertes Bild des Reformators; Thomas Kaufmann hat gebührend komplex Luthers Haltung zu den Juden und zum Islam geschildert, ein jüngst erst erschienener Band faltet die konfessionellen Spannungen auf (C. Danz/J-.H. Tück: Martin Luther im Widerstreit der Konfessionen, Herder 2017); Berndt Hamm oder Scott Hendrix legen eingehend die Vorbedingungen und Nachwirkungen einer europäischen Bewegung dar – die Reformationsforschung steht im Jubiläumsjahr hervorragend da. Dass es größtenteils dennoch als bloßes Luther-Jahr gefeiert wird, ist Produkt der Marketingindustrie (Luther-Socken! Und Luther-Kondome!) und eines gerade in den Medien grassierenden Historismus, der Luther zum bloßen Fetisch einer bestaunten Vergangenheit macht.

Vor zwei Jahren schon hat Wolfgang Reinhard angemerkt, die evangelische Kirche befinde sich in einer Identitätskrise, die mit diesem Luther-Jubiläum bekämpft werden solle. Er hat leider recht. Denn auf die Frage, was Protestantismus heute bedeutet, hat sie bestenfalls schwammige, meistens gar keine Antwort. Das Schweigen der systematischen Theologen, zuständig für die theologischen Kernfragen, ist jedenfalls sehr laut. Eilert Herms hat zwar jüngst drei dicke Bände einer „Systematischen Theologie“ vorgelegt, sich dabei aber in abstrakten Überlegungen verloren. Ein anderer Sammelband sucht „Luther heute“ (Mohr Siebeck), hat bezeichnenderweise jedoch größtenteils nur historische Rekonstruktionen zu bieten.

Und der Grundlagentext der Evangelischen Kirche Deutschland zum Reformationsjubiläum, erschienen 2014, widmet sich zwar dem zentralen theologischen Streitpunkt innerhalb der Reformationsgeschichte, dem Rechtfertigungsverständnis, übersetzt ihn aber in Allerweltsvorstellungen wie Liebe, Anerkennung und Freiheit. Man kann die protestantische Lehre, dass der fehlbare und sterbliche Mensch allein durch Christus, durch den Glauben und die Gnade „gerechtfertigt“ ist, als „Befreiungsgeschichte“ begreifen, ja, auch als Aufruf zum „Auszug aus Ängsten“. Nur ist dies eine dramatische Unterbietung der protestantischen Theologie. Was gewinnt man denn auf diese pauschale Weise? Und wo bleibt hier die inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Katholizismus, dem Islam, dem Judentum?

Der protestantische Theologe Eberhard Jüngel hat stets für eine „kompromisslose Theologie“ plädiert – weil nur im Lob der Differenzen Ökumene und historische Erinnerung sinnvoll sind. Gerade von Luther ließe sich lernen, dass es zu diesem Lob auch des kritischen Blicks auf das Eigene bedarf. Statt Glaubensfeste braucht es gehaltvolle Glaubensbegegnungen. Für den Protestantismus bedeutet das auch, die eigenen theologischen Überzeugungen infrage zu stellen. Aber weder das kirchentagsmäßige Debattieren von Fragen der Zeit noch das schiere Luther-Gedenken werden eine Antwort darauf geben, was evangelischer Glaube in der Gegenwart ist und sein kann.

Eine Antwort könnte ja auch sein, dass Protestantismus noch immer eine Provokation ist und entsprechend auf Widerstand stößt: die Provokation einer Botschaft, die sich nicht in einfache Befreiungsgeschichten übersetzen lässt.

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