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Kirchen Feldjäger als Hausherren unerwünscht

Militärangehörige, die in evangelischen Kirchen dem Pastor das Wort entziehen oder kritische Kirchenmitglieder aus dem Gottesdienst entfernen? Theoretisch wäre das möglich, wenn Kirchengemeinde das Hausrecht bei bestimmten Anlässen an die Feldjäger der Bundeswehr übertragen. Friedensaktivisten sind entsetzt.

Trauerfeier für in Afghanistan getötete Bundeswehrsoldaten in Selsingen in Niedersachsen. Foto: dpa

Eine Handreichung des evangelischen Militärbischofs Martin Dutzmann zu Trauerfeiern für gefallene Soldaten stößt bei Friedensaktivisten in der Kirche auf Widerspruch. Der Grund ist die Aufforderung des Bischofs an die Kirchengemeinden, für diese Zeremonien das Hausrecht an die Feldjäger der Bundeswehr zu übertragen. Kritiker sehen darin einen weitere Militarisierung von Kirche und Gesellschaft.

In dem Schreiben, das von der hannoverschen Landeskirche – als bislang einziger EKD-Mitgliedkirche – an die Gemeinden weitergeleitet wurde, begründet Dutzmann sein Ansinnen mit der Verantwortung des Verteidigungsministeriums für die Sicherheit bei Trauerfeiern. Die Kirchenvorstände würden gebeten, ihr Hausrecht abzugeben – „aus Gründen der Gefahrenabwehr und um Störungen vermeiden zu können“. Mit „Störungen“ sind mögliche Protestaktionen von Aktivisten gegen die Bundeswehr gemeint, wie der Sprecher der evangelischen Militärseelsorge, Walter Linkmann, der FR bestätigte.

Das Schreiben des Bischofs hat Friedensaktivisten wie den Gymnasiallehrer Gerhard Biederbeck aus Neustadt bei Hannover auf den Plan gerufen, der nach eigenen Angaben seit mehr als 40 Jahren Gemeindemitglied und „Friedensarbeiter“ ist. Er empört sich: „Selbst die Mächtigen der Nazi-Zeit und in der DDR haben dieses Hausrecht nicht angefragt oder infrage gestellt.“ Dies sei „ein deutlicher Versuch der Bundeswehr im Einklang mit der Militärseelsorge, das zivile Leben in Deutschland zu militarisieren“.

Biederbeck, der auch im Namen von Mitstreitern spricht, sagte der FR: „Selbst konservative Christen schlagen die Hände über dem Kopf zusammen. Wie kann die Kirche nur auf eine solche Idee kommen?“ Zumindest theoretisch würde sie damit Feldjägern das Recht einräumen, kritische Kirchenmitglieder aus einem Gottesdienst zu entfernen oder Pastoren das Wort zu entziehen.

Übertragung des Hausrechts gängige Praxis

Kritisch äußert sich auch der für seine Friedensarbeit bekannte Pfarrer Dietrich Becker-Hinrichs aus dem badischen Bretten. Er sagte der FR: „Ich würde mich nicht auf eine Übertragung des Hausrechts einlassen.“ Allerdings ist diese bereits gängige Praxis, wie der Sprecher der Militärseelsorge, Linkmann, bestätigte. Bei zentralen Trauerfeiern mit Politikern, die aus zwei Teilen – Gottesdienst und Staatsakt – bestehen, wird so verfahren.

Für die „Irritation, dass sich uniformierte Soldaten in Kirchen als Hausherren gerieren“, hat Linkmann „ein gewisses Verständnis“. In der Kritik gebe es „ein Körnchen Wahrheit“, sagte er. Aber es sei „pragmatisch“, das Sicherheitskonzept der „routinierten Bundeswehr“ zu überlassen.

Der Wirbel und die Presseanfragen, die die bischöfliche Handreichung ausgelöst hat, zeitigen gleichwohl Folgen. Auf die Frage, ob die Militärseelsorge an ihrer Empfehlung zur Übertragung des Hausrechts festhält, sagte Linkmann nach Rücksprache im eigenen Haus, man empfehle nun „schriftliche Vereinbarungen der Gemeinden mit der Bundeswehr über das Sicherheitskonzept“. Vor einer Trauerfeier müsse etwa geregelt sein, „wer Taschen kontrolliert oder wer mögliche Störer wegschickt“. Das müsse kein volles Hausrecht bedeuten, sagte Linkmann.

Für die Friedensaktivisten bleibt ein Grundproblem davon unberührt: „Die Kirche sollte ihre Interessen und die des Staates nicht vermengen“, sagt Biederbeck. Das hieße in letzter Konsequenz: Kein Staatsakt in der Kirche.

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