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Kirche und Staat Das Prinzip Hoffnung

Mit Joachim Gauck und Angela Merkel hat Deutschland bald eine protestantische Doppelspitze. Ist die Kirche eine Art Kaderschmiede für den Staat? Bereitet das Leben in Pfarrhäusern besser auf höhere Aufgaben vor? Zumindest lasten auf denen, die von dort kommen, große Erwartungen.

22.02.2012 09:17
Von Dirk Pilz
Mit dem Theologen Joachim Gauck und Angela Merkel hat Deutschland bald eine protestantische Doppelspitze. Foto: dapd

Gauck also. Ein protestantischer Pfarrer wird deutscher Bundespräsident. Und wenn sich CDU, SPD, FDP und Grüne nicht auf Joachim Gauck hätten einigen können, wäre es dennoch ein prominenter Protestant geworden: Altbischof Wolfgang Huber, der einstige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) vielleicht.

Oder aber Margot Käßmann, Hubers Nachfolgerin als EKD-Ratspräsidentin. Oder die Pfarrerstochter Katrin Göring-Eckardt, derzeit Präses der Synode der EKD. Es ist, als kämen für das höchste Amt im Staat nur evangelische Christen in Frage. Als wäre die Kirche die Kaderschmiede für die anspruchsvollsten Aufgaben. Als würden lediglich Pfarrer das einzulösen vermögen, was sich Volk und Politik von einem Präsidenten erhoffen, nach der beschämenden Causa Wulff erst recht.

Distanz wahren, Anteil nehmen

Was soll ein Bundespräsident können? Der Republik im rechten Moment ins Gewissen reden, der ereignisgetriebenen Politik in gebotenem Maße auf die hektischen Finger klopfen, dem launischen Volk aufs Maul schauen. Und dabei moralisch immer integer bleiben, mit nichts und niemand sich gemein machen. Distanz wahren, aber doch Anteil nehmen. Sich ein-, aber nicht mitmischen. Gelassene Glaubwürdigkeit ist sein wichtigstes Gut. Sanfte Klugheit, unaufdringliche Authentizität, rhetorische Größe. Das evangelische Pfarrhaus und das protestantische Pastorenamt scheinen darauf gut vorzubereiten. Als ob Pfarrfamilien eine besondere, eigene Qualität zuwachse.

Das ist kein neuer Verdacht und keineswegs unproblematisch vermutet. „Geniale Menschen“ heißt die enorm einflussreiche Studie des Pfarrersohnes und Psychiaters Ernst Kretschmer, erschienen 1929. Er sah in den evangelischen Pfarrerfamilien das für Deutschlands Dichter und Denker wertvollste Vererbungspotenzial; seit dem 18. Jahrhundert entstamme rund die Hälfte der deutschen Dichter und Denker dem Pfarrhaus.

Gottfried Benn, Pfarrersohn, griff diese These in „Das deutsche Pfarrhaus“, seiner „erbbiologischen Studie“ von 1934, gierig auf. Das Pfarrhaus habe, so Benn, „einen ganz bestimmten Typus von Begabungen gezüchtet“. Hier konnte jener „Typ des Denkers entstehen, der zugleich Dichter ist oder der des Dichters, der zugleich Philosoph und Gelehrter ist“. Eine für Deutschland „nahezu spezifische“ Kombination. Von „Erbmilieu“ sprach Benn.

Davon ist heute, gottlob, keine Rede. Aber die Liste der Gelehrten und Dichter aus evangelischen Pfarrhäusern seit ihrer Erfindung durch Dr. Martin Luther erstaunt noch immer: Andreas Gryphius, Johann Christoph Gottsched, Christoph Maria Wieland, Gotthold Ephraim Lessing und Georg Christoph Lichtenberg zum Beispiel. Oder Matthias Claudius, Friedrich Schleiermacher, Jean Paul und die Brüder Schlegel. Friedrich Nietzsche, Hermann Hesse, Albert Schweitzer und Friedrich Christian Delius.

Einer „Erbbiologie“ ist das nicht geschuldet, aber das Pfarrhaus ist dennoch ein spezifisches Milieu, das Milieu einer protestantischen Leistungsethik, die dem „Geist des Kapitalismus“ förderlich ist. Das ist die berühmte These des Soziologen Max Weber. Um Gott wohlzugefallen, so sein Argument in der „Protestantischen Ethik“ von 1904, ist die Erfüllung innerweltlicher Pflichten der einzige, beste Weg, nicht die (von der katholischen Kirche bevorzugte) Überbietung der innerweltlichen Sittlichkeit durch mönchische Askese.

Es ist diese „Wahlverwandtschaft“ zwischen einer Berufsethik und dem Glauben, die den Protestantismus, vor allem in seiner streng calvinistischen Ausprägung, zum Katalysator für den Kapitalismus macht: „Gott hilft dem, der sich selber hilft.“

Das stimmt zwar, wissenschaftlich gesehen, so nicht, wurde und wird viel mit guten historischen und theologischen Gründen kritisiert. Aber es hat sich dennoch tief ins Allgemeinverständnis eingeprägt. Das nationale und persönliche Unter- oder Vorbewusste ist selten auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft.

Die Erwartungen, gerade an Pfarrer und Pfarrkinder, sind dabei immer auch Projektionen: Hoffnungen auf das Besondere, Herausgehobene. Daran sind nicht wenige Pfarrer und Pastorenkinder zerbrochen, und viele andere begründen ihre Kirchenferne später oft damit, dass der Ortspfarrer nicht gefiel. Pfarrer haben Erwartungen zu erfüllen, die sich kaum einlösen lassen. Sie sollen Seelsorger und Vorbild sein, volksnah und gottverbunden. Bis heute gilt für Pfarrer die Residenzpflicht: Ein Pfarrer hat in seinem Pfarrhaus erreichbar zu sein, immer, für alle.

Natürlich hat Christoph Hein, Pfarrersohn, recht, wenn er sagt, dass es das eine, einheitliche Pfarrhaus nie gegeben hat. Es gibt auch Pfarrerskinder, die keine Vorzeigedichter wurden. Gudrun Ensslin war Terroristin. Jan Schlaudraff ist Fußballprofi bei Hannover 96.

In einem Pfarrhaus aufzuwachsen, als Pfarrer zu leben, bedeutet eben nicht nur, von vielen Büchern, schöner Hausmusik und erhebenden Gottesdiensten umgeben zu sein. Das Pfarrhaus ist auch ein Ort der Enge, des subtilen Zwangs, der unbequemen Widersprüche.

Die evangelische Theologie, das Evangelium selbst, macht aus Christen keine hypermoralisch Superfrommen. Es predigt, in protestantischer Lesart, weder Weltentrückung noch besondere Leistungsnormen. Wahre Frömmigkeit ist nie selbstgenügsam, weil wahre Frömmigkeit sich nie selbst genug sein kann. Das ist die Spannung, die das Leben in einem Pfarrhaus zur Last und zum Segen zugleich macht. Es ist ein Ort der Innerlich- und Öffentlichkeit, gleichermaßen politischer wie privater Raum, vor allem im Osten, in einer DDR, in der die Kirchen aus dem Staat und dem Bewusstsein gedrängt werden sollten, war er das.

Pfarrer in der DDR zu sein, hieß deshalb immer, in politisch brisanter Stellung zu leben, selbst dann, wenn man sich aller Opposition enthielt. Auch deshalb waren nach der Wende Ost-Pfarrer in der Politik gefragt: Sie galten nicht nur als unbelastet und der kommunistischen Ideologie unverdächtig, sondern auch erfahren in Sachen Widerständigkeit und Unabhängigkeit.

Für Krisenzeiten

Die Kirche ist keine Kaderschmiede für den Staat. Christen haben jedoch das, was in Krisenzeiten besonders gefragt ist und Joachim Gauck einen „Hoffnungsüberschuss“ nennt: dass eine andere Welt möglich ist, dass man das Beste sich nicht selbst schenken kann, dass man nur gemeinsam vorankommt. Sein Credo lautet: „Kirche ist man nicht für sich selbst.“ Und Kirche gibt es nicht nur um ihrer selbst willen. Christen sind sehr verschieden, Pfarrer, Pastorenkinder sind es genauso, aber sie teilen eine gemeinsame Hoffnung.

Und jetzt hat das Land also eine protestantische Doppelspitze. Aber auch Gauck und Merkel sind sehr verschieden. Merkels politischer großer Vorteil ist, dass immer wieder aus dem Bewusstsein verschwindet, was sie ist: Ostdeutsche, Pfarrerstochter. Gaucks große politische Gefahr ist, dass sein Sprechen und Auftreten immer wieder ins Bewusstsein ruft, was er ist: Ostdeutscher, Pfarrer. Gemeinsam bilden sie aber vielleicht gerade in dieser widersprüchlichen Gemeinsamkeit ein gutes Team. Ihr Credo könnte sein: Ämter hat man nicht um ihrer selbst willen. Und nicht aufgrund der Konfessionszugehörigkeit.

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