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Kirche Papst kontert konservative Kritiker

Papst Franziskus warnt in einer neuen Lehrschrift vor der Überheblichkeit der selbsternannten Retter der reinen Lehre - und prangert jene an, die sich zu Richtern über andere Gläubige aufspielen.

Papst Franziskus
Wettert in seinem dritten Lehrschreiben gegen die selbst ernannten Retter der reinen Lehre: Papst Franziskus. Foto: rtr

Dass Heiligkeit kein Privileg für wenige Superchristen wie Mutter Teresa oder Johannes Paul II. sei, hat Papst Franziskus in mehr als fünf Jahren Amtszeit häufiger betont. „Wir alle haben mit der Taufe das Erbe, heilig werden zu können“, sagte er schon 2013. Untermauert hat er das Thema nun in einem am Montag veröffentlichten Lehrschreiben mit dem Titel „Gaudete et exsultate“ (Freut euch und jubelt).

Es handelt sich um Franziskus’ dritte päpstliche Exhortation. Die ersten beiden hatten seinen Kritikern Stoff geliefert. Weil er im programmatischen Antrittsdokument „Evangelii Gaudium“ 2013 eine Kirche für die Armen forderte und Kapitalismuskritik äußerte, verdächtigten ihn einige, Kommunist zu sein. Besonders heftig umstritten ist sein Schreiben „Amoris laetitia“ von 2016. Seit sich Franziskus darin vorsichtig der Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene öffnete, steht er im Dauerfeuer konservativer Katholiken. Kardinäle und Bischöfe äußerten öffentlich Zweifel, mehr als 60 Theologen und Philosophen warfen dem Reformpapst vor, er verbreite Häresie, also Irrlehre. Auch wegen seines Engagements für Flüchtlinge hat Franziskus Gegner in Kirche und Politik.

Mit Erwiderungen hält sich der Papst eher zurück. Umso mehr wirken einige Teile des 48-seitigen neuen Schreibens wie eine indirekte Replik. Franziskus warnt vor Überheblichkeit und Selbstbezogenheit der selbsternannten Retter der reinen Lehre und prangert jene an, die sich zu Richtern über andere Gläubige aufspielen.

Zunächst erläutert er sein Konzept der „Heiligkeit von nebenan“. Jeder Christ müsse seinen eigenen Weg finden, dürfe sich nicht zufriedengeben „mit einer mittelmäßigen, verwässerten, flüchtigen Existenz“. Heiligkeit sei kein unerreichbares Modell. „Bist du verheiratet? Sei heilig, indem du deinen Mann oder deine Frau liebst und umsorgst“, empfiehlt der Papst. „Hast du eine Verantwortungsposition? Sei heilig, indem du für das Gemeinwohl kämpfst und auf persönliche Interessen verzichtest.“ Allerdings stünden dem Ruf Gottes heute Hindernisse im Weg, schreibt das Kirchenoberhaupt, allen voran „die Verabsolutierung der Freizeit“. Franziskus zählt neue technologische Errungenschaften auf, die Attraktivität des Reisens, die unzähligen Konsumangebote. „Alles füllt sich in immer größerer Geschwindigkeit mit Worten, oberflächlichem Genuss und Lärm. Dort herrscht keine Freude, sondern die Unzufriedenheit derer, die nicht wissen, wofür sie leben.“

Man dürfe sich nicht an Materielles klammern, mahnt der Papst. Heilig könne niemand sein, der nicht die Ungerechtigkeit dieser Welt sehe, „wo einige feiern und fröhlich verbrauchen, während andere nur zuschauen können“. Christen müssten gesellschaftlichen Wandel anstreben, ihr soziales Engagement dürfe nicht als oberflächlich, säkularisiert, kommunistisch oder populistisch abgetan werden. Und dass manche Katholiken die Lage von Migranten als nebensächliches Thema betrachteten, findet er inakzeptabel. So etwas sei allenfalls bei einem um Erfolg besorgten Politiker verständlich, „aber nicht bei einem Christen“.

Nicht nur damit zielt der Papst auf bestimmte konservative Strömungen, die zu seinen erbittertsten Gegnern gehören. Katholiken, die andere analysieren, bewerten und kontrollieren wollten, seien mit ihrem narzisstischen Elitebewusstsein „subtile Feinde der Heiligkeit“, schreibt er. Die einen, die Gnostiker, überprüften ständig, ob andere in der Lage seien, die Tiefe bestimmter Lehren zu verstehen. Sie reduzierten die Botschaft Christi auf kalte Logik. Die anderen, die Pelagianer, fühlten sich überlegen, weil sie Regeln einhielten „oder weil sie einem gewissen katholischen Stil der Vergangenheit unerschütterlich treu sind“.

Die Anhänger solcher Irrlehren stellten ihre Sorge um die Lehre und das Ansehen der Kirche zur Schau, schreibt Franziskus, eine deutliche Anspielung auf die öffentlich inszenierten Angriffe seiner Kritiker. Doch in der Kirche existierten unterschiedliche Interpretationen von Aspekten der Lehre und des christlichen Lebens nebeneinander, betont der Papst – und das sei auch richtig so.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Italien

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