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Kirche Ein Reformer namens Marx

Kardinal Marx fordert eine radikale Umkehr der katholischen Kirche und eine Abkehr von der Mentalität des Klerikalismus. Frauen und Laien sollen mehr Verantwortung in kirchenleitenden Funktionen übernehmen.

Grüß Gott: Die Kardinäle Marx (l.) und Mahoney. Foto: REUTERS

In ungewöhnlich deutlicher Form hat der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, eine Kirchenreform verlangt. „Die Bischöfe und der Papst müssen den Wandel einleiten. Die Treppe wird von oben gekehrt, nicht von unten – top down, nicht bottom up“, gab Marx der US-amerikanischen Jesuiten-Zeitschrift „America“ zu Protokoll.

Marx fordert mehr Verantwortung für Frauen und Laien in kirchenleitenden Funktionen bis hin zu Spitzenposten im Vatikan sowie eine Abkehr von der Mentalität des Klerikalismus. „Gott gibt uns all diese Menschen, und wir sagen, ‚nein, der ist kein Kleriker, der kann den Job nicht machen, oder seine Idee ist nicht so bedeutend‘. Das ist inakzeptabel.“ Der Ausschluss der Frauen von Führungsaufgaben sei „nicht im Geist des Evangeliums“, betont der Kardinal, der sich zu einer Gastvorlesung an der Stanford University im US-Bundesstaat Kalifornien aufgehalten hatte.

Mehrfach verweist der Münchner Erzbischof auf seine Nähe zu Papst Franziskus, dessen bisher knapp zweijährige Amtszeit er als „großes Geschenk“ und als einen „neuen Schritt nach vorn“ für die katholische Kirche bezeichnet. Marx gehört einer vom Papst handverlesenen Beratergruppe aus acht Kardinälen an, die unter anderem Vorschläge für eine Kurienreform unterbreiten soll. Er ist auch Koordinator des vom Papst eingesetzten Wirtschaftsrats für den Vatikan. Seinen Positionen kommt insofern besonderes Gewicht zu, als sie die des Papstes reflektieren dürften.

So spricht sich Marx auch dafür aus, wiederverheiratete Geschiedene zur Kommunion zuzulassen. „Wir müssen nach Wegen für die Leute suchen, die Eucharistie zu empfangen, und nicht Wege finden, sie auszuschließen.“ Nach geltender Lehre dürfen wiederverheiratete Geschiedene die Kommunion nicht empfangen, weil ihre gescheiterte Ehe formell noch besteht, sie aber in einer neuen Beziehung und damit in fortgesetztem Ehebruch leben.

Perspektiven für Homosexuelle

Manche sagten, solche Paare lebten in Sünde, bemerkt Marx gegenüber „America“, aber „man kann nicht sagen, dass jemand Tag für Tag in Sünde lebt. Das ist unmöglich“. Ebenso unmöglich sei es, den Betroffenen zu sagen, ihnen könne bis zu ihrem Tod nicht vergeben werden.
Beim Thema Homosexualität plädiert Marx für einen Perspektivwechsel der Kirche: „Wir sollten vielleicht nicht vom Geschlechtsverkehr ausgehen, sondern von Liebe, Treue und der Suche nach einer lebenslangen Beziehung.“ Diese stehe im Zentrum der katholischen Sexualmoral. Zwar sei es nach der Lehre der Kirche „klar“, dass eine homosexuelle Paarbeziehung nicht auf der gleichen Ebene angesiedelt sei wie zwischen Mann und Frau. Aber wenn zwei Homosexuelle „einander treu sind, wenn sie sich für die Armen einsetzen, wenn sie arbeiten, dann ist es nicht möglich, zu sagen, ‚alles, was ihr tut, ist negativ, weil ihr homosexuell seid‘.“ Ein solch eindimensionaler Blick auf den Menschen sei unmöglich. Das Gleiche gelte, so Marx weiter, für Paare ohne Trauschein und kirchlichen Segen. Die Kirche sollte ihnen Wege zum Ehesakrament erschließen, statt ihre Beziehung in Bausch und Bogen zu verurteilen. Es gehe nicht darum, „wie wir die Wahrheit verteidigen können“, sondern den Menschen zu helfen, sie zu finden, so Marx.

Die Sexualmoral sowie die Themen Ehe und Familie hat der Papst auf die Agenda einer Bischofssynode gesetzt, die nach einem ersten Treffen im Oktober 2014 zu einer zweiten, abschließenden Beratungsrunde im kommenden Herbst in Rom zusammenkommen wird.

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