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Kindesmissbrauch im Ostkongo Rückkehr ins Leben

Ihre Kindheit war zu Ende, als der Krieg in die Dörfer des östlichen Kongo kam. Sie wurden als Soldaten rekrutiert und als Prostituierte missbraucht. Der Musiker Wolfgang Niedecken hat ein Hilfsprojekt gegründet, das Kindern in Ostkongo eine Zukunft ermöglichen soll.

13.10.2011 19:34
Andrea Jeska
Wolfgang Niedecken (r.) im Gespräch mit den Mädchen der Schneiderklasse. Foto: Andrea Jeska

Justine fällt wegen ihrer schwarzen Langhaarperücke auf. Und weil sie die Augen nicht niederschlägt wie die anderen Mädchen, nicht nervös an ihren Händen zupft, sondern fast kokett der Betrachtung standhält. Die Hände liegen an der Nähmaschine, Marke Singer, made in China, im Mundwinkel balanciert sie ein halbes Dutzend Nadeln. Alle Mädchen sind zur Begrüßung aufgestanden, Justine lässt sich Zeit damit, und als sich die anderen wieder setzen, bleibt sie noch einen Augenblick stehen.

„Kess“, sagt Wolfgang Niedecken. Nicht ahnend, dass das vielleicht nicht ganz das richtige Wort für das 16-jährige Mädchen ist. Denn dann hört er seine Geschichte. Justine mit den langen schwarzen Haaren lässt sich nicht lange bitten, über sich und ihren Weg in die Prostitution zu erzählen. Es waren nicht die Rebellen, die Justine aus ihrem Elternhaus fortschafften. In die Bordelle, in denen sie vier Jahre lang lebte, ging sie mehr oder minder freiwillig. Sie floh aus dem Haus ihrer Großmutter, bei der sie lebte. Die Großmutter war arm, für das Mädchen blieb nichts. „Eines Tages sprach jemand über die Bordelle und dass man dort Geld verdient. Also lief ich fort und frage mich durch, bis ich ein Bordell fand.“ Umgerechnet fünf Euro, sagt Justine, sei der Preis pro Kunde, doch nie habe ihr einer der Männer mehr gegeben als fünfzig Cent. Wenn sie protestierte, gab es Prügel. Weil das Geld nicht reichte, schlief sie auch draußen auf der Straße mit Männern: Für Essen, Kleidung und künstliche Haare, für Nagellack und billigen Schmuck.

Ausgangssperre?„Na ja“

Sie war geschunden, aber sie war schick, und dass sie in allem Schmutz noch hübsch blieb, erhielt ihr einen Rest von Würde. „Ich habe lange überlegt, ob ich in die Schneiderklasse komme“, sagt sie. „Ich wusste nicht, ob ich es durchhalte, kein Geld zu haben und so abhängig zu sein.“ Als sie hörte, dass sie dort lesen und schreiben lernen könne, hat sie den Schritt gewagt. Wenigstens ihren Namen würde sie gerne einmal schreiben, sie hat ihn noch nie auf einem Stück Papier gesehen. Dann wippt sie mit ihren Füßen in den zerrissenen Flip-Flops und sagt, fünfhundert Franc würden für neue Schuhsohlen schon reichen. Sie ist es gewohnt, bezahlt zu werden. Und sei es für ihre Story.

Ein wenig förmlich hatte Wolfgang Niedecken anfangs vor dieser Mädchen-Nähklasse gestanden und auf Stoffe und Stiche, auf Häkelkanten und Ziernähte geschaut, als verstünde er etwas davon. Später begutachtete er Sägekanten und Stuhlbeine, Verleimungen und Hobelbänke mit demselben freundlichen Interesse, und erst, als sie ihm schon wieder so einen Stuhl schenken, wie er ihn im vergangenen Jahr aus Uganda nach Hause getragen hatte, lacht er laut. Die Jungen lachen mit ihm, gegenüber die Mädchen in der Schneiderklasse kichern auch. „Na, das ist hier ja erfreulich locker“, sagt Niedecken, und lässt die bis dahin ziemlich unlocker gehaltenen Schultern endlich fallen.

Er habe keine Ahnung, was ihn erwarte, hatte er noch am Vorabend gesagt. Da saß der Kölner Musiker in einem Hotelzimmer in der Stadt Goma, im Ostkongo, gleich hinter der Grenze zu Ruanda, und hatte sich soeben einen wenig ermutigenden Vortrag über die Sicherheitslage an seinem Reiseziel angehört: die weiter im Norden gelegene Stadt Beni. Die Expertise der Security-Leute umfasste auch eine Auflistung der Rebellengruppen, die dort aus dem Schutz der Wälder heraus operieren, gefolgt von einer knappen Schilderung zweier kürzlich erfolgter Überfälle auf Wagen von Hilfsorganisationen, einer galt lokalen Mitarbeitern einer deutschen Gruppe. Zudem herrsche nach Einbruch der Dunkelheit Ausgangssperre in Beni. „Na ja“, sagte Niedecken schließlich. „So ist das wohl.“

Sexsklaven für die Banditen

Wolfgang Niedecken bereist Afrika jetzt seit fast einem Jahrzehnt. Dass der Ostkongo ein schwieriges Gelände ist, weiß er spätestens, seit er sich 2010 in Goma und Umgebung umsah, ob sein bis dahin in Uganda angesiedeltes Hilfsprojekt auch im Kongo funktionieren könnte. Er hatte damals ehemalige Kindersoldatinnen getroffen und Frauen, die zum Teil mehrfach vergewaltigt wurden. Erschrocken von diesem Ausmaß an seelischer und körperlicher Zerstörung, beschloss er, etwas zu unternehmen.

Wenn man Wolfgang Niedecken nach seinem Afrika-Engagement fragt, erzählt er die Geschichte von dem kleinen Mädchen, das ihn 2004 in einem Rehabilitationscenter für Kindersoldaten am Ärmel festhielt und sagte: „Mister, don’t forget“. Ein Satz, den er sich zu Herzen nahm. Zwei Jahre nach dieser Begegnung reiste Niedecken mit seinem Freund Manfred Hell, damals Geschäftsführer der Bekleidungsfirma Jack Wolfskin, nach Uganda. Gemeinsam entwickelten sie die Idee für ein Ausbildungsprojekt für ehemalige Kindersoldaten und -soldatinnen, genannt Rebound. Niedecken wurde Botschafter, das Unternehmen Jack Wolfskin Financier und die Hilfsorganisation World Vision setzte die Ideen um, übernahm die Kontrolle vor Ort. Niedecken flog fortan jährlich ins Projektgebiet, sah, wie die Kinder erwachsen wurden. „Das Versprechen ist erfüllt. Was das kleine Mädchen mir damals angetragen hat, ich habe es gehalten, “ sagte er.

Nun also der Kongo. Goma ist ein dreckiges heruntergekommenes Loch, über das Kolonialisten, Krieger und Soldaten kamen wie Gottes Zorn über Sodom. Zäh und mit bitterer Heiterkeit stemmt sich die Stadt gegen die Vernichtung, gegen Armut und Not.

Von dort fliegt Niedecken mit einer Maschine der Vereinten Nationen über Vulkankegel, erstarrte Lavabäche, endlose Wälder mit vereinzelten Dörfern und bräunlich mäandernde Flüsse hinweg nach Beni. Das Fliegen ist nicht Niedeckens bevorzugte Reiseart, lieber hätte er etwas vom Land gesehen. Aber fast alle Hilfsorganisationen nehmen zurzeit die wesentlich längere Route durch das von Beni achtzig Kilometer entfernte Uganda. Lieber 16 Stunden Fahrt als entführt in den Wäldern enden. Die Umgebung von Beni ist Aktionsgebiet der Mai-Mai, die den Kongo von Ausländern freihalten wollen und der pro-islamischen, multinationalen ADF, Allied Democratic Forces, der man Verbindungen zu Al-Kaida nachsagt. Beide Gruppen terrorisieren die Bevölkerung. Plünderungen, Massenvergewaltigungen, Entführungen von Kindern, mit der Absicht, sie als Soldaten oder Sexsklaven zu missbrauchen, sind nur einige der Untaten, die man ihnen vorwirft. Die angeblich gegen diese Verbrechen zu Felde ziehende staatliche Armee ist nicht minder brutal. Für die Zivilbevölkerung bedeutet das Schmerz und wirtschaftliche Not. Keine Familie, die nicht einen oder viele Tote zu beklagen hat, nicht mit Hab und Gut auf die Flucht gehen, ihre Kinder verstecken musste, ihre Hütte in Flammen aufgehen sah.

In dieser zerstörerischen Atmosphäre muss sich Rebound 2, wie das Projekt offiziell heißt, behaupten. Im Laufe der kommenden Jahre soll es der Rettungsanker für geschundene Jugendliche werden, die in der alltäglichen Not der Bevölkerung keinen Platz und kaum Hilfe finden. Niedecken, der sich bei seinem Besuch mit Jungen auf der Straße und auch mit Mädchen in den Bordellen unterhält, wird am Ende dieser Reise sagen, er habe sich an die schrecklichen Zustände in Uganda vor ein paar Jahren und die Verbesserungen, die dann kamen, erinnern müssen, um an Beni nicht zu verzweifeln.

Kölsche Lieder

Es sind Berichte wie die des Mädchens Yvonne, die Niedecken fassungslos machen. Erzählungen, die von einem Maß an Mitleidlosigkeit und Niedertracht künden, wie er es sich, obwohl er in Afrika schon einiges gehört hat, nicht vorstellen konnte. Als er die 17-Jährige trifft, zerrt sie unaufhörlich an ihren Händen. Ihre Geschichte kann sie nur in zerrissenen Sätzen, in manchmal völlig zusammenhangslosen Worten vortragen. Sie war zwölf Jahre alt, als Mai-Mai-Rebellen ihre Eltern töteten und sie und ihre kleine Schwester mit sich nahmen. „Warst du dabei, als deine Eltern getötet wurden?“, fragt Niedecken schließlich fast tonlos. Welchen Tonfall soll man auch für solch eine Frage finden. Das Mädchen nickt. Drei Jahre lang musste sie einem der Soldaten als Ehefrau dienen. Wie er hieß? Sie weiß es nicht. Ob er jemals ein gutes Wort, eine Geste der Zärtlichkeit für sie hatte. „Nein.“ Wie oft er sie holte? „Jede Nacht.“ Ob er sie schlug? „Jeden Tag.“

Als sie 15 war, gelang Yvonne gemeinsam mit ihrer Schwester die Flucht. Sie landeten bei einer Tante, die sie nicht wollte und auch nicht fortschicken mochte. Wenig Essen, keine Schule, wieder Schläge. So viele, dass selbst die Freundinnen der Tante es nicht mit ansehen konnte, eine von ihnen Yvonne schließlich aufnahm. Dort wohnt sie jetzt und lernt im Rebound-Zentrum das Schneidern. Wie sieht sie ihre Zukunft? Da geht so etwas wie der Schimmer eines Lächelns über ihr Gesicht: Mit eigener Schneiderei, mit Geld, um auf eigenen Beinen zu stehen. „Das macht doch Hoffnung“, sagt Niedecken. Aber sehr überzeugt klingt er nicht.

Für Rebound 2 wurde im Mai ein Haus in einer Seitenstraße angemietet, von hohen Mauern umgeben. Auf einem kleinen Turm steht ein bewaffneter Wachmann. Fünfzig Mädchen und dreißig Jungen wurden bislang aufgenommen. Gut ein Dutzend der Mädchen hat bereits selber Kinder, ein weiteres halbes Dutzend ist schwanger. Die Väter der Babys sind Vergewaltiger oder ehemalige Kunden. Die Jungen sind bis auf wenige Ausnahmen ehemalige Soldaten. Sie haben verlernt, sich in der zivilen Welt zurechtzufinden. Im Hilfszentrum lernen sie schreinern oder werden zu Automechanikern ausgebildet. Die Mädchen lernen nähen und sticken. Dreimal in der Woche sprechen sie mit Psychologen, üben autogene Techniken, um die Erinnerungen unter Kontrolle zu halten. Die Jüngsten im Projekt sind zwölf Jahre, die ältesten 18 Jahre alt.

In der Dunkelheit kommt die Gewalt

Am letzten Abend seines Besuches gibt Niedecken ein paar Hits seiner Gruppe Bap zum Besten. Wie gewohnt singt er meistens auf Kölsch. Auch wenn die Kinder kein Wort verstehen, lassen sie sich mitreißen, tanzen wild, liegen sich in den Armen, schaukeln im Takt ihre Babys. Doch als die Abenddämmerung aufzieht, schlüpfen sie eilig in ihre Schuhe und laufen in Gruppen davon. Mit der Dunkelheit kommt die Gewalt zurück.

Vier Tage später landet Niedecken wieder in Goma. Über die Kindersoldaten in Uganda hat er einst ein Lied geschrieben, gerne würde er über Beni auch eines finden, aber die Situation der Jungen und Mädchen, die er hier kennengelernt hat, ist zu komplex für einen Popsong. Das wird ihm jetzt klar. Viele der Bap-Fans haben in den vergangenen Jahren für Rebound gespendet, auf jeder Tournee gibt es einen eigenen Rebound-Stand. Das Interesse an seinem afrikanischen Projekt sei groß, sagt Niedecken. Doch ist er sich seiner Grenzen als Künstler bewusst. „Ab einem gewissen Punkt ist es einfach schwierig, noch Worte für all das zu finden.“

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