Lade Inhalte...

Kill Teams in Afghanistan "Tötet diesen Kerl"

In den USA beginnt der Prozess gegen fünf Soldaten, wegen Mordes an drei afghanischen Zivilisten. Die Anklageschrift zeichnet ein erschütterndes Bild vom Frontleben.

28.09.2010 21:23
Dietmar Ostermann
Soldaten der fünften Brigade kommen vom Einsatz zurück. Foto: afp

Der junge Soldat rutscht unruhig auf dem Stuhl hin und her, reibt sich die Augen, erzählt mit gesenktem Kopf und monotoner Stimme, was sich Anfang Mai nahe dem afghanischen Kandahar abgespielt haben soll.

Wie der Kommandeur einer US-Streife einen Bauern anwies, sich vor seine Hütte zu stellen, wie er eine Handgranate auf ihn warf und seinen Soldaten befahl: „Tötet diesen Kerl, tötet diesen Kerl.“ Ob der Afghane Waffen gehabt oder aggressiv gewesen sei, fragt der Militärermittler. „Nein, überhaupt nicht. Er war keine Bedrohung“, sagt der Stabsgefreite Jeremy Morlock.

Das kurze Video von der Vernehmung des Soldaten Morlock haben die US-Sender CNN und ABC zum Auftakt eines Militärprozesses ausgestrahlt, in dem fünf Soldaten wegen Mordes an drei afghanischen Zivilisten angeklagt sind, sieben weitere wegen Vertuschung und Drogenmissbrauch. Am Montag begann das Verfahren mit einer Anhörung auf dem US-Stützpunkt Lewis-McChord. Dabei soll zunächst geklärt werden, ob der Stabsgefreite Morlock vor ein ordentliches Militärgericht gestellt wird, wo ihm die Todesstrafe droht.

Der Fall hat in den USA nicht nur deshalb für Entsetzen gesorgt, weil die mutmaßlichen Verbrechen besonders grausam sind. Sondern auch, weil die Anklageschrift ein erschütterndes Bild vom Frontleben der Soldaten zeichnet, das so gar nicht passen will zum üblichen Heldenmythos. Eher erinnern die Schilderungen der Zustände in der zum 5. Stryker Brigade Combat Team gehörenden Einheit an Drogenorgien und Moralverfall in einem anderen Krieg, dem in Vietnam.

„Kill Teams“ sammelten Finger

Soldaten sollen sich regelmäßig an Drogen berauscht haben. Offenbar wusste eine ganze Einheit von den „Kill Teams“, mit denen Stabsunteroffizier Calvin Gibbs Jagd auf afghanische Zivilisten gemacht haben soll. Gibbs soll geprahlt haben, schon im Irak ungestraft Morde begangen zu haben.

In Afghanistan sollen er und seine „Kill Teams“ Fingerknochen der Opfer als Souvenir behalten haben. Rund 70 Fotos soll es geben, auf denen die mutmaßlichen Mörder mit ihren Opfern posierten. „Gibbs hat die Afghanen gehasst, er nannte sie ständig Wilde“, sagte der Gefreite Morlock später den Ermittlern.

Verstörend an dem Fall ist auch, dass die US-Armee Hinweise und Warnungen über Monate ignorierte. So hatte der Gefreite Adam Winfield seinen Vater bereits nach dem ersten mutmaßlichen Mord im Januar informiert. Aus Angst vor Gibbs habe sich sein Sohn nicht offenbaren wollen, sagte der Vater dem Radiosender PBS.

Ihm sei auf dem Heimatstützpunkt der Einheit mitgeteilt worden, wenn sein Sohn Vergeltung fürchte, solle er mit einer Meldung warten, bis die Einheit in die USA zurückkehre. „Ich dachte, sie machen einen Witz“, sagte der Vater. Auch sein Sohn ist inzwischen wegen Mordes angeklagt, weil er Monate später im Mai mit dem Stabsgefreiten Morlock auf den afghanischen Bauern geschossen haben soll.

Alle fünf wegen Mordes angeklagten Soldaten plädierten auf unschuldig. Laut „LA Times“ lehnten in der ersten Anhörung 14 von 18 Zeugen eine Aussage ab, um sich nicht selbst zu belasten, darunter ein Leutnant.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen