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Katholische Kirche Wie Kardinal Woelki einen unliebsamen Professor verhindert

Der nächste Skandal: Der Kölner Erzbischof Woelki greift selbstherrlich in die Freiheit der Wissenschaft ein - und das Land NRW kungelt mit. Theologen sind entsetzt.

Kardinal Rainer Maria Woelki
Will unbedingt seinen Wunschkandidaten für einen Lehrstuhl für Dogmatik in Bonn durchsetzen: Rainer Maria Woelki. Foto: Imago

Unter Umgehung geltenden Rechts hat der Kölner Erzbischof, Kardinal Rainer Woelki, die Berufung eines ihm nicht genehmen Professors an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Bonn verhindert.

Der Eingriff in die Freiheit der Wissenschaft und die Rechte der Beteiligten ist noch gravierender als bei dem Frankfurter Theologen Ansgar Wucherpfennig, dem der Vatikan das „Nihil obstat“ (Unbedenklichkeitserklärung) für eine dritte Amtszeit als Rektor der Theologisch-Philosophischen Hochschule Sankt Georgen verweigert.

Woelki wollte Wunschkandidaten durchdrücken 

In dem Bonner Fall war Woelki 2016 unzufrieden mit der bereits erfolgten Berufung des Paderborner Priesters Joachim Negel auf einen Lehrstuhl für Dogmatik. Ein Einspruchsrecht steht dem zuständigen Ortsbischof laut dem „Preußenkonkordat“ zwischen Kirche und Staat von 1929 zu, wenn er die Rechtgläubigkeit oder den Lebenswandel eines Kandidaten beanstandet. Beides war bei Negel nicht der Fall. Woelki wollte ihn trotzdem nicht. Er stellte sich den Kölner Priester Thomas Marschler, derzeit Professor in Augsburg, auf dem Bonner Lehrstuhl vor.

Wie aus Korrespondenzen hervorgeht, zu denen die FR Zugang hatte, ging Woelki dafür einen Umweg über NRW-Wissenschaftsministerin Svenja Schulze (SPD). Die Beziehungen zur damaligen Landesregierung unter Hannelore Kraft (SPD) waren herzlich. In sozialen Belangen, besonders in der Flüchtlingsfrage, funkten Kardinal und Ministerpräsidentin auf einer Wellenlänge. Dieser kurze Draht sollte sich von Vorteil erweisen. 

Fachlich nicht geeignet?

So fand Woelki in Düsseldorf ein offenes Ohr, als er im Wissenschaftsministerium vortrug, Negel sei fachlich nicht geeignet. Da er seine Habilitation als Fundamentaltheologe erworben habe, könne er keinen Dogmatik-Lehrstuhl besetzen. Die Ministerin gab Woelkis „monita“ (Bedenken) an die Universität weiter, woraufhin die Berufungsliste nach anfänglicher Gegenwehr und einigem Hin und Her nicht weiterverfolgt wurde. Stattdessen begann die Berufungsprozedur noch einmal von vorn. Negel war aus dem Rennen, der Fall erledigt.

Auf Anfrage ließ Woelki durch einen Sprecher erklären, die Bonner Fakultät habe ihre Verpflichtung zur Bestenauslese im Berufungsverfahren verletzt. Hierauf zu bestehen sei keine Einmischung der Kirche in die Belange der Universität. „Der wissenschaftlichen Vermittlung der Glaubenslehre und der Ausbildung des priesterlichen Nachwuchses wäre es in höchstem Maße abträglich, wenn hiermit nicht die am besten qualifizierten Hochschullehrer betraut würden.“

Theologen nennen Argumentation „aberwitzig“

Der Vorsitzende der „Arbeitsgemeinschaft katholische Dogmatik und Fundamentaltheologie“, der Bochumer Dogmatiker Georg Essen, nennt diese Argumentation „aberwitzig“. Die Auswahl und fachliche Beurteilung von Professoren stünden einzig der Universität zu. „Es ist prinzipiell nicht die Aufgabe des Bischofs, über die wissenschaftliche Qualifikation von Professoren an staatlichen Universitäten zu befinden.“

Der Erzbischof habe die ihm zustehende Befugnis unzulässig überschritten und damit gegen das Preußenkonkordat verstoßen. Seine Intervention bei Schulze sei „ein Unding, übergriffig und rechtswidrig“, so Essen. „Ärgerlich und unverständlich ist es, dass das Ministerium ein solches Ansinnen nicht entschieden abgewehrt hat. Hier wird das hohe Gut einer intakten Rechtskultur beschädigt, auf der die Legitimität staatskirchenrechtlicher Verträge beruht.“

Es sei in ganz Deutschland gängige Praxis, Fundamentaltheologen auf Dogmatik-Lehrstühle zu berufen und umgekehrt, führt Essen weiter aus. Die beiden Disziplinen seien nicht zu trennen, die alte formale Unterscheidung gelte bereits seit Jahrzehnten als überholt. „Man kann nicht vom Glauben Rechenschaft geben, was Aufgabe des Fundamentaltheologen ist, ohne sich mit Glaubensinhalten zu befassen, dem Kerngeschäft der Dogmatik“, so Essen. „Mit Kardinal Woelkis Argumentation hätte schon der damalige Bonner Fundamentaltheologie Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI., 1963 nicht Dogmatik-Professor in Münster werden dürfen.“

Nach einer Stellungnahme gefragt, zogen sich sowohl das Ministerium in Düsseldorf als auch der Dekan der Fakultät, Claude Ozankom, und das Rektorat auf ihre Verschwiegenheitspflicht in Personalangelegenheiten zurück. Universitätspressesprecher Andreas Archut verweist zudem auf die geltenden Normen für die Erteilung des „Nihil obstat“: Über die erforderlichen Voraussetzungen eines Bewerbers für die Lehrtätigkeit stelle in NRW das Ministerium für Kultur und Wissenschaft „das Benehmen mit dem zuständigen Ortsbischof her“, hier also mit Woelki.

„Warum lässt sich NRW auf Kungelei ein?“

Negel spricht von einer „Instrumentalisierung“ des Staatskirchenrechts durch den Erzbischof mit dem Ziel, dessen persönlichen Wunschkandidaten in Bonn durchzusetzen. Woelki sei hoch verärgert darüber gewesen, dass die Fakultät den in Augsburg lehrenden Theologen Thomas Marschler bei ihrer Vorauswahl nicht berücksichtigt habe. Marschler ist Kölner Priester und schon aus seiner Zeit als Messdiener mit dem heutigen Erzbischof bekannt.

Mit anderen Kennern der Materie ist Negel überzeugt, dass er „in eine Strafaktion des Kardinals gegen ‚seine‘ Bonner Fakultät geraten“ sei. „Und auch mir ist schleierhaft, warum sich das Land NRW willfährig auf diese Art politischer Kungelei eingelassen hat.“ Innerlich habe er mit Bonn abgeschlossen, nicht zuletzt, weil er im Sommer 2015 an der Universität Fribourg (Schweiz) eine Professur angetreten habe, mit der er hoch zufrieden sei. 

„Aber hätte ich dieses Glück nicht gehabt, hätte ich womöglich eine Familie zu ernähren und stünde jetzt mit leeren Händen da – was wäre dann? Ich möchte mir das nicht ausmalen.“ Woelkis „Machtgebaren“ sei Ausdruck genau jenes Klerikalismus in der katholischen Kirche, der zurzeit angeprangert werde. Abgesehen davon unterminiere der Kardinal mit seinem Verhalten die Loyalität der Priestertheologen. „Ich bin schon gelinde erschüttert darüber, mit welcher Selbstherrlichkeit hier gesetztes Recht missachtet worden ist.“

Negels Kollege Essen sagt, Woelki verwechsle offenbar den Ruf nach Auslese der Besten mit der Auswahl des für ihn Besten. Die ganze Widersprüchlichkeit werde daran deutlich, dass der Erzbischof seine eigene Forderung durch die zwingende Vorgabe blockiert habe, die Bonner Professur mit einem Priester zu besetzen. „Wie immer man zu der sogenannten Priesterquote stehen mag: Die Kirche hat mit dieser Vorschrift eine wissenschaftsfremde Bedingung eingeführt, durch die wissenschaftliche Grundsätze der Bestenauslese ungebührlich eingeschränkt und der Fakultät die Hände gebunden waren.“ Woelkis Vorgehen habe „unter den Theologen einhellig zorniges Kopfschütteln“ ausgelöst, so Essen weiter. 

„Den Bock zum Gärtner gemacht“

Er weist darauf hin, dass Woelki seit Februar in der Deutschen Bischofskonferenz Vorsitzender der Kommission für Wissenschaft ist und zugleich Mitglied der Bildungskongregation im Vatikan. „Es wird sich zeigen, wie sehr er sich für die deutsche Theologie einsetzt.“ Ein führender Vertreter der theologischen Zunft sagt es drastischer: „Mit Woelki haben die Bischöfe den Bock zum Gärtner gemacht.“

Und dem Vernehmen nach gehen die Übergriffe weiter. Auch auf das neu aufgenommene Verfahren zur Besetzung des Bonner Lehrstuhls, das nach Negels verhinderter Berufung erforderlich wurde, soll Woelki massiv Einfluss genommen haben – wiederum mit dem Versuch, Marschler in Bonn zu installieren.

Fakultät widersetzt sich Woelkis Wünschen 

Dem widersetzte sich die Fakultät zwar auch diesmal: Vor wenigen Wochen reichte sie in Düsseldorf eine Kandidatenliste ein, die unterdessen auch dem Erzbischof vorliegt. Darauf steht nach zuverlässigen Informationen aus der Hauptstadt nur ein einziger Name – und zwar nicht der von Marschler, Woelkis Mann. Der Kandidat der Fakultät aber kann derzeit noch nicht zum Zuge kommen. Was fehlt, ist das „Nihil obstat“ des Erzbischofs. Der aber spielt möglicherweise auf Zeit. Und er könnte auf eine „Killerfrist“ spekulieren: Nach vier Monaten nämlich verliert die Berufung ihre bindende Wirkung.

Die Fakultät lehnte auf Anfrage jede Stellungnahme ab. Hierin ausnahmsweise einig mit ihrem Erzbischof in Köln.

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