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Katholische Kirche Papst Franziskus rechnet ab

Das Oberhaupt der Katholiken geißelt in seiner Weihnachtsansprache Macht- und Karrierestreben der vatikanischen Kurie. Die Bürokratie des Vatikans hat aus Sicht des Pontifex mit vielen Problemen zu kämpfen.

Wie versteinert lauschen die Kardinäle und Bischöfe, während der Papst ihnen im Apostolischen Palast des Vatikans die Leviten liest. Foto: rtr

Grabesstill war es, als der Papst seine Weihnachtsansprache beendet hatte. Viele Kardinäle und Bischöfe saßen da wie versteinert. Denn es war eine unerhörte und völlig unerwartete Abrechnung, die ihnen ihr Chef da gerade beim traditionellen Empfang vor den Festtagen in der Sala Clementina präsentiert hatte. Nur sehr zögerlich setzte Beifall ein.

Statt wie nach gewohntem Protokoll am Montagnachmittag Weihnachts-Glückwünsche mit der römischen Kirchenführung auszutauschen und eine kleine Jahresbilanz zu ziehen, hatte der Papst die 15 Krankheiten der Kurie gegeißelt: Eitelkeit, Arroganz, Rivalitäten, Macht- und Karrierestreben gehören aus seiner Sicht ebenso dazu wie Opportunismus, Geschwätzigkeit, der „Terrorismus des Klatsches“ und „spiritueller Alzheimer“. Viele im Kirchenstaat fühlten sich unsterblich und unersetzlich, sagte Franziskus. Sie litten am „Komplex der Auserwählten“ und an Narzissmus. Die Farbe der Kleidung und Insignien seien das erste Ziel in ihrem Leben – „sozialer Exhibitionismus“. Statt Mitgefühl zu empfinden, seien sie anderen gegenüber gleichgültig.

Mit Gerüchten und Tratsch betrieben sie Rufmord an Kollegen und Mitbrüdern. Mit „existenzieller Schizophrenie“ umschrieb Franziskus das Doppelleben vieler hoher Geistlicher, die nach außen strenge Lehren erteilten, aber ein ausschweifendes Leben führten. Das alles habe nicht nur zur Folge, dass Gemeinschaftssinn fehle. „Eine Kurie, die sich nicht selbst kritisiert, auf den neuesten Stand bringt und verbessert, ist ein kranker Körper.“

Zwar hat Franziskus seit seinem Amtsantritt im März 2013 nicht mit Kritik an der Kurie gespart. Aber jetzt verzichtete er auf jegliche Diplomatie. „So etwas ist überhaupt noch nie passiert“, sagte Kardinal Giovanni Lajolo, ehemaliger vatikanischer Außenminister, der Zeitung „La Stampa“. Es sei das erste Mal, dass ein Papst die Kurienmitglieder auffordere, ihr Gewissen anhand eines Katalogs von Pathologien zu hinterfragen.

„Der Papst vom anderen Ende der Welt“

Vieles, was der Papst anprangert – etwa, dass man sich gegen Untergebene hart zeige und nach oben hofiere – ist nicht nur im Vatikan gang und gäbe. Aber der Kirchenstaat, einer der letzten absolutistischen Staaten und zudem einer, in dem die Hierarchien so starr sind und die Insignien der Macht so zur Schau getragen werden, ist besonders anfällig für Höflingswesen, Karrierismus und Palastintrigen aller Art.

Im Gegensatz zu seinen Vorgängern ist Franziskus nicht im römischen Hofstaat groß geworden. „Der Papst vom anderen Ende der Welt“, der Bescheidenheit und die Rückkehr der Kirche zum Wesentlichen predigt, kam als Außenstehender in den Vatikan. Es war von Beginn an klar, dass er nach Vatileaks und den Vatikanbank-Skandalen endlich Reformen angehen würde, für die sein Vorgänger Benedikt XVI. zu schwach gewesen war. Franziskus will die Kirche demokratisieren und starre Hierarchien durch mehr Mitsprache ersetzen.

Er hat ein Beratergremium und Kontrollkommissionen eingesetzt, zweifelhaftes Führungspersonal ausgewechselt und einige abgesägt, die es sich in ihren Machtpositionen bequem gemacht hatten, wie etwa Ex-Vatikan-Staatssekretär Tarcisio Bertone. Unter anderem auf ihn soll ein Satz in Franziskus‘ Weihnachtsansprache gezielt haben: „Unsere Umzüge sind ein Zeichen der Krankheit“. Bertone bezieht demnächst ein Luxus-Apartment im Vatikan.

Klar ist, dass diejenigen, die um ihre Pfründe fürchten, genauso gegen diesen Papst arbeiten wie der Flügel der Konservativen im Vatikan. „Franziskus unter den Wölfen“ hat der italienische Vatikan-Experte Marco Politi sein Buch betitelt. So groß international die Zustimmung für Franziskus sei – „er steht innerhalb der kirchlichen Struktur immer noch alleine da“, glaubt Politi. Es gebe keine starke „Pro-Bergoglio-Partei“ in der Kurie, sondern viele, die immer noch hofften, er sei ein Übergangspapst. „Der Widerstand gegen ihn wächst“, zitierte das italienische Magazin Panorama kürzlich anonyme Stimmen aus dem Vatikan.

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