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Katholische Kirche "Flüchtlinge sind das Fleisch der Kirche"

Bischof Jacques Gaillot wurde vor 20 Jahren seines Amtes enthoben. Jetzt traf er mit dem Papst zusammen und spricht im Interview über Reformen in der katholischen Kirche und Amtsbrüder, die auf der Bremse stehen.

Privataudienz bei Papst Franziskus Anfang September. Foto: Privat

Herr Bischof, sehen Sie Ihren Besuch bei Papst Franziskus – 20 Jahre nach Ihrer Amtsenthebung – als Rehabilitierung?
Der Papst hatte von sich aus den Wunsch, mit mir zusammenzutreffen. Als ich ihn sah, habe ich ihm gedankt und ihm gesagt: „Ich habe eigentlich nichts zu wollen und zu fordern, aber ich bin gekommen im Namen all der Ausgeschlossenen, für die und mit denen ich arbeite. Und die sind sehr glücklich, vielleicht mehr als ich, dass Sie mich empfangen.“ Aber ich bin natürlich sehr froh: Es hat sich nach 20 Jahren eine Wunde geschlossen. Was ich immer getan und gewollt habe, wurde nun von höchster Stelle wahrgenommen. Es gibt – in aller Bescheidenheit – ein gemeinsames Projekt, nämlich die Zuwendung zu den Menschen, die es am nötigsten haben. Das hat dieses Gespräch bezeugt.

Ist der Konflikt nun für Sie ausgestanden?
So verstehe ich dieses Zusammentreffen. Der Papst begrüßte mich mit den Worten: „Wir alle sind Brüder!“

Was hat Ihnen der Papst über seine Sicht des Konflikts gesagt? Ich denke auch an die Themen, deretwegen Sie von Johannes Paul II. gemaßregelt wurden: Homosexualität, verheiratete Priester, Sexualmoral...
Von seinem Vorgänger Johannes Paul II. sprach er mit keinem Wort. Ganz wichtig ist ihm die anstehende Synode. Ich hatte ihm Anfang August einen Brief geschrieben und ihm meine Erfahrungen, Erlebnisse und Überlegungen mitgeteilt zu Ehe und Familie, geschiedenen Paaren etcetera. Danach erkundigte er sich jetzt intensiv. Auch nach den Formen, die wir gefunden haben: Man kann homosexuelle Paare segnen, ohne die traditionellen Riten zu verletzen. Wenn nicht im Kirchenraum, dann eben in der freien Natur. Mein beherrschender Eindruck war: Dieser Papst hat keine Angst. Er geht ganz frei auf diese Fragen zu.

Im Zentrum Ihrer Verkündigung und Ihres Engagements standen immer die Ausgegrenzten, die „Marginalisierten“. Das sind exakt die Begriffe und Perspektiven, die das jetzige Pontifikat prägen. Waren Sie eine Art Vorbote von Franziskus – mit dem richtigen Wort zur falschen Zeit?
Ich würde mich nie als Vorbote bezeichnen, und davon war auch nicht die Rede. Für mich war es reines Glück, zum ersten Mal einem Papst zu begegnen, der in seiner Erscheinung ganz einfach, klar und herzlich ist, auch in Gestik und Mimik. Er ist kein Funktionär. Es geht ihm nicht um die Macht. Ich habe ihm gesagt: „Sie haben in der ganzen Welt eine ungeheure Hoffnung geweckt. Überall geschieht, was ganz selten ist und nur wenigen gelingt: Sie finden Worte und Gesten, die von allen Menschen verstanden werden.“ Dafür habe ich ihm gedankt.

Und wie hat Papst Franziskus darauf reagiert?
Er lachte, als wäre von jemand anderem die Rede. Aber hat nicht Nein gesagt. Er lachte und war vielleicht sogar ein wenig glücklich, das zu hören.

Die Familien-Synode beginnt Anfang Oktober. Glauben Sie, dass sich der Papst mit seiner Reform-Agenda dort durchsetzen wird? Kann er in der katholischen Kirche wirklich etwas verändern, außer in „Geste und Mimik“?
Es ist klar: Diese zweite Synode wird ein Test sein, mit dem sich vieles entscheidet. Der Papst will reformieren. Ob er es kann, ist die Frage. Es gibt eine starke Opposition vieler Bischöfe und Kardinäle, die offen oder heimlich auf der Bremse stehen. Ihnen sagt er: „Christus klopft an die Tür der Kirche. Wir müssen ihm öffnen. Wir dürfen den, der uns die Freiheit gebracht hat, nicht einschließen. Wie er es getan hat, so müssen auch wir auf die Menschen zugehen, nicht auf sie losgehen.“

Welches der vielen Probleme unserer Zeit sehen Sie als besonders vordringlich an?
Es ist das Thema „Flucht und Vertreibung“. Wir sprachen darüber, und Papst Franziskus sagte: „Die Flüchtlinge sind das Fleisch der Kirche. Wir müssen solidarisch sein.“ Ich sehe es ebenso. An dieser krisenhaften Herausforderung zeigt sich, wo wir stehen. Ich bin sehr froh über das Beispiel Deutschlands. Was da an gelebter Solidarität sichtbar wird, ist eindrucksvoll. Ich bete täglich, dass das durchhält, Ergebnisse hat und auch andere Länder ermutigt.

Interview: Joachim Frank

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