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Karl-Theodor zu Guttenberg Meister der Verführung

Karl-Theodor zu Guttenberg kämpft mit allen Mitteln um seine Macht. Doch sein Stern sinkt. Den Doktortitel hat er schon verloren. Wie lange kann er noch Minister bleiben?

26.02.2011 09:00
Viktor Funk und Steffen Hebestreit
Im Zweifel unantastbar? Karl-Theodor zu Guttenberg knüpft drei Verteidigungsstrategien zu einem dichten Geflecht. Fragt sich, wie lange es noch halten wird. Foto: Michael Sohn/dapd

Die Geschichte, an deren vorläufigem Ende Dr. Karl-Theodor zu Guttenberg zwar seinen Doktortitel und seinen fabelhaften Ruf verliert, nicht aber sein Amt und seine Popularität, beginnt mit einem glasklaren Dementi. „Der Vorwurf, meine Doktorarbeit sei ein Plagiat, ist abstrus. Ich bin gern bereit, zu prüfen, ob bei über 1200 Fußnoten und 475 Seiten vereinzelt Fußnoten nicht oder nicht korrekt gesetzt sein sollten und würde dies bei einer Neuauflage berücksichtigen.“ Am Mittwochmittag vergangener Woche war das. Nichts in Guttenbergs Umgebung deutet zu diesem Zeitpunkt darauf hin, dass ihm die schlimmsten sieben Tage in seiner jungen politischen Laufbahn bevorstehen. Sieben Tage, in denen politisch viel mehr geschieht, als dass ein 39-Jähriger „nur“ der wissenschaftlichen Hochstapelei überführt wird. Sieben Tage, die vielleicht im Rückblick einer noch langen politischen Karriere als sein Meisterstück gesehen werden können.

Schon heute ist aber klar, dass der Preis dafür hoch ist, sehr hoch: Zuerst fällt in der dargebotenen Vorstellung die Wahrheit zum Opfer, dann schrumpfen politische Wertmaßstäbe – und schließlich, so ist zu befürchten, verliert die kritische Öffentlichkeit die Kraft ihrer Stimmen. Denn so ernst die Lage um die Plagiats-Affäre des Verteidigungsministers ist – die Mehrheit der Bundesbürger hält treu zu ihm.

Dass der Verteidigungsminister heute noch im Amt ist, zeugt von einem Talent, das in dieser schwieriger Lage erstmals klar sichtbar wird: Guttenberg ist ein Meisterverführer.

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Nachdem die Süddeutsche Zeitung am Mittwoch, 16. Februar, die Plagiats-Vorwürfe des Bremer Rechtsprofessors Andreas Fischer-Lescano gegen Guttenberg veröffentlicht hat, wiegelt der Verteidigungsminister leichtfertig ab: „Abstrus“ seien die Vorwürfe. Der Minister lässt die knappe Mitteilung formulieren und besteigt einen Bundeswehr-Airbus mit Ziel Afghanistan. Die Reise ist seit längerem terminiert. Sie wirkt zugleich wie ein Glücksfall für den medienaffinen Minister, denn es sitzen anders als sonst diesmal keine Journalisten im Flugzeug – mit Ausnahme des FAZ-Mitherausgebers Berthold Kohler. Er wird den Minister später als gelassen beschreiben. Zu diesem Zeitpunkt fordern auch nur 14 Prozent der Bundesbürger den Rücktritt des Ministers – doch nicht wegen der Plagiatsaffäre, sondern wegen seiner kritisierten Aufklärung eines Todesfalles auf dem Marine-Schiff Gorch Fock.

Doch noch am Nachmittag, als Guttenberg gerade im Bundeswehr-Airbus sitzt, geht die FAZ mit einer erstaunlichen Nachricht an die Öffentlichkeit: Guttenberg, so steht da geschrieben, habe die ersten Absätze seiner Einleitung nahezu komplett einem Artikel entnommen, den eine Politik-Professorin 1997 in der FAZ veröffentlicht hatte – ohne, dass die Autorin Barbara Zehnpfennig in der Einleitung der Doktorarbeit als Quelle angeführt werde.

Von „abstrus“ kann keine Rede mehr sein. Jungakademiker, die sich jahrelang abmühen, um ihre Dissertation fertig zu schreiben, ärgern sich über den leichfertigen Umgang des Ministers mit wissenschaftlichen Standards. Sie blasen zur Jagd. Ab Donnerstagvormittag, als der Minister gerade aus Afghanistan zurück nach Deutschland reist, laden auf der Internetseite de.guttenplag.wikia.com zwei Dokoranden andere Jungwissenschaftler und kritische Geister dazu ein, die Vorwürfe Fischer-Lescanos zu erhärten. Die 475 Seiten umfassende Schrift Guttenbergs, die im renommierten Wissenschaftsverlag Duncker & Humblot erschienen ist, liegt auch digital vor. Das erleichtert ihre Überprüfung enorm, weil heutzutage neue und auch viele alte akademische Publikationen digital vorliegen und oft ganz oder teilweise im Internet veröffentlich werden. Um Guttenberg auf die Schliche zu kommen, machen die akademischen Ermittler, was auch Guttenberg selbst offenbar hervorragend beherrscht: Textteile kopieren und für eigene Zwecke verwenden. Nur dass dieses Mal die Aktivisten Textteile aus Guttenbergs Arbeit kopieren und dann nach deren wahrer Herkunft bei Google suchen oder sie schlagen auch auf herkömmliche Weise in Büchern, aus denen Plagiate stammen könnten, nach.

„Abstrus“ sind die Vorwürfe nicht mehr

Dass so viele Geisteswissenschaftler, Mathematiker, Ingenieure und interessierte Internet-User sich in den nächsten Tagen an dieser Suche beteiligen werden, hätten sich die Initiatoren von guttenplag.wikia nicht träumen lassen. Die Zuarbeit ist so umfangreich, dass die Betreiber der Seite aufpassen müssen, dass sie nicht zusammen bricht. Bereits am Donnerstagabend weist die Seite knapp zwei Dutzend Stellen auf, in denen Guttenberg grob gegen die Regeln wissenschaftlichen Zitierens verstoßen haben soll. Der Druck steigt. Am Freitag, als Guttenbergs Berater-Stab längst klar ist, dass die gesamte Hauptstadtpresse sich für kein anderes Thema interessiert als die Plagiats-Vorwürfe, geht der Minister zur offensiven Verteidigung über: Vor ausgewählten TV-Teams verliest er in seinem Ministerium eine kurze Erklärung. „Meine von mir verfasste Dissertation ist kein Plagiat, und den Vorwurf weise ich mit Nachdruck von mir. Sie ist über etwa sieben Jahre neben meiner Berufs- und Abgeordnetentätigkeit als junger Familienvater in mühevollster Kleinarbeit entstanden und enthält fraglos Fehler. (…) Ich werde deshalb vorübergehend, ich betone es: vorübergehend den Titel nicht führen. (...) Es wurde allerdings zu keinem Zeitpunkt bewusst getäuscht oder bewusst die Urheberschaft nicht kenntlich gemacht.“

Kritische Journalisten und kritische Nachfragen sind unerwünscht. Fast alle Parlaments-Korrespondenten in Berlin erfahren von diesem Statement just in dem Augenblick, in dem Guttenberg es vorliest. Nur sind sie alle nicht im Verteidigungsministerium, sondern die meisten von ihnen warten in der Bundespressekonferenz auf den Minister. Vergeblich. Stunden später wird Guttenberg sich schriftlich entschuldigen mit der Begründung, der Tod von drei Bundeswehrsoldaten, die ausgerechnet in dem Außenposten getötet wurden, den Guttenberg tags zuvor besucht hatte, hätte ihn tief getroffen. Deswegen habe er nur eine kurze Erklärung zu seiner Dissertation abgeben wollen.

„Abstrus“ sind die Vorwürfe nun aber plötzlich nicht mehr. Die Fehler seien aber ohne Vorsatz entstanden. Unabsichtlich – dies ist das Schlüsselwort der ersten wichtigen Verteidigungslinie des Ministers. Sie hat er mit seinen Beratern entwickelt. Sie soll ihn schützen – politisch wie juristisch. Alles sei nur ein Versehen.

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Trotz des fehlenden zweiten Staatsexamens ist Guttenberg Jurist genug, um zu wissen, dass ihm ein Strafverfahren droht, sollte ihm ein Vorsatz oder Täuschung nachgewiesen werden. Das wäre mit Sicherheit das Ende seiner politischen Karriere. Diese Verteidigungsstrategie dürfte auch mit der Bundeskanzlerin abgesprochen gewesen sein, Angela Merkel hatte ihn unmittelbar nach seiner Rückkehr aus Afghanistan ins Kanzleramt zitiert.

Doch seine halböffentliche Kurzaussage sagt mehr über den Minister, als er vielleicht will – das wird im Nachhinein deutlich. Bereits an jenem Freitag muss er als Verfasser der Arbeit wissen, dass sie mehr Fehler enthält als einige vergessene Fußboten. Warum räumt Guttenberg diese Fehler nicht ein? Wie gut kennt er die unter seinem Namen erschienene Dissertation wirklich?

Diese Nuancen gehen aber in der allgemeinen Aufregung unter. Und die vermeintliche Reue des Ministers rührt die Bürger. Am Samstag sekundiert ihm die Bild-Zeitung, die aus ihrer Sympathie für den Minister keinen Hehl macht. Guttenberg bleibe und das sei gut so, lautet die Schlagzeile. In einer Emnid-Umfrage sagen 27 Prozent der Bürger, dass Guttenberg nach den Plagiats-Vorwürfen zurücktreten müsse. Das sind immerhin schon doppelt so viele wie nur wenige Tage zuvor. Die Kanzlerin sagt, sie stehe weiterhin fest zu ihrem Minister, der eine exzellente Arbeit mache.

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Kaum beachtet von der Öffentlichkeit sezieren auf der GuttenPlag-Internetseite das ganze Wochenende hindurch Aktivisten die Guttenberg-Dissertation. Weil sie so viele mögliche Plagiatsstellen finden, unterteilen sie ihre Funde in verschiedene Plagiatskategorien – Komplettplagiat, Übersetzungsplagiat, verschleiertes Plagiat und weitere. Sie legen eine Extra-Rubrik an „Herausragende Fundstellen“ und beginnen schon bald mit Mehrfachüberprüfungen. Die Zahl der Fundstellen wächst rasant. Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel meldet am Wochenende vorab, Guttenberg habe nachweislich eine Ausarbeitung des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages verwendet, ohne sie zu kennzeichnen. Es geht dabei um zehn Seiten, die Guttenberg kaum verändert in seine Dissertation hineinkopiert hat. Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) wird im Laufe der Woche im Ältestenrat empört feststellen, dass sechs Gutachten des Dienstes in die Arbeit eingeflossen seien, ohne dass Guttenberg dafür die Genehmigung besessen habe. Lammert ist der einzige führende Unionspolitiker, der Unbehagen am Gebaren des Ministers erkennen lässt.

Weil die GuttenPlag-Aktivisten auf denselben Seiten teils verschiedene nicht gekennzeichnete Autoren finden, unterteilen sie inzwischen die Funde in Fragmente. Schlagartig wird das Ausmaß der Plagiate deutlich: In einer eindrucksvollen Grafik zeigen die Aktivisten das Verhältnis zwischen den Haupttextseiten in der Dissertation und den Seiten mit Plagiaten. Am Montagabend um 17.30 Uhr veröffentlichen sie einen Zwischenbericht. Ihr vorläufiges Ergebnis: 70 Prozent aller Seiten der Guttenberg-Dissertation enthalten mit großer Wahrscheinlichkeit Plagiate. Die kritischen User suchen zugleich Kontakt zur Presse, um ihre Arbeit weiterzugeben. Die Klarnamen ihrer Helfer verschweigen sie aus Angst vor möglichen Repressalien. „Ich arbeite an einem großen Forschungsinstitut“, sagt ein Naturwissenschaftler, „ich will keine Nachteile wegen des Projekts. Ich habe Guttenberg bisher für integer gehalten, aber sein Umgang mit den Vorwürfen ärgert mich maßlos.“ Und die Rechercheure betonen, es sei ein Gemeinschaftswerk. Ihnen gehe es allein um die wissenschaftliche Auseinandersetzung und nicht um einzelne Egos, stellt PlagDoc klar, der zu den Initiatoren des Projektes gehört. 20 bis 30 Leute arbeiteten kontinuierlich am Projekt – unter ihnen Programmierer, Ingenieure, Mathematiker. Doch was die akademische Welt erzürnt, kümmert die Menschen außerhalb der Wissenschaftsgemeinde wenig.Am Montag meldet die ARD, 73 Prozent der Bürger seien mit der politischen Arbeit Guttenbergs zufrieden. Nur 21 Prozent sähen sie kritisch. Wenige Stunden nach der Veröffentlichung der Umfrage, wird Guttenberg diese Information zu eigenen Zwecken ausbeuten und versuchen, das Land zu spalten. Angela Merkel persönlich stützt ihn dabei. Am Montagnachmittag verschiebt die konservative Kanzlerin die Werteachse der Republik. Zu wichtig scheint ihr die Beliebtheit ihres Verteidigungsministers für die eigene Macht. Als Kritiker längst schon von Betrug reden, sagt Merkel im Berliner Konrad-Adenauer-Haus: „Ich habe ihn ja nicht als wissenschaftliche Hilfskraft eingestellt, sondern als Verteidigungsminister.“ Nach dieser Logik, so sagen Oppositionspolitiker später, dürften Kabinettsmitglieder künftig auch betrunken Auto fahren, weil die Kanzlerin sie ja nicht als Fahrer berufen habe, solange sie nur beliebt seien und bleiben.

Mit ihrer lässigen Bemerkung hat Angela Merkel womöglich den größten Schaden in dieser Affäre angerichtet. Sie rührt damit an den Grundfesten der Republik. Es geht um politischen Anstand, um Aufrichtigkeit. Und um Ehre, wenn man so will. Konservative, bürgerliche Werte – was sind sie noch wert? Angela Merkel hat eine eigene Antwort gefunden: Wenn kurzfristiger Machterhalt wichtig ist, dann tauscht sie die Werte gegen langfristige Glaubwürdigkeit.

Die Unionspolitiker sind damit offenbar zufrieden. In Hintergrundrunden stricken sie eifrig mit an der Mär von der linken Verschwörung, die einen beliebten Minister beschädigen solle. Habe das Land weiß Gott nichts Wichtigeres zu tun?

So perfide diese Argumente sind, sie sind erfolgreich. Das Volk – in Umfragen auf Straßen, am Telefon und in Leserbriefen – lässt sich nicht beirren. Fehler machten den strauchelnden Minister nur menschlicher, sagen viele. Selbst 71 Prozent der SPD-Anhänger und 61 Prozent der Grünen-Wähler bewerten Guttenbergs Arbeit positiv.

Im hessischen Kelkheim legt Guttenberg seine zweite Verteidigungslinie offen. Wie ein Boxer zieht er zu hämmernder AC/DC-Musik in den Saal ein. Die örtliche Unions-Prominenz, angeführt von dem Affären-gestählten Ministerpräsidenten des Landes, Volker Bouffier (CDU), sucht seine Nähe. Das Fernsehen berichtet live. Dann setzt Guttenberg zu einer Rede an, mit der er das Volk spalten möchte. Er spielt seine Zuhörer gegen die Hauptstadtpresse aus und versichert, dass sie allein von ihm die Wahrheit erführen und nicht von den „kommentierenden“ Hauptstadtjournalisten. Er habe Fehler gemacht, „gravierende Fehler, die den wissenschaftlichen Kodex, den man so ansetzt, nicht erfüllen“. Land gegen Stadt, Volk gegen Intellektuelle.

Dann legt Guttenberg nach und sagt, dass er schon am vergangenen Freitag richtig gehandelt habe, als er seinen Titel auf Eis legte. Nur: Jetzt sagt er, er lege ihn nicht nur vorübergehend ab. Jetzt sagt er, er habe die Universität Bayreuth gebeten, den Titel zurückzunehmen. Dass er die Bitte auf dem Briefpapier seines Ministeriums vorgebracht hat, sagt er nicht. Das ist nicht nebensächlich. Es zeigt einmal mehr, dass Guttenberg Amt und Person da mischt, wo es nützt, und dort trennt, wo es ihm schaden könnte. In Kelheim windet er sich mit seiner hoch emotionalen Rede erneut heraus. Selbst in einem Moment der Reue präsentiert er sich zugleich als richtig Handelnder: Das ist die dritte zentrale Linie seiner Verteidigungsstrategie. Was andere Menschen als Fehler und Schuld betrachten, sieht Guttenberg als Lehre und Vorteil. Die Logik dahinter: Wer aus Fehlern lernt, kann nur gewinnen. Und dabei bedient er sich auch noch gern des unpersönlichen „man“.„Dass man den Blick dann zurückwirft und feststellt, man hat sechs, sieben Jahre an einer solchen Arbeit geschrieben und hat in diesen sechs, sieben Jahren möglicherweise an der ein oder anderen Stelle (...) auch teilweise den Überblick über die Quellen verloren.“

Den Überblick über die Quellen verloren? Zu diesem Zeitpunkt werfen ihm die GuttenPlag-Rechercheure vor, nicht nur die eine oder andere Stelle geklaut zu haben, sondern systematisch und großflächig abgeschrieben zu haben. Der Autor der Doktorarbeit habe ganze Seiten oder zumindest weite Passagen aus Examensarbeiten, Hausarbeiten, aus Büchern und Aufsätzen kopiert und als eigene Erkenntnisse präsentiert. Der Autor habe sich noch nicht einmal die Mühe gemacht, die Stilbrüche zu glätten. Alles ohne Vorsatz?

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Guttenbergs Manöver scheinen dennoch zu wirken: Seine Rede in Kelkheim übertönt die nüchternen wissenschaftlichen Recherchen. Doch am Ende seiner Kür ist Guttenberg noch lange nicht. Sein Meisterstück steht ihm noch bevor.

Am Mittwoch, bei seinem Auftritt im Bundestag, verbindet der Minister all seine Verteidigungstränge zu einem festen Geflecht, durch das die Opposition trotz kritischer Fragen und kluger Anmerkungen nicht mehr durchdringt. „Ich war sicher so hochmütig, zu glauben“, sagt der Minister in Demutspose, „dass mir die Quadratur des Kreises gelingt.“ Wieder bemüht er die Mehrfachbelastung als junger Familienvater, Politiker und Student. Wieder entschuldigt er sich recht allgemein bei allen, die durch seine Taten verletzt worden seien. Und wieder streitet er ab, mit Vorsatz oder Bedacht gehandelt zu haben. Nein, er habe einfach den Überblick verloren über die Quellen.

Den Überblick über seine Verteidigungslinie aber hat der Politiker Karl-Theodor zu Guttenberg nicht verloren. Die Eingeständnisse seiner Fehler – als diese nicht mehr zu leugnen waren; die Spaltung von Volk, Medien und akademischer Welt – als nur noch die Bild-Zeitung und kaum ein Wissenschaftler zu Guttenberg hielten; diese Linien fließen im Bundestag zusammen.

Guttenberg vollbringt vor Bundestagsabgeordneten und Millionen TV-Zuschauern das Kunststück, aus einem mutmaßlichen Betrüger ein Vorbild zu erschaffen; die Asche abzuschütteln und reiner dazustehen als jemals zuvor.

„Seine Vorbildwirkung hat man sich jeden Tag aufs Neue zu erarbeiten. Ich habe mehrfach darauf hingewiesen, dass ich ein Mensch mit Fehlern und Schwächen bin. Und dass ich trotzdem mir den Anspruch setze, weiterhin auch als Vorbild, auch was das Eingestehen und das Bekennen zu Fehlern anbelangt, wirken kann.“

Guttenbergs Sicht ist offenbar auch die Sicht der Mehrheit im Land. Noch am Mittwoch stellt Infratest dimap im Auftrag der ARD fest, dass Guttenbergs Beliebtheit während der Skandal-Woche nicht gesunken ist: 73 Prozent der Bürger halten zu diesem Zeitpunkt nach wie vor zu ihm. Er solle lediglich auf den Doktor-Titel verzichten und dann weiter seine Arbeit machen. Am Donnerstag sieht es nach einem Ende der Guttenberg-Affäre aus. Die Bild-Zeitung schreibt nach dem Bundestagsauftritt: in einer Umfrage der Zeitung hätten sich 87 Prozent von mehr als 260?000 Lesern zu Guttenberg bekannt. Am Freitag hält sich die Opposition mit Kritik zurück. Der Verteidigungsminister und die Kanzlerin nehmen in der bayrischen Stadt Regen an der Beisetzung von drei in Afghanistan getöteten Soldaten teil. Weiterhin wollen nur 22 Prozent der Bürger, dass Guttenberg sein Amt aufgibt, meldet das ZDF Politbarometer.

Doch sein Ansehen schwindet. Anfang Februar war er noch klar der beliebteste Politiker Deutschlands. Nun sinkt sein Stern und leuchtet nur noch so stark wie der Stern der Bundeskanzlerin, melden die ZDF-Demoskopen.

Zugleich wächst der Zorn in der Republik weiter. Der Deutsche Hochschulverband ist empört. Der Wissenschaftsrat fürchtet, dass das Ansehen der deutschen Forschung bedroht sei, und kritisiert die von Guttenberg öffentlich geäußerte „Geringschätzung der grundlegenden Prinzipien wissenschaftlichen Arbeitens“. Guttenberg lasse außer Acht, sagt der Vorsitzende Professor Wolfgang Marquard, „dass wissenschaftlicher Fortschritt und damit verbunden auch der Wohlstand unseres Landes maßgeblich auf der Einhaltung dieser Prinzipien beruhen“.

Der Wissenschaftsverlag Duncker & Humblot hat Guttenbergs Dissertation bereits aus dem Programm herausgenommen – es geht nicht nur ums eigene Renommee, sondern auch um mögliche justiziable Urheberrechtsverletzungen.

Die Aktivisten auf GuttenPlag sind auch noch nicht am Ende. „Es arbeiten gerade hoch qualifizierte Leute an der Überprüfung der Verdachtsfälle, und es werden eher mehr klare Plagiate als weniger“, antwortet PlagDoc auf die Frage, ob die Jungakademiker nun am Ziel seien.

Sie hoffen auf die Aberkennung der Arbeit nicht auf der Grundlage eines Verwaltungsaktes, sondern nach Paragraf 16 der Promotionsordnung der juristischen Fakultät an der Universität Bayreuth.

Dabei geht es um Täuschung. Genau das prüft derzeit die zuständige Universitätskommission in Bayreuth .

Noch ist der letzte Akt in dem Boulevardtheater nicht geschrieben.

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