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Karikaturen in China Der große Lachangriff auf Chinas Regierung

Chinas Herrscher dulden keine Kritik. Doch politische Karikaturen im Internet überziehen die Kommunistische Partei mit beißendem Spott.

In China wird keine Kritik an der führenden Partei geduldet. Foto: dapd

Insektenhafte Kreaturen sitzen an langen Tischreihen, vor sich Teetassen. Hinter ihnen flankieren rote Flaggen ein großes Herrschaftswappen: einen Feuerlöscher mit Hammer und Sichel. Eines der Wesen trägt eine Rede vor, mehrere schlafen und sabbern dabei aus den Mundwinkeln. Niemand scheint zu bemerken, dass eine der Gestalten lichterloh in Flammen steht. 

Die Karikatur, die im chinesischen Internet kursiert, ist für politisch bewanderte Chinesen leicht zu entschlüsseln: Die hässlichen Insekten sind die Kader der Kommunistischen Partei bei einer ihrer monotonen Versammlungen, womöglich der Jahrestagung des Nationalen Volkskongresses, die am Montag in Pekings Großer Halle des Volkes beginnt. Der brennende Abgeordnete ist ein Tibeter. In der umstrittenen Himalajaprovinz haben sich  im vergangenen Jahr rund 20 Menschen aus Protest gegen die Unterdrückung ihrer Kultur und Religion selbst angezündet. Die Partei reagiert mit Härte: Sicherheitskräfte und Propaganda sind ihr politischer Feuerlöscher, mit der sie soziale Brandherde zu löschen versucht. 

Die Zeichnung gehört zu den neuesten Werken von Fengxie, einem der Stars von Chinas schnell wachsender Szene von Internetkarikaturisten. Fengxie ist ein Künstlername, der „Verrückte Krabbe“ bedeutet. Wer sich hinter dem Pseudonym versteckt, ist unbekannt. „Ich bin mir sicher, dass die Behörden sich viel Mühe geben, meine Identität aufzudecken“, erklärt der Zeichner in einem Interview mit dieser Zeitung, das er aus Angst um seine Sicherheit nur per Email führen will. „Wenn sie meinen Name herausbekommen würden, wäre das für mich sehr gefährlich.“

Karikaturen zu Tibet

Denn die Partei versteht keinen Spaß, schon gar nicht, wenn ihre Autorität auf dem Spiel steht. Zwar drucken auch die Staatsmedien täglich politische Karikaturen, verspottet werden darin aber nur ausländische Regierungen. Doch im Internet sind auch die Kommunisten vor Lachangriffen nicht sicher. Zwar wird das Netz von Software und tausenden Webpolizisten in Echtzeit auf kritische Inhalte durchforstet, aber trotzdem gelingt es der Internetgemeinde immer wieder, die Zensur zu umgehen. „Bilder und Karikaturen sind besonders gut geeignet, um die Überwachung auszutricksen“, sagt Fengxie. Denn ein Computerprogramm, dass gezeichnete Flüsterwitze entschlüsseln könnte, gibt es nicht. Bis ein Comic einem menschlichen Überwacher auffällt, hat er sich in der Regel schon vielfach verbreitet und ist kaum noch aus dem Netz zu entfernen. „In chinesischen Suchmaschinen sind Anfragen nach meinem Künstlernamen blockiert“, erklärt Fengxie, „aber meine Bilder springen so schnell von Webseite zu Webseite, dass die Zensoren nicht mithalten können.“

Mehrere seiner Karikaturen beschäftigen sich mit der aktuellen Situation in Tibet. Auf einer sitzt ein betender Mönch, auf dessen Kopf eine Kerzenflamme brennt. Neben ihm steht ein gewaltiger Feuerlöscher in den chinesischen Staatsfarben, dessen Schlauch in ein Maschinengewehr mündet, das direkt auf den Kopf des Gläubigen gerichtet ist. Auf einer weiteren Karikatur lugt Chinas Staats- und Parteichef Hu Jintao durch einen Theatervorhang, unter dem sich eine Blutlache ausbreitet. Über der Bühne steht der Titel des Stückes, das hier gegeben wird: Harmonisches Tibet.

Auch die chinesische Außenpolitik nimmt Fengxie aufs Korn. Als China kürzlich gemeinsam mit Russland im Uno-Sicherheitsrat Sanktionen gegen Syrien verhinderte, setzte er Diktator Baschar al-Assad in einen Panzer, der auf einem abbrechenden Kliff steht, aber von einem Drachen und einem Bär in Sicherheit geschleppt wird. Auch nach dem Sturz von Libyens Diktator Muammar al-Gaddafi mokierte er sich über Pekings Nähe zu den Tyrannen der arabischen Welt. Eine Karikatur zeigt ein durchgestrichenes Porträt Gadaffis am Platz des Himmlischen Friedens hängen, dort, wo sich eigentlich das berühmte Bild von Mao Zedong befindet. Die eigentliche Pointe setze jedoch die in Englisch formulierte Unterzeile: „WHO is the next!“ – wohlgemerkt mit einem Ausrufezeichen, nicht mit einem Fragezeichen. Mit „WHO“ ist Präsident Hu Jintao gemeint, über den wegen seiner Unnahbarkeit der Witz „Who is Hu“ kursiert.

Humor kann ein Spaltpilz sein

Fengxie ist nicht der einzige, der im chinesischen Internet seinen Spott verbreitet. Andere Zeichner sind mit Künstlernamen wie „Parteibilder“ oder „Perverse Paprika“ unterwegs. Neben Zeichnungen sind auch Nachrichtenbilder, die mit spitzen Kommentaren versehen werden beliebt, oder Animationsfilme. Zu den Klassikern gehört das Lied vom „Caonima“, dem „Grasmatschpferd“, ein Wortspiel mit einer wüsten Beschimpfung, die an die chinesischen Zensurbehörden gerichtet ist, deren Kontrollmechanismen der scheinbar harmlose Ausdruck entgangen war. In einem anderen Video, das 2011 zu Beginn des chinesischen Hasen-Jahres in Umlauf kam, lebt eine Kaninchenschar unter der Diktatur eines Tigerrudels (Auch das ist eine Anspielung auf Hu Jintao: Tiger heißt im chinesischen Laohu, was ähnlich klingt wie „alter Hu“). Die Tiger liefern den Kaninchen vergiftete Babymilch, reißen ihre Häuser ab und ermorden jeden, der gegen sie aufbegehrt. Doch am Ende tun sich die Karnickel zusammen und befreien sich aus der Tigertyrannei.

Fengxie macht sich keine Illusionen, dass Satire allein eine Revolution auslösen könnte. Doch er weiß auch, dass Humor ein mächtiger Spaltpilz sein kann. „ „Zensur fördert die Kreativität“, sagt Fengxie. „Es zwingt die Menschen, ihre Botschaften geschickt zu verpacken, und Witze sind dabei ein guter Code.“ Wenn man die Absurdität der chinesischen Gesellschaft zeige, könne man dadurch Propaganda und Zensur unterwandern. „Wenn wir unser Land nicht mehr nur unter dem Blickwinkel sehen, den die Partei uns vorgibt, ist das der erste Schritt zum kritischen Nachdenken“, findet der Satiriker. „Es ist wie mit dem Kaiser und den neuen Kleidern: Wenn erst einmal alle erkennen, dass er nackt ist, dann ist er gegen das Gelächter machtlos.“

Eine seiner vielschichtigen Karikaturen zeigt Mao Zedongs Porträt am Platz des Himmlischen Friedens. Der große Vorsitzende trägt darauf eine Gasmaske, seine Augen sind hinter einer schwarzen Schutzbrille verborgen. „Schützt euch vollständig vor geistiger Verschmutzung“, ruft er seinem Volk in einer Sprechblase zu. Die Pointe hat eine doppelte Spitze: Peking leidet unter verheerendem Smog, doch das intellektuelle Klima in der chinesischen Hauptstadt ist nicht weniger ungesund. Der Kampf gegen „geistige Verschmutzung“ ist der Slogan, mit dem Chinas Zensoren ihre politischen Hygienemaßnahmen rechtfertigen. Doch der Dreck, den sie dabei selbst produzieren, ist für die „verrückte Krabbe“ das perfekte Biotop.

 

 

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