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Kampf gegen IS IS-Hochburg Al-Bab befreit

Türken und Syrer nehmen gemeinsam die strategisch wichtige IS-Hochburg Al-Bab ein. Für Erdogan ist das ein wichtiger Propagandaerfolg. Beim Abzug verübt die Terrormiliz einen Autobombenanschlag.

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Kampfpause in Nordsyrien: Soldaten der FSA patrouillieren im befreiten Al-Bab. Foto: NAZEER AL-KHATIB (AFP)

Durchbruch in Nordsyrien: Nach drei Monaten zäher Kämpfe gegen den „Islamischen Staat“ (IS) ist es der türkischen Armee und der Freien Syrischen Armee (FSA) offenbar gelungen, die nordsyrische IS-Hochburg Al-Bab einzunehmen. Das teilte der Generalstab der türkischen Armee am Freitag mit; Zeitungen verkündeten einen „großen Sieg“. „Fast ganz Al-Bab ist jetzt unter Kontrolle, eine Säuberungsoperation ist im Gange“, sagte der türkische Verteidigungsminister Fikret Isik.

Bei seinem Abzug aus Al-Bab verübte der IS am Freitagmorgen jedoch noch einen Autobombenanschlag auf eine FSA-Stellung, bei dem nach Angaben der staatlichen türkischen Nachrichtenagentur Anadolu mindestens 33 Menschen starben. Beim Minenräumen starben zwei türkische Soldaten, drei wurden verletzt.

Al-Bab heißt auf Arabisch „Das Tor“, und tatsächlich ist die Stadt (rund 63 000 Einwohner) wegen ihrer strategischen Lage einerseits das Tor zur Millionenmetropole Aleppo im Südwesten, andererseits zur IS-Hauptstadt Rakka im Osten. Während Türken und FSA die Stadt im Norden belagerten, rückten Assad-Truppen von Aleppo her vor. Die türkisch geführte Militäroperation „Euphratschild“ in Nordsyrien begann im August 2016 und zielt darauf, den IS aus der Grenzregion zu vertreiben sowie die syrischen Kurden daran zu hindern, ihre drei autonomen Kantone territorial zu vereinigen.

Im Kampf um Al-Bab hat die türkische Armee mindestens 60 Soldaten verloren und zehn Panzer eingebüßt. Mehr als 440 Zivilisten kamen nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte ums Leben. Ein Angriff russischer Kampfjets vor zwei Wochen auf eine türkische Stellung bei Al-Bab, bei dem drei türkische Soldaten starben, war in Ankara als Signal der russischen Verbündeten Assads an die Türkei gewertet worden, nicht weiter nach Süden vorzurücken. Umso verblüffender erscheint daher der Sieg in Al-Bab.

Eine Erklärung lieferte die nordirakische Nachrichtenagentur ARA unter Berufung auf die FSA: Der IS habe seine Kämpfer zum Rückzug aufgerufen. Er brauche sie an anderen Fronten, vor allem in seiner rund 170 Kilometer entfernten syrischen Hochburg Rakka. Man habe eine Vereinbarung erzielt, um den IS-Kämpfern freien Abzug Richtung Rakka zu ermöglichen.
So konnten dann FSA und Türken Assad und den Russen zuvorkommen. Die Eroberung Al-Babs ist zudem für Erdogan ein wichtiger Propagandaerfolg, den er für das Verfassungsreferendum am 16. April über das von ihm angestrebte exekutive Präsidialsystem gut gebrauchen kann.

Auch könnte das Kalkül Ankaras darauf zielen, mit dem freien Abzug des IS dem von den Kurden angeführten Bündnis der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) zu schaden. Die SDF sind am Boden der engste Verbündete der USA gegen den IS und stehen unmittelbar vor Rakka. „Unsere SDF-Partner haben mehr als 800 Quadratkilometer und mehr als 100 Dörfer befreit, seit sie am 4. Februar mit der Offensive auf Rakka begannen“, zitierte ARA den US-Oberst John Dorrian.

Ankara ist die US-Hilfe für die SDF ein Dorn im Auge, da sie unter dem Kommando der syrisch-kurdischen Volksverteidigungskräfte YPG steht – ein Ableger der verbotenen türkischen PKK. Die türkische Regierung drängt deshalb die Trump-Administration in Washington, die Kurden fallenzulassen und Rakka gemeinsam mit der Türkei und der FSA zu befreien. Ankara sei bereit, sich an der Militäroperation zu beteiligen, die Kurden dürften am Angriff auf Rakka aber nicht teilnehmen, sagte Erdogan mehrfach.

Bisher scheinen die USA jedoch nicht geneigt, dem türkischen Wunsch nachzukommen. Erst am Donnerstag besuchte der republikanische Senator John McCain das syrische Kurdengebiet und sprach dort mit eigenen und kurdischen Offizieren. Der türkische Erfolg in Al-Bab könnte die Karten neu mischen, da Ankaras Militär jetzt freie Bahn hat, nicht nur nach Rakka, sondern auch östlich nach Manbidsch vorzustoßen, einer arabischen Stadt, die von den SDF befreit wurde und von ihnen verwaltet wird. Erdogan hatte mehrfach versprochen, nach Al-Bab Manbidsch und Rakka einzunehmen.

Die Amerikaner versuchen, Zwist unter ihren Verbündeten zu verhindern. Sie trauen dem Bündnis von FSA und türkischem Militär jedoch bislang nicht zu, Rakka mit seinen rund 220 000 Einwohnern zu erobern. In Al-Bab musste Ankara mehr als 2000 eigene Soldaten in den Häuserkampf schicken, da die FSA sich als zu schwach erwies.

Unterdessen begann der UN-Vermittler Staffan de Mistura am Donnerstag neue Gespräche zwischen dem syrischen Regime und der Opposition, bei denen sich die Kontrahenten erstmals seit drei Jahren im selben Raum gegenübersaßen. Die syrischen Kurden waren wie bisher wegen Drucks aus Ankara ausgeschlossen. Greifbare Ergebnisse wurden zunächst nicht erzielt.

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