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Kampf gegen Antisemitismus „Eine klare Haltung vorleben“

Saba-Nur Cheema, Expertin der Bildungsstätte Anne Frank, über Antisemitismus an Schulen, Gespräche mit Jugendlichen und nötige Kompetenzen der Lehrer.

Pädagogen
Schüler brauchen souveräne Pädagogen, die klug widersprechen können. Foto: imago

Frau Cheema, in vielen Medien kocht die Debatte darüber wieder hoch, ob die Schulen in Deutschland ein Antisemitismus-Problem haben. Sie setzen sich seit zehn Jahren mit dem Thema auseinander, gibt es etwas Neues an der Debatte?
Ich bin mir noch unsicher. Einerseits finde ich es gut, dass wir darüber reden, weil es Probleme gibt, weil Bildungsarbeit Lücken hat, weil wir gerade über Antisemitismus in den vergangenen Jahren zu wenig gesprochen haben. Andererseits ist das Thema selbst ja nicht neu. Jüdische Schülerinnen und Schüler wurden auch früher schon gemobbt.

Die Jugendkriminalität ging in Deutschland lange Zeit zurück, seit zwei, drei Jahren steigt sie leicht. Rechte Gruppen erklären das einfach mit Flüchtlingen und Migranten. Melden sich bei Ihnen mehr Schulen mit vielen Flüchtlingen oder Migranten als früher, die über Antisemitismus klagen?
Tatsächlich melden sich bei uns mehr Lehrkräfte von solchen Schulen und bitten um Beratung. Sie sagen, sie hätten ein Problem mit Antisemitismus, neuerdings sozusagen, wegen zugewanderter Jugendlicher. Da wird zum Beispiel berichtet, dass Hitler verherrlicht wird. Die Wahrnehmung des Antisemitismus hat sich interessanterweise seit 2014 verstärkt, es wird gesagt, es sei ein Problem der Zugewanderten.

Wie sehen Sie das?
Offenbar brauchte es Menschen aus arabischen Ländern, um über ein Problem zu sprechen, das schon vorher da war. Dabei waren zum Beispiel beim aktuellen Fall in Berlin nicht zugewanderte, sondern hier geborene Jugendliche involviert.

Für die Rechten bedeutet es, dass manche Gruppen sich nie integrieren, auch nicht in der dritten Generation. Was entgegnen Sie solchen Behauptungen?
Ich würde erst einmal schauen, wer antisemitische Vorfälle meldet. Es gibt verschiedene Formen des Antisemitismus und es scheint, dass manche Formen stärker wahrgenommen werden als andere. Bei Migranten zeigt sich der Antisemitismus unter Umständen anders als bei hier Geborenen. Es gibt sehr wenige Lehrkräfte mit Migrationshintergrund, die meisten haben keinen und sie reagieren auf ihnen unbekannte Formen des Antisemitismus empörter und unsicherer. Sie denken, das hat was mit der Migrationsgeschichte der Kinder oder der Eltern zu tun. Aber genauso gibt es bei hier geborenen Jugendlichen Antisemitismus, die dann sagen, die haben ‚keinen Bock‘, sich mit der NS-Zeit auseinanderzusetzen. Bei ihnen zeigen sich auch bestimmte Narrative, die zu Hause von Großeltern und Eltern tradiert werden. Das wiederum kennen die Lehrkräfte selbst gut und reagieren vielleicht weniger sensibel, haben vielleicht selbst keine Lust auf das Thema.

Von welchen Problemen berichten Ihnen die Pädagogen?
Zum Beispiel, dass sie nicht wissen, was sie entgegnen können, wenn Jugendliche ihnen erzählen, wie in arabischen Fernsehsendern der Nahost-Konflikt dargestellt wird. Für sie sind die Jugendlichen, die das thematisieren, Antisemiten. Wir versuchen zu vermitteln, dass es wichtig ist, zwischen Person und Problem zu trennen. Wenn Jugendliche sich antisemitisch äußern, dann hilft es nicht, sie als Antisemiten zu bezeichnen.

Was können Lehrer ihnen entgegnen, die selbst keine arabische Medien konsumieren?
Um den Nahost-Konflikt zu verstehen, muss ich natürlich selbst etwas darüber wissen. Wenn mir eine Lehrerin berichtet, dass sie kaum richtig erklären kann, wie und warum Israel gegründet wurde, dann wundert es mich nicht, dass Jugendliche andere Informationskanäle suchen. Der Antisemitismus heute äußert sich stark über den Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern. Aber um mit Jugendlichen ins Gespräch zu kommen, hilft es schon einfach mal zu fragen, woher er bestimmte Informationen hat, warum jemand den Ausdruck „Du Jude“ benutzt. Was bedeutet er für den Jugendlichen? Ist ihm klar, dass er abwertend ist? Grenzen zeigen, zwischen Sache und Person trennen und unbedingt im Gespräch bleiben. Jugendliche müssen einen Raum haben, in dem sie sich falsch äußern dürfen, ohne gleich abgestempelt zu werden.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Frankreich

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