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Julia Timoschenko Rätsel um MRT-Aufnahmen Julia Timoschenkos

Charité-Chef Einhäupl zeigt MRT-Aufnahmen ohne Namen und mit falschem Geburtsdatum. Einhäupls Sprecherin gab keine Antwort auf die Frage der Berliner Zeitung, wieso der Charité-Chef nicht von sich aus erläutert habe, warum das Geburtsdatum auf dem vorgezeigten MRT falsch ist.

08.05.2012 23:28
Thorkit Treichel
Anhänger der inhaftierten ehemaligen Regierungschefin der Ukraine, Julia Timoschenko, fordern auf Transparenten deren Freilassung . Foto: dapd/Alexey Furman

Bis vor kurzer Zeit wurde der Vorstandsvorsitzende der Charité, Karl Max Einhäupl, vor allem als Berliner Mediziner wahrgenommen. Doch seit er im Februar auf Vermittlung der Bundesregierung erstmals in die Ukraine reiste, um die inhaftierte Oppositionsführerin Julia Timoschenko medizinisch zu untersuchen, bewegt er sich auf der internationalen politischen Bühne. Der Arzt hat seine Sache gut gemacht: Der 65 Jahre alte Neurologe hielt sich bislang diplomatisch zurück mit Äußerungen zum Gesundheitszustand Timoschenkos, ihrer medizinischen Versorgung durch die ukrainischen Ärzte und den Haftbedingungen in der Strafkolonie in Charkow in der Öffentlichkeit. Dann lud er am 27. April – mitten in einer zumindest europapolitischen Krise und einem angedrohten Boykott der Fußballeuropameisterschaft in der Ukraine – kurzfristig zu einer Pressekonferenz, die am Ende mehr Fragen aufwarf, als sie Antworten gab.

Einhäupl: Patientin simuliert nicht

Der Charité-Chef appellierte an den Präsidenten Janukowitsch, die inzwischen in den Hungerstreik getretene Timoschenko aus humanitären Gründen ausreisen zu lassen. Dies sei die beste Möglichkeit, den politischen Konflikt zu entschärfen. Er sehe nur außerhalb der Ukraine eine große Chance, die Patientin zu rehabilitieren. Eine erfolgreiche Behandlung sei vermutlich nur in der Charité oder einem anderen europäischen Krankenhaus möglich. „Sie hat mit Sicherheit am 5. Oktober einen Bandscheibenvorfall erlitten und leidet seitdem unter heftigen Schmerzen“, sagte Einhäupl. Er schloss aus, dass die Patientin simuliere. Zudem hätten die ukrainischen Ärzte die Erkrankung nicht ernstgenommen und die Patientin erst nach drei Monaten im Magnetresonanztomographen (MRT) untersucht.

Zum Beweis präsentierte er den Journalisten, unter ihnen auch ukrainischen, zwei MRT-Bilder, die laut Einhäupl am 7. Januar erstmals von Timoschenko angefertigt worden seien. Jedoch wurde die Patientin, glaubt man nationalen sowie internationalen Presseberichten, bereits am 23. November im MRT untersucht. Auf Nachfrage teilte Einhäupls Sprecherin Stefanie Winde mit, von einer früheren MRT-Aufnahme sei der Charité nichts bekannt.

Hinzu kommen weitere Ungereimtheiten: Bei näherer Betrachtung der von Einhäupl präsentierten Aufnahmen zeigt sich, dass der Name der Patientin auf diesen Bildern „wegge-xxxxt“ ist. Als Geburtsdatum ist der 1.1.1950 angegeben. Julia Timoschenko wurde aber am 27.11.1960 geboren. Zudem wurde offenbar mit einem Filzstift oder Textmarker auf den Aufnahmen herumgemalt. Ob auf diese Weise der Bandscheibenvorfall farblich hervorgehoben werden sollte, wollte die Sprecherin nicht beantworten. Bezüglich des falschen Geburtsdatums teilte sie mit, dass es sich dennoch um Aufnahmen von Timoschenko handele. „Das falsche Geburtsdatum war von Prof. Einhäupl bereits im Februar gegenüber der Ukraine bemängelt worden.“
Auf die Nachfrage, woher Einhäupl wisse, dass es sich bei den gezeigten MRT-Aufnahmen tatsächlich um die Bilder Timoschenkos handele, antwortete Winde: „Die Echtheit erwies sich zum einen durch die genaue Beschreibung der Schmerzen der Patientin, die exakt mit der eines Bandscheibenvorfalls in dieser Höhe übereinstimmten. Das kann man sich nicht ausdenken.“ Zum anderen seien kurz danach MRT-Aufnahmen mit dem richtigen Geburtsdatum gemacht worden, die identisch mit den Bildern vom 7. Januar seien.

Schweigen auf Journalistenfragen

Einhäupls Sprecherin gab keine Antwort auf die Frage der Berliner Zeitung, wieso der Charité-Chef nicht von sich aus erläutert habe, warum das Geburtsdatum auf dem vorgezeigten MRT falsch ist und er bereits im Februar in der Ukraine darauf hingewiesen habe. Ebenso wenig wollte sie sich dazu äußern, ob die Charité Bilder von angeblich vorhandenen neueren MRT-Aufnahmen habe und warum Einhäupl nicht diese bei der Pressekonferenz vorgezeigt habe. Rätselhaft bleibt, bei wem Einhäupl das falsche Geburtsdatum bemängelte, wer die Unterstreichungen vornahm, und was sie verdeutlichen sollen.

Am vergangenen Freitag war Einhäupl abermals in der Ukraine und vereinbarte, dass Julia Timoschenko von heute an in Anwesenheit eines Charité-Arztes im Gefängniskrankenhaus in Charkow behandelt werden soll. Die Ungereimtheiten blieben bis Montag von der Charité unaufgeklärt.

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