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Journalisten in Mexiko Ein entbehrliches Gut

Die Mächtigen in Mexiko halten wenig von Pressefreiheit: Sie wollen zahme Medien. Für Journalisten ist das Land ein gefährlicher Arbeitsplatz. 88 Reporter wurden in den vergangenen 15 Jahren ermordet.

Ein Fotograf legt am Grab seines getöteten Kollegen Ruben Espinosa seine Kamera nieder wie andere vor ihm. Foto: REUTERS

Ruben Espinosa war nicht der erste ermordete Journalist in Mexiko. Und er wird nicht der letzte sein. In der zweitgrößten Demokratie Lateinamerikas stehen Medienmacher seit Jahren mit einem Bein im Grab, wenn sie in ihrer Berichterstattung die Mächtigen im Land ärgern: das organisierte Verbrechen und die selbstherrlichen Gouverneure mancher Bundesstaaten.

Seit 2000 sind 88 Reporter, Fotografen und Landeskorrespondenten erschossen, erwürgt, gefoltert, zerstückelt und in Müllbeuteln verklappt worden. „Mexiko ist nach Pakistan und dem Irak der gefährlichste Arbeitsplatz für Journalisten auf der Welt“, sagt Darío Ramírez, Vorsitzender der mexikanischen Sektion der Journalistenschutzorganisation Article 19.

Und weder Justiz noch Bundesregierung tun etwas, um Reporter zu schützen oder die Täter zu verfolgen. Pressefreiheit ist in Mexiko ein entbehrliches Gut, denn weite Teile der Politik wollen zahme und unterwürfige Medien.

Der grausame Mord an dem 31-jährigen Fotoreporter Ruben Espinosa hat die Menschen in Mexiko mehr aufgewühlt als die Morde an den anderen zwölf Journalisten in den vergangenen zwölf Monaten. Denn es war die Chronik einer angekündigten Hinrichtung. Und niemand konnte oder wollte sie verhindern.

Espinosa wusste, dass er in Gefahr war. Der Pressefotograf aus dem mexikanischen Bundesstaat Veracruz war in den vergangenen Monaten mehrfach eingeschüchtert und bedroht worden. Daher suchte er Mitte Juni in der Hauptstadt Mexico City Zuflucht. Doch seine Mörder spürten ihn auch in der 20-Millionen-Metropole auf. Unbekannte töteten ihn und vier Frauen am Wochenende in einer Wohnung in einem Mittelklasse-Stadtteil von Mexiko-Stadt. Alle Opfer wurden gefoltert, die Frauen vergewaltigt und dann mit mehreren Schüssen getötet.

Der Fotograf arbeitete in Veracruz seit acht Jahren freiberuflich für das Nachrichtenmagazin „Proceso“ und die Fotoagentur „Cuartoscuro“. Der Staat am Golf von Mexiko ist wegen seiner strategischen Lage nahe den Grenzen zu Guatemala und den USA ein Brennpunkt des organisierten Verbrechens. Zudem wird er von dem autoritären Gouverneur Javier Duarte (PRI) regiert, dem eine unabhängige Presse ein Dorn im Auge ist. „Benehmt euch“, warnte er mehrfach diejenigen Journalisten, die kritisch über seine Politik berichteten.

Espinosa tat das. Er hatte sich auf die Dokumentation von sozialen Bewegungen und Protestveranstaltungen spezialisiert und war in diesem Zusammenhang mehrfach von Polizisten verprügelt und dazu gezwungen worden, seine Bilder zu löschen, wenn er Gewaltexzesse gegen Studenten oder Gewerkschafter fotografierte. Ende 2013 zeigte er mehrere Beamte an, woraufhin ihm vom Gouverneur Geld geboten wurde, damit er die Anzeige zurückziehe. Espinosa lehnte ab.

Aus der scheinbaren Sicherheit der Hauptstadt gab er erst kürzlich ein langes Interview und sagte: „Wer die Regierung von Duarte kritisiert, wird attackiert. Ich musste gehen, weil sie mir drohten und die Verantwortlichen es nicht schaffen, Journalisten zu schützen.“ Kurz nach diesem Interview war Espinosa tot.

Und die Justiz tut nun so, als handele es sich um ein normales Verbrechen, hält auch Raubmord für möglich: „Immer wenn Kollegen sterben, wird am wenigsten der Zusammenhang mit der Arbeit ermittelt“, kritisiert Article-19-Chef Ramírez: „Vor einem Monat flieht Espinosa aus Angst. Jetzt ist er tot. Da kann man doch nicht sagen, er war zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort.“

War es vor Jahren vor allem das organisierte Verbrechen, das die Pressefreiheit in Mexiko gefährdete, so sind es heute in der Mehrzahl Staatsdiener. Laut Article 19 wurden vergangenes Jahr 56 Prozent der Angriffe auf Pressevertreter oder Medien-Einrichtungen von Polizisten und Soldaten, von Politikern und Funktionsträgern verübt.

Das sei kein Zufall, sagt Ramírez: „Zum Demokratieverständnis der Herrschenden passt keine freie Presse.“ Schließlich seien Mexikos Medien „am Busen der Politik“ genährt geworden, als die Partei der Institutionalisierten Revolution (PRI) von 1929 bis 2001 lange 71 Jahre alles in Mexiko bestimmte. Und nach der Rückkehr an die Macht 2012 hat sich nichts verändert.

Nach wie vor ist es üblich, dass die Politik Aufmacher und Leitartikel kauft, indem sie mit der Platzierung von Werbung winkt oder mit dem Entzug von Anzeigen droht. In kaum einem anderen Land der Welt gibt es so viel staatliche Werbung in den Medien. Infolgedessen übe sich ein Großteil der Medien und Journalisten im „Synchronschwimmen“ mit der Macht und den Mächtigen, sagt Ramírez. Und wer diesen Pakt zwischen Politik und Presse bricht, riskiert sein Leben.

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