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Journalisten in der Türkei Bestraft für eine abweichende Meinung

Einer der wichtigsten Schriftsteller der Türkei ist seit knapp einem Jahr in Haft.

Ahmet Altan
Eine Frau demonstriert mit einem Bild von Ahmet Altan vor dem Istanbuler Gericht. Foto: afp

Man kann prognostizieren: An Ahmet Altan ebenso wie an seinem drei Jahre jüngeren Bruder Mehmet Altan wird sich erneut erweisen, dass inhaftierte Autoren zum Schluss stets Sieger bleiben über die Regime, die sie in den Kerker warfen. Als der 67-jährige Ahmet Altan, einer der wichtigsten Schriftsteller der Türkei, Ende Juni erstmals seit seiner Festnahme neun Monate zuvor in Istanbul vor Gericht erschien, verteidigte er sich mit einer furiosen Rede, die jetzt schon als historisch gilt.

In seinem Plädoyer übte Altan scharfe Kritik an dem Gericht. Als „Massaker des Rechts“ bezeichnete er die Massenverhaftungen seit dem Putschversuch gegen die Regierung und den Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan vor einem Jahr. „Heute stehe ich vor Ihnen als jemand, dessen Gedanken angeklagt sind“, sagt er. „Diese neue Zeit kennzeichnet, dass alle abweichenden Meinungen und Individuen mundtot gemacht und bestraft werden.“

Mit Schauprozessen sollten Regierungskritiker eingeschüchtert werden. Anstelle von Beweisen stütze sich die Anklageschrift auf „demagogische Lügen“, sagte Altan.

Ahmet Altan wurde im September 2016 zusammen mit seinem Bruder, dem Universitätsökonomen und Zeitungskolumnisten Mehmet Altan, festgenommen. Die Behörden beschuldigten ihn, während einer Podiumsdiskussion im Fernsehen am Vorabend des Putschversuchs „unterschwellige Botschaften“ an die Putschisten ausgesandt zu haben. Zwar wurde Ahmet Altan nach zwölf Tagen freigelassen, doch schon am nächsten Tag erneut festgenommen. Die Anklage wirft ihm, seinem Bruder und 15 weiteren Publizisten vor, sie hätten die konstitutionelle Ordnung, das Parlament und die Regierung stürzen wollen.

Wie in anderen Journalistenprozessen werden die Vorwürfe fast ausschließlich mit Zitaten aus Artikeln und Büchern der Angeklagten begründet. „Aufgrund solchen Unsinns schmachten wir seit Monaten im Gefängnis“, sagte Ahmet Altan vor Gericht. „Schlimmer noch, sie wollen uns sogar lebenslang inhaftieren.“

Der Fall der Brüder Altan, die zu den prominentesten liberalen Intellektuellen der Türkei gehören, erregte auch im Ausland erhebliches Aufsehen. Gegen ihre Verhaftung protestierten mehr als 50 prominente internationale Autoren, darunter Elena Ferrante, Roberto Saviano, J. M. Coetzee. Mit einem offenen Brief wandten sie sich an die Regierung der Türkei und die Öffentlichkeit, um zu stoppen, was sie als „Vendetta gegen die klügsten Denker und Autoren des Landes“ bezeichnen. Vergeblich. Die Altan-Brüder sind in der Türkei nicht unumstritten, denn beide haben den jetzigen Staatspräsidenten Erdogan und dessen islamisch-konservative Regierungspartei AKP jahrelang unterstützt und als liberale Aushängeschilder für sie fungiert, bis sie sich vor einigen Jahren gegen sie stellten.

Vor allem Ahmet Altan hat wenige Freunde unter oppositionellen Intellektuellen, weil sich seine 2007 gegründete kritische Zeitung „Taraf“ mit der islamischen Gülen-Bewegung verbündete, die Erdogan für den Putschversuch verantwortlich macht. Ab 2010 attackierte „Taraf“ nicht nur mit gefälschten Dokumenten die kemalistische Militärführung, sondern griff auch linke Gülen-Kritiker wie den Investigativjournalisten Ahmet Sik an, der wegen eines noch nicht publizierten Enthüllungsbuches über die Gülenisten ein Jahr eingesperrt wurde.

Jetzt sitzt Ahmet Altan ironischerweise im selben Hochsicherheitsgefängnis nahe Istanbul wie Ahmet Sik, der als Putsch-Unterstützer erneut inhaftiert wurde. „Taraf“ wurde mit den Notstandsdekreten Erdogans verboten. Nach seinem Abschied von „Taraf“ 2012 mutierte Ahmet Altan zunehmend zum Erdogan-Kritiker und schrieb scharfe Kolumnen gegen die autoritären Tendenzen der AKP-Regierung, schonte aber auch die Gülenisten nicht.

Er hatte zu der geistigen Unabhängigkeit zurückgefunden, die bei der Gründung der Zeitung Pate stand, als er erklärtermaßen die größten Tabus der Türkei wie den Genozid an den Armeniern und die Unterdrückung der Kurden thematisieren wollte. Seinen Ruhm hat er aber vor allem als Schriftsteller mit Büchern wie „Der Duft des Paradieses“ (2003) begründet, die in viele Sprachen übersetzt wurden.

Vor Gericht beendete Ahmet Altan sein Plädoyer mit einem Zitat: „Es ist eine größere Ehre, der Angeklagte in diesem Verfahren zu sein und den Rest meines Lebens im Gefängnis zu verbringen, als der Staatsanwalt zu sein, der diese Anklage verfasst hat.“

Doch die Richter lehnten es ab, ihn und seinen Bruder aus der Haft zu entlassen. Der „Verbrechensverdacht“ sei zu stark und die Fluchtgefahr zu groß.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Journalisten in Haft

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