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John F. Kennedy Kennedys Deutschland-Irrtümer

50 Jahre nach seiner großen Rede liefern frühe Aufzeichnungen zur Herrschaft der Nazis und zur Rolle Hitlers neue Erkenntnisse über die Ansichten des berühmtesten Berliners aller Zeiten.

Historischer Moment: John F. Kennedy bei seiner Rede vor dem Schöneberger Rathaus in Berlin am 26. Juni 1963. Mit dem legendären deutsch gesprochenen Satz "Ich bin ein Berliner" drückte Kennedy seine Verbundenheit mit den Menschen in der geteilten Stadt aus. Foto: dpa

War der amerikanische Präsident John F. Kennedy als junger Mann ein Bewunderer Hitlers? Kurz vor dem Besuch von US-Präsident Obama in Berlin, der an den 50. Jahrestag von Kennedys berühmter Rede erinnert, erscheinen im Aufbau-Verlag Briefe und Tagebücher, die Kennedy auf drei Reisen nach Deutschland zwischen 1937 und 1945 geschrieben hat.

Aus dem Zugfenster schauend notierte der 20-jährige Kennedy 1937: „Die Städte sind alle sehr reizend, was zeigt, dass die nordischen Rassen den romanischen gewiss überlegen zu sein scheinen. Die Deutschen sind wirklich zu gut – deshalb rottet man sich gegen sie zusammen, um sich zu schützen.“

Acht Jahre später, unmittelbar nach Kriegsende, besucht er Deutschland wieder. Er begleitet den US-Marineminister auf Inspektionstour durch das Land der Besiegten. Er besichtigt in Berchtesgaden Hitlers Haus am Obersalzberg und schreibt unter diesem Eindruck: „Man kann sich ohne Weiteres vorstellen, wie Hitler aus dem Hass, der ihn jetzt umgibt, in einigen Jahren als eine der bedeutendsten Persönlichkeiten hervortreten wird, die je gelebt haben.

Sein grenzenloser Ehrgeiz für sein Land machte ihn zu einer Bedrohung für den Frieden in der Welt, doch er hatte etwas Geheimnisvolles, in seiner Weise zu leben und in seiner Art zu sterben, das ihn überdauern und das weiter gedeihen wird. Er war aus dem Stoff, aus dem Legenden sind.“

Gründlicher Irrtum

Kennedy hat sich zum Glück gründlich geirrt, was die Prognose von Hitlers Nachruhm angeht. Ein gründlicher Irrtum wäre es aber auch, den späteren Präsidenten auf Grund dieser Passage zu einem NS-Sympathisanten zu machen. Sein Bericht ist eine weitgehend nüchterne Bestandsaufnahme, allerdings schon deutlich geprägt von der beginnenden Frontstellung gegenüber der Sowjetunion.

Kennedy und die Deutschen – das ist ein Lehrstück über vorschnelle Urteile. Vor seinem Berlin-Besuch 1963, bei dem sich Kennedy in seiner ausgefeilten Rede am Schöneberger Rathaus stellvertretend für alle freien Menschen zu einem Berliner erklärte, hielt man ihn sogar für einen Deutschenfeind.

Konrad Adenauer hatte sich vor Kennedys Wahlsieg gefürchtet und zögerte sein Glückwunschtelegramm so lange wie möglich hinaus. Und zum Deutschlandbesuch, an dessen Ende Kennedy zum größten Berliner aller Zeiten werden sollte, schrieb der Spiegel 1963: „John F. Kennedy liebt die Deutschen nicht. Durch Herkunft und Erziehung, aus Mentalität und Erfahrung ist ihm das Wesen der Deutschen fremd.“

Tatsächlich war Kennedys Vater Joseph als Antisemit und Rassist bekannt und als Deutschenfreund in der Roosevelt-Administration geradezu verschrien. 1940 wurde er wegen seines Festhaltens an der Beschwichtigungspolitik deshalb seines Postens als Botschafter in London enthoben. Sohn John allerdings hatte sich von seinem Vater deutlich distanziert. Als Harvard-Student schrieb er eine Studie mit dem Titel „Warum England schlief“ und verdiente sich mit dem Honorar ein Auto.

Wes Geistes Kind er wirklich war, zeigt Kennedys Urteil von 1945 über die Autoritätsgläubigkeit der Deutschen, die es dort leicht mache, die Macht an sich zu reißen: „Sie besitzen weder die Neugier der Amerikaner noch deren angeborene widerständige ‚Ich bin aus Missouri, erklärt mir das erstmal!‘-Haltung gegenüber der Obrigkeit.“

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