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Jörg Haider Kärntens Wiedergänger

Eine Ausstellung soll den Mythos Jörg Haider festklopfen - zwölf Monate nach dessen Unfalltod. Die Opposition, die schon beim lebenden Haider stets zwischen Anpassung und Widerspruch schwankte, findet auch zum Mythos kein Verhältnis. Von Norbert Mappes-Niediek

Ein Stück Zeitgeschichte? Jörg Haiders Schaukelpferd aus Kindertagen. Foto: rtr

Zwölf Monate nach seinem Tod gehen die Wogen wieder hoch wegen Jörg Haider. Heute, am 10. Oktober, dem Landesfeiertag Kärntens und dem Vorabend von Haiders Todesfahrt, eröffnet im Bergbaumuseum zu Klagenfurt eine Ausstellung zum Leben und Sterben des rechten Landeshauptmanns ihre Pforten. Das städtische Museum sei in einem "NS-Stollen" untergebracht, von hier habe der Gauleiter seine Funksprüche an die Kärntner abgelassen, hieß es in der Wiener Presse - unbewiesene und, wie sich allmählich zeigt, wohl auch irrige Annahmen, die an der Problematik der Ausstellung vorbei gehen. Denn während oben die Wogen hoch gehen, steigt von unten ganz unbemerkt das Wasser.

NS-Treue der Eltern

Alles wird ganz genau beschrieben, verspricht der Museumsdirektor, nichts wird ausgelassen. Ein ganzer Abschnitt der Ausstellung zum Beispiel soll der Familiengeschichte Jörg Haiders gewidmet sein, und dabei geht es "selbstverständlich", sagt Gerhard Finding, auch um die NS-Treue von Haiders Eltern. "Nur halte ich mich eben an die Fakten", sagt Finding und polemisiert gleich ein wenig gegen die letzte Titelgeschichte im liberalen Wiener Profil, wo es um Robert Haider ging, den Vater des verstorbenen Landeshauptmanns.

Der SA-Mann hatte als illegaler Nazi 1934 am Putsch gegen den österreichischen Bundeskanzler Engelbert Dollfuß teilgenommen, war danach "ins Reich" geflüchtet, hatte als Wehrmachtssoldat am Frankreich- und am Russlandfeldzug teilgenommen und war dem braunen Gedankengut auch nach dem Krieg stets treu geblieben. In die Ausstellung finde aber nur Eingang, was belegt sei. Für das, was wirklich war, hat Finding eine gute Quelle: die 90-jährige Mutter Jörg Haiders. Dorli Haider sei "sehr kooperativ" gewesen.

Wer den "Geist" des großen Toten am plausibelsten deutet, hat die Zukunft für sich - Ausstellungen machten Andreas Hofer zum Tiroler und Peter Rosegger zum steirischen Nationalheiligen. Hofer, dessen 200. Todestag im nächsten Februar begangen wird, steht für die Vorherrschaft der katholischen Kirche, der Dichter Rosegger für offenen Konservatismus. Und Jörg Haider?

Wieder der Nationalsozialismus, diesmal aber nur Fakten: Von NS-Opfern wird, da im Falle Vater Haider nun einmal nicht belegt, nicht die Rede sein. Nach dem gleichen Muster hat der 51-jährige Hobby-Historiker schon einmal einen Bildband über "Klagenfurt in Schutt und Asche" herausgegeben.

Vom Schmuckblatt grüßt Jörg Haider, derselbe Mann, der versammelte SS-Leute einmal als "die Anständigen im Lande" lobte, mit einem Hinweis, wie wichtig doch "Geschichtsbewusstsein" sei. Unten auf der Seite stehen die Akteure des Krieges: Churchill, Stalin, Hitler, Roosevelt - alle wieder ganz ohne Wertung. Im Buch sprechen Zeitzeugen von den Bomben, aber auch von ihrer - damaligen - Liebe zum Führer. Alles nur Fakten.

"Politisch" werde die Ausstellung nicht sein, verspricht der parteilose Finding, der selbst auf die Idee gekommen sein will und die inhaltliche Vorbereitung ganz alleine macht. Das dürfte wenigstens subjektiv auch zutreffen: "Der Mensch" und "der Landeshauptmann" und erst recht "der Tod", wie die anderen Abschnitte der Ausstellung heißen, werden in Kärnten kaum mehr als politisch wahrgenommen.

An der Stelle in Lambichl, wo Haider am Morgen des 11. Oktober 2008 mit mehr als 140 Sachen und 1,8 Promille in den Tod fuhr, sind Grablampen und esoterische Gedichte von Anhängerinnen ausgestellt. Ein Lindenblatt aus poliertem Marmor lässt an Jung-Siegfried denken, den Unbesiegbaren, den ein Lindenblatt an einer Stelle schutzlos ließ. Die andere Gedenkstätte bei Haiders Wohnort im romantischen Bärental kommt ebenfalls ohne klare politische Zuordnungen aus.

Ein knappes Jahr nach Haiders Tod geht es seinen Erben prächtig. Dass Verschwörungstheoretiker noch immer über KO-Tropfen munkeln, die dem Idol angeblich eingeflößt worden seien, oder rätseln, ob nun der Mossad oder doch El Kaida die Bremsleitungen durchgeschnitten habe, lassen die Mächtigen unkommentiert - es nützt ihnen, ohne dass sie etwas dafür tun müssen.

Die Roten wollen vergessen

Der neue Landeshauptmann Gerhard Dörfler, der von seinen Gegnern gern als Dorftrottel dargestellt wird, verzichtet darauf, den schillernden Haider imitieren zu wollen. Als strenger Patriarch mit scharfen Sprüchen wirkt er authentischer - und kommt ebenso gut an wie sein Vorgänger. Die Opposition, die schon beim lebenden Haider stets zwischen Anpassung und Widerspruch schwankte, findet auch zum Mythos kein Verhältnis.

Am liebsten würden die Sozialdemokraten den toten Haider einfach vergessen. Man solle lieber "den Blick in die Zukunft richten", meint der rote Vize-Landeshauptmann Peter Kaiser. Wer Haider verehren wolle, solle das tun, er selbst werde sicher bei der Eröffnung der Ausstellung nicht zugegen sein. Klagenfurts ebenfalls rote Vize-Bürgermeisterin Maria-Luise Mathiaschitz lässt ausrichten, sie sei "gegen jede Mystifizierung und Idealisierung" des Toten. Aber dass die Stadt, der sie vorsteht, Veranstalter ist, hält sie für die Sache ihres Kollegen, eines Haider-Parteifreunds.

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