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Jerusalem Zweite Vertreibung

Israel beansprucht Land im arabischen Ost-Jerusalem und setzt palästinensische Flüchtlinge vor die Tür. Rechte Siedler ziehen unter Polizei-Schutz ein. Von Inge Günther

Jerusalem. Seit rund zwei Wochen sitzt Nasser Ghawi auf der Straße. Wenn der Abend kommt, wickelt sich der palästinensische Drucker in eine Decke und schickt seine Frau und die fünf Kinder in ein billiges Hotel. Für sie ist es zu viel, auch noch die kühlen Nächte vis-a-vis ihrem verlorenen Zuhause zu verbringen. Dort, wo die Ghawis über Jahrzehnte hinweg gewohnt haben. Bis zu jenem Morgen am 2. August, als israelische Polizeitruppen um Fünf in der Früh die Tür aufbrachen und sie rausschmissen. Am gleichen Tag zogen jüdische Siedler ein.

Wer kann, hält seitdem wie Nasser Ghawi rund um die Uhr die Stellung in der Straße. "Solange wir hier protestieren", sagt Ghawi und kratzt seinen schwarzen Vollbart, "schützen wir wenigstens die Nachbarn vor weiteren Siedlerübernahmen." Selbst Zara, seine jüngste Tochter und noch keine zwei Jahre alt, ruft inzwischen "ruh min hon" - geht weg von hier, sobald sie jemand mit Schläfenlocken und Kippa zu Gesicht bekommt.

Nicht nur die Ghawis, eine Flüchtlingsfamilie aus Sarafand, ist obdachlos geworden, weil nationalreligiöse Israelis vor Gericht Räumungstitel erstritten. Die Hanouns, ihre Nachbarn, sind am gleichen Tag aus ihrem Haus hundert Meter weiter geflogen. Alles in allem 56 Personen, die seitdem auf der Straße leben. Ruweida Hanoun (54), deutet auf die Matratzen unterm Olivenbaum an der Ecke. Viel mehr ist von ihrem Hausstand nicht geblieben. Zum Einpacken ließ die Polizei keine Zeit. "Mein Mann hat nicht mal seine Zähne mitnehmen können", klagt Ruweida. Nach dem Zwangsauszug hat das Räumkommando ihre Habseligkeiten neben dem Polizeipräsidium ausgekippt. Was nicht zu Bruch ging, haben sich Plünderer gegriffen.

Die Siedler indes trauen sich nur unter bewaffnetem Begleitschutz an den Vertriebenen und den Solidaritätsdemonstranten vorbei. "Warum habt ihr unser Haus gestohlen", steht auf deren Transparenten oder auch: "Stoppt die ethnische Säuberung in Ost-Jerusalem."

Ermahnung von Hillary Clinton

Um sich diesen Anblick zu ersparen, haben die Siedler erneut geklagt, diesmal mit dem Ziel, eine Bannmeile von 150 Metern um die umstrittenen Häuser zu ziehen. Ein Wunsch, den das Jerusalemer Bezirksgericht Ende vergangener Woche zurückwies. Nachdem selbst US-Außenministerin Hillary Clinton die israelische Regierung ermahnte, von "provokativen Aktionen" wie Zwangsräumung und Häuserzerstörung in Ost-Jerusalem Abstand zu nehmen, hielt man denn doch ein Protestverbot für unangebracht. Zumal der Siedler-Vorstoß in Scheich Dscharrah besonders kontrovers ist.

Die Siedler reklamieren ein Areal nahe dem Grab von Schimon Ha-Tsadik, einem jüdischen Heiligen. Eine sephardische Gesellschaft will es vor über hundert Jahren erworben haben. Auf diesem Gelände, das nach 1948 unter jordanische Verwaltung fiel, haben die UN einfache Häuser für Palästinenser errichten lassen, die aus West-Jerusalem oder nahegelegenen Dörfern fliehen mussten. "Wenn Israel jüdisches Eigentum in Ost-Jerusalem beansprucht, wäre es nur fair, uns im Westteil das Gleiche zu gestatten", sagt Rafik Husseini, Bürochef von Palästinenser-Präsident Mahmoud Abbas. Die schönsten Villen im West-Jerusalemer Nobelviertel Talbieh wurden schließlich in der britischen Mandatszeit von palästinensischen Aristokraten gebaut. Dort residieren heute wohlhabende Israelis, ohne an Rückgabe zu denken. Von "zweierlei Maßstab" spricht deshalb Arik Aschermann von den Rabbinern für Menschenrechte. Demnächst will er mit palästinensischen Flüchtlingen Talbieh einen demonstrativen Besuch abstatten.

Siedlergruppen organisieren derweil ihre Art Polittourismus. Mike Huckabee, ultrarechter US-Republikaner und ehemals Gegenkandidat von John McCain, wurde am Sonntag erwartet. Geplant ist ein Dinner mit ihm im Shepherd-Hotel, dem anderen Objekt der Siedler-Begierde in Scheich Dscharrah, wo Luxusapartments für Nationalreligiöse entstehen sollen.

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