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Jerusalem-Streit Der Exodus aus Bethlehem

Immer mehr christliche Palästinenser kehren ihrer Heimat den Rücken. Manche fühlen sich bereits wie eine vom Aussterben bedrohte Spezies.

Bethlehem
Muslima in der christlichen Geburtskirche in Jerusalem. Foto: rtr

Als ihre jüngere Schwester sich vor 16 Jahren entschloss in die USA zu emigrieren, brach für Wafa Musleh, eine palästinensische Christin, eine Welt zusammen. Die Vorstellung, ihre engste Vertraute nicht mehr im Haus nebenan zu wissen, fand die heute 39-Jährige unerträglich. „Wir waren ja unzertrennlich, fast wie Zwillingsschwestern. Ich habe tagelang nur geheult.“

Doch die frisch verheiratete Schwester und ihr Mann sahen für sich keine Zukunft mehr in Beit Sahur, einem Dorf bei Bethlehem, wo laut biblischer Überlieferung der Engel den Hirten auf dem Feld von der Geburt Jesu verkündet haben soll. Es war die Zeit der Zweiten Intifada, fast täglich gab es Tote. Die beiden Auswanderer wollten ihre Kinder an einem sicheren Ort aufziehen.

Fast ausnahmslos hat jede arabisch-christliche Familie in Israel und Palästina nahe oder ferne Verwandtschaft im Ausland. Selbst in Bethlehem gehören die Christen, die einst die Mehrheit in der Krippenstadt stellten, heute einer über die Jahrzehnte hinweg geschrumpften Minderheit an. Der erste große Exodus begann bereits im späten 19. Jahrhundert, als junge Männer über die Hafenstadt Jaffa ausschifften nach New York und weiter nach Südamerika, um dort ihr Glück zu versuchen und dem Militärdienst bei den osmanischen Herrschern daheim zu entkommen. Allein in Chile leben heute 300 000 Palästinenser aus Bethlehem und Umgebung, mehr als zehn Mal so viele wie in ihrer angestammten Heimat.

Dass keiner der zahlreichen Cousins von Wafa Musleh geblieben ist, wie sie beklagt, hat noch einen anderen Grund. Deren Väter hatten 1948 das Weite gesucht, der nächste dramatische Einschnitt. Al Nakba, wie die Palästinenser ihre Flucht und Vertreibung während des israelischen Unabhängigkeitskrieges nennen, war auch für die arabischen Christen „ein böser Schlag“, so Pfarrer Mitri Raheb, der das Dar Al-Kalima College in Bethlehem leitet. Viele flohen nach Jordanien und Libanon, manche auch, etwa die Eltern von Wafa Musleh, aus Jerusalem nach Beit Sahur. Der christliche Anteil an der palästinensischen Bevölkerung sank von acht Prozent auf 2,8 Prozent.

Der Sechstagekrieg löste 1967 die nächste Auswanderungswelle aus, diesmal Richtung Europa, USA und Golfstaaten. Für einen weiteren Schub sorgten die bewaffnete Intifada (2000 bis 2004) und schließlich der israelische Mauerbau, der wie eine Betongürtel Bethlehem einschließt. „Die Leute verloren ihre Hoffnung auf eine friedliche Lösung“, meint Raheb. Heute sind von den Bewohnern im „heiligen Land“ nur noch 1,7 Prozent arabische Christen.

Manche fühlen sich bereits wie eine vom Aussterben bedrohte Spezies. In fünf Jahren gebe es womöglich in ihrer Heimat gar keine Christen mehr, meinten elf Prozent der befragten christlichen Palästinenser in einer von der Adenauer-Stiftung mitfinanzierten Vergleichsstudie des Dar Al-Kalima College. Fast jeder vierte Christ aus Gaza und dem Westjordanland gab an, einer seiner Angehörigen sei im vergangenen Jahr emigriert. 28 Prozent bekannten, selber an Auswanderung zu denken. Mit dem gleichen Gedanken spielen auch Moslems, aber in Relation etwas weniger. Als Hauptgrund nannten beide Gruppen die schlechte ökonomische Lage und den politischen Konflikt. Hinzu komme die kritische Lage im gesamten Nahen Osten, die den Wunsch zu emigrieren verstärke.

Wafa Musleh hat einen Job, sie ist Sozialarbeiterin im Caritas-Baby-Hospital in Bethlehem, einer vorbildlichen Einrichtung. Aber sie fragt sich, „welche Perspektiven meine drei Töchter hier haben“. Man fühle sich doch in Bethlehem wie eingesperrt. Selbst ein Ausflug ans Mittelmeer erfordere eine israelische Erlaubnis und sei teuer. So spirituell erhebend es sei, im Land Jesu zu leben, „glücklich sind wir hier nicht“.

Die Autonomieführung unter Präsident Mahmud Abbas zeigt sich zumindest um den Schutz der christlichen Minderheit bemüht. „Im Gegensatz zur sonstigen Christenverfolgung im Nahen Osten sehen wir bei uns positive Zeichen“, sagt Issa Kassasiye, palästinensischer Botschafter beim Vatikan. Dazu zählt er auch die Steuerbefreiung für Kirchen im Westjordanland. Spannungen zwischen Moslems und Christen resultierten hingegen eher aus Nachbarschaftsstreits als aus religiösem Fanatismus.
Am Arbeitsplatz kommt man meist gut miteinander hin, bestätigt Wafa Musleh. Aber nicht nur in Gaza gehe die Angst vor radikalen Salafisten um. Selber das Land zu verlassen, das allerdings schließt sie aus. „Wir sind die lebendigen Steine der christlichen Stätten. Wenn auch die Letzten gehen, ist es damit vorbei.“

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