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Jens Spahn Wenn Radau zum politischen Alltag wird

Über den CDU-Mann Jens Spahn kann man einiges sagen. Aber nicht, dass der 37-jährige Oberprovokateur einer Konfrontation aus dem Weg ginge.

Jens Spahn
Jens Spahn ist derzeit der Oberprovokateur der CDU. Foto: dpa

Man kann alles Mögliche über Jens Spahn sagen. Und es wird ja auch alles Mögliche über Jens Spahn gesagt. Eines kann man nicht sagen: Dass der 37-jährige Oberprovokateur der CDU einer Konfrontation aus dem Weg ginge. 

Am Freitag zum Beispiel, nach seiner Regierungserklärung zur Gesundheitspolitik, rügt Christine Aschenberg-Dugnus von der FDP die Aussagen des neuen Ministers zur „Werbung“ für Abtreibungen, die nicht für „Haudrauf-Rhetorik“ tauge. Die Grüne Katja Dörner meldet Zweifel an Spahns Eignung an, und zwar ausdrücklich nicht fachlich. Ein guter Gesundheitsminister müsse sich nämlich „in Menschen hineinversetzen wollen und auch können“, sagt sie. 

Ähnlich ist es am vorigen Montag. Morgens nimmt der 1,90-Meter-Mann an einer Sitzung des CDU-Präsidiums teil, bei der ihm recht unverblümt mitgeteilt wird, dass er sich doch jetzt bitte schön mal zurückhalten solle. Anlass sind nicht zuletzt die jüngsten Einlassungen zu Hartz IV. Abends tritt Spahn bei „hart aber fair“ in der ARD auf. Dabei steht die Frage im Vordergrund, warum so viele Kassenpatienten so lange auf einen Arzttermin warten müssen – und Privatpatienten nicht. Der Arzt Christoph Lanzendörfer, im Nebenberuf Sozialdemokrat, raunzt Spahn an: „Gesundbeterei qualifiziert keinen Gesundheitsminister.“ Ein Facebook-User ätzt via Facebook in die Sendung hinein: „Bisher quatscht der Spahn ja lieber über Hartz IV.“ Moderator Frank Plasberg fragt angesichts der zahlreichen Streitereien, in die sich der Gast begeben hat: „Sind Sie eigentlich nicht ausgelastet?“

All das hindert Spahn nicht, im Laufe des Tages einem Journalisten zu antworten, der in den letzten Jahren überwiegend Unfreundliches über ihn geschrieben hat. Fünf Minuten nach der SMS mit der Bitte um ein Gespräch kommt eine SMS zurück, in der steht, dass ein Mitarbeiter sich alsbald melden werde. Um 17.15 Uhr ist es soweit. Der neue Minister empfängt für eine halbe Stunde in seinem neuen Büro im sechsten Stock des Gebäudes an der Friedrichstraße – ohne Jackett, dafür mit festem Händedruck und herausforderndem Blick. Nein, wörtliche Zitate aus diesem Gespräch wird es hier nicht geben. Spahn will die laufenden Auseinandersetzungen augenscheinlich nicht weiter verschärfen. Zurückrudern – das will er wohl ebenso wenig. Dennoch wird hinreichend deutlich, wie der 37-Jährige die Welt und seine Gegner sieht – und dass seine Sicht mit der vieler Menschen draußen im Lande wenig zu tun hat.

Jens Spahn war schon immer so

Wer sich mit der Frage beschäftigt, warum Spahn so ist, wie er ist, der kommt schnell darauf, dass er immer schon so war. 2002 zum Beispiel sagte der damals 21-Jährige zu seiner ersten Bewerbung um ein Bundestagsmandat: „Ich würde mich weiteren Optionen nicht verschließen.“ Ein Ministerposten, die Übernahme des Kanzleramtes – beides hielt der Bankangestellte aus Ahaus im Münsterland bereits vor 16 Jahren tatsächlich für möglich. Damit es mit dem Mandat klappte, hat er nichts dem Zufall überlassen, veranlasste seine Eltern zum Parteieintritt, klapperte Ortsverbände ab – und schlug fünf Mitbewerber aus dem Feld.

2008 gab es den ersten großen Ärger. Spahn sprach sich gegen eine geplante Rentenerhöhung aus. Und der Vorsitzende der Senioren-Union in Nordrhein-Westfalen, der damals 76-jährige und wie Spahn sehr rauflustige Leonard Kuckart, wollte ihm ans Leder. In echt. Der Junge solle seinen Einspruch gegen die Rentenerhöhung zurücknehmen, forderte der Alte – oder er werde dafür sorgen, dass dieser nicht erneut für den Bundestag kandidieren könne. Ehrgeiz, Machtwillen, die Bereitschaft zum Clinch – all das hat Spahn früh demonstriert. Als gesundheitspolitischer Sprecher der Unionsfraktion machte er sich auch fachlich einen Namen. Experten merkten: Der kennt sich aus. Und der will mitreden. Bald drängte Spahn seinen Amtsvorgänger Hermann Gröhe aus dem CDU-Präsidium und machte nicht allein gegen Angela Merkel, sondern noch dazu gegen Fraktionschef Volker Kauder Stimmung. So viel Angstfreiheit imponiert nicht allein den Ängstlichen.

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