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Jemen „Wohl der schrecklichste Ort der Welt“

Die vom Bürgerkrieg gebeutelte Bevölkerung des Jemen sitze in der Falle, warnt Unicef. Millionen von Menschen bleibt nur ein einziger, höchst gefährlicher Fluchtweg.

Jemen
Zerstörtes Jemen. Foto: afp

Für die notleidende Bevölkerung des Jemen ist es keine gute Nachricht. Der langjährige Herrscher, Ali Abdullah Saleh, ist tot, erschossen von seinen früheren Huthi-Verbündeten, und es ist damit zu rechnen, dass der Bürgerkrieg, der längst ein regionaler Stellvertreterkrieg ist, nun noch brutaler wird. Die Vereinten Nationen sind zutiefst besorgt über die neue Lage. Der Tod von Saleh bedeute „eine neue Ebene des Leidens“, besonders für die Menschen in der Hauptstadt Sanaa, warnt Generalsekretär Antonio Guterres.

Auch das Kinderhilfswerk Unicef befürchtet eine weitere Verschlechterung der Lebensbedingungen in dem Land, das ohnehin eines der ärmsten der Welt ist. Zwei Drittel der rund 27 Millionen Jemeniten sind schon jetzt auf Hilfe angewiesen, sie hungern, die medizinische Versorgung ist katastrophal, dazu wütet die schlimmste Cholera-Epidemie der Neuzeit.

Dringend benötigte Hilfsgüter kommen aber kaum ins Land, weil die von Saudi-Arabien angeführte Militärallianz Blockaden verhängt hat. Mehrere Hilfsorganisationen, darunter Oxfam und Save the Children, warnten am Dienstag davor, dass gerade in Sanaa die Lage verzweifelt sei, und forderten eine sofortige Waffenruhe.

„Der Jemen ist einer der vergessenen Krisenherde auf der Welt“, sagt auch Geert Cappelaere, der Regionaldirektor von Unicef für den Mittleren Osten, im Gespräch mit der FR in Berlin. „Und man muss leider sagen, dass der Jemen der derzeit wohl schrecklichste Ort auf der Welt ist.“ Es ist ein Satz mit Wucht, es folgen weitere. Elf Millionen Kinder im Jemen seien auf Hilfe angewiesen, Opfer eines „vollkommen sinnlosen Kriegs“.

Anders als etwa in Syrien, können die Menschen kaum außer Landes fliehen. Der einzige, sehr gefährliche Fluchtweg führt über das Rote Meer und den Golf von Aden nach Äthiopien, Djibouti und Somalia. Die Fluchtrouten nach Europa sind für Jemeniten praktisch unerreichbar. „Die Menschen sitzen in der Falle“, sagt Cappelaere.

Der Belgier ist gerade zurückgekommen aus jenem Kriegsland in der Region, das derzeit noch am ehesten international wahrgenommen wird. Gemeinsam mit dem Geschäftsführer von Unicef Deutschland, Christian Schneider, war Cappelaere in Syrien unterwegs. Was sie dort gesehen haben, lässt sich nur erahnen. Ein kurzer Film, den eine Mitarbeiterin auf der Reise gedreht hat, zeigt verödete, zerstörte Stadtteile von Homs und Aleppo. Zurück bleiben Trümmerlandschaften und die verzweifelte Zivilbevölkerung.

Fünf Millionen Syrer sind vor dem Bürgerkrieg geflohen, die meisten in die Nachbarländer Libanon, Türkei, Jordanien, auch innerhalb Syriens sind nach wie vor Millionen auf der Flucht.
Und auch hier sind es wie überall in Kriegen die Kinder, die besonders leiden. Viele Schulen sind zerstört, der Winter steht bevor, es fehlt an allem, an Kleidung, Decken, Heizmaterial. „Auch wenn die Kämpfe nicht mehr so heftig sind, ist der Konflikt noch längst nicht beendet“, so Schneider.

Mehr als fünf Millionen Kinder in Syrien seien auf humanitäre Hilfe angewiesen, viele seien schwer traumatisiert. „Das Ausmaß der Zerstörung in Syrien ist unvorstellbar“, sagt Cappelaere. „Was man aber nicht auf den ersten Blick sieht, ist das Ausmaß der seelischen Schäden.“ Es werde Generationen brauchen, um die Wunden zu heilen. Und doch seien es gerade die Kinder, die sich als sehr stark und belastbar erwiesen und an die Zukunft glaubten.

Dass Menschen unter diesen Umständen nach Syrien zurückkehren, halten die Unicef-Mitarbeiter derzeit nicht für möglich, zumal viele auch die Rache des Regimes fürchteten. „Solange nicht sichergestellt ist, dass die Kämpfe wirklich vorbei sind, ist gerade für Kinder an eine Rückkehr nicht zu denken“, sagt Schneider. Cappelaere teilt diese Ansicht. Beide wissen natürlich, dass in Deutschland bereits eine Debatte darüber begonnen hat. „Wir sind Deutschland und auch der Bundesregierung sehr dankbar für ihre Großzügigkeit“, sagt Cappelaere.

Kritisch ist die Lage aber nicht nur in Syrien und im Jemen, sondern in der gesamten Region. Eines von vier Kindern wachse in Kriegen und Konflikten auf, so Cappelaere. Ob in Afghanistan, Syrien, Libyen, dem Irak oder im Jemen, viele Konflikte hätten in den vergangenen Jahren an Heftigkeit zugenommen. „Das wird nicht nur Auswirkungen auf Europa, sondern auf die ganze Welt haben.“ Schon jetzt sind laut Schätzungen der UN 65 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht, so viele wie nie zuvor.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Jemen

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