Lade Inhalte...

Jemen Es droht ein Dreifrontenkrieg

Der Bürgerkrieg stürzt den Jemen in eine der gegenwärtig größten humanitären Katastrophen des Globus. Der ohnehin schon dramatische Krieg nimmt nun die nächste dramatische Wende.

Huthi-Patrouille
Eine Huthi-Patrouille in den Straßen von Sanaa. Foto: afp

Schwarze Rauchwolken standen am Himmel. Explosionen und Geschützdonner hallten über die Dächer von Sanaa. In zahlreichen Vierteln der jemenitischen Hauptstadt lieferten sich Bewaffnete erbitterte Gefechte, während sich die Bewohner in ihren Häusern verbarrikadierten. Um den Flughafen wurde am Sonntag heftig gekämpft. Schulen und Läden blieben geschlossen. Ambulanzen heulten durch die Straßen. Nach ersten Angaben kamen bis Sonntagabend mehrere Dutzend Menschen ums Leben und wurden hunderte verletzt.

Der Bürgerkrieg im Jemen nahm am Wochenende eine dramatische Wende, seit die Allianz zwischen den Huthi-Rebellen und Ex-Präsident Ali Abdullah Saleh zerbrochen ist. Auslöser des Zerwürfnisses war am Samstag ein Auftritt Salehs im Fernsehen. In seiner Rede bot er „den Brüdern der benachbarten Staaten“ an, eine neue Seite im Verhältnis miteinander aufzuschlagen, wenn die Luftangriffe und die Blockade beendet würden.

„Es ist genug, was im Jemen passiert ist“, sagte der Ex-Staatschef, den Huthi-Anführer Abdul-Malik al-Huthi daraufhin als Hochverräter beschimpfte. Seine Bewaffneten errichteten Straßensperren und griffen den Süden von Sanaa an, wo Salehs Angehörige und viele seiner Parteigänger des „Allgemeinen Volkskongresses“ (GPC) wohnen.

Ex-Präsident Saleh geht auf bisherige Gegner zu

In der Nacht zu Sonntag erklärte das Huthi-Oberkommando, man habe den im Bau befindlichen Al-Barakah-Atomreaktor in den Vereinigten Arabischen Emiraten mit einer Rakete beschossen, was Abu Dhabi dementierte. Saudi-Arabien begrüßte Salehs Wende und erklärte, diese werde „den Jemen von dem Übel Iran-gesteuerter Milizen befreien“. Die von den UN vermittelten Friedensgespräche liegen seit August 2016 auf Eis.

Der zweieinhalbjährige Krieg, der im März 2015 begann, stürzte den Jemen neben Syrien in die gegenwärtig größte humanitäre Katastrophe des Globus. Nach UN-Angaben wurden bisher 8400 Menschen getötet und 48 000 verletzt. Drei Millionen verloren ihr Dach über dem Kopf und fristen ein Dasein als Binnenflüchtlinge. Schon vor dem Krieg war der Staat am Südzipfel der Arabischen Halbinsel mit seinen 27 Millionen Einwohnern ein Armenhaus und musste 90 Prozent seiner Lebensmittel importieren. 

Seit Kriegsbeginn verhängte die saudische Kriegskoalition, zu der neben den Vereinigten Arabischen Emiraten auch Kuwait, Bahrain, Marokko, Jordanien, Sudan, Senegal und Ägypten gehören, eine strikte Blockade der wichtigsten Häfen und Flughäfen. Nach dem Beschuss des internationalen Flughafens von Riad durch eine Huthi-Rakete am 4. November schnitt die Golf-Allianz das Land für drei Wochen sogar komplett von der Außenwelt ab. 

Nach Angaben der Vereinten Nationen (UN) hungern mittlerweile zwei Drittel aller Jemeniten oder sind mangelernährt. 1,8 Millionen der 4,5 Millionen Kinder unter fünf sind akut unterernährt, eine Zunahme um 325 Prozent seit 2014. 920 000 Menschen erkrankten in den vergangenen zwölf Monaten an Cholera, mehr als 2200 starben an der Epidemie.

Der spektakuläre Zerfall des Huthi-Kriegsbündnisses zeichnete sich seit längerem ab, zumal Saleh vor seinem Sturz 2012 während seiner 33-jährigen Amtszeit insgesamt sechsmal Krieg gegen die Rebellenbewegung führte. Doch ob das dem Jemen in absehbarer Zeit Frieden bringt, ist derzeit völlig offen. Denn der Konflikt könnte sich auch zu einem Dreifrontenkrieg ausweiten zwischen den Huthis, den Streitkräften von Ex-Präsident Saleh im Norden und den mit der Golfkoalition verbündeten Regierungstruppen im Süden. Dann aber könnten die eskalierenden Straßenkämpfe die Weltkulturerbe-Metropole Sanaa bald genauso schwer zerstören, wie zuvor Aden und Taiz, die anderen Großstädte des Landes.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Jemen

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum