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Jahrestag von Charlottesville Die Stürmer im Wasserglas

Ein geplanter Aufmarsch rechtsradikaler Gruppen in Washington gerät zur Farce und beschert den Trump-Gegnern einen moralischen Triumph.

Charlottesville
Eine Schlappe für die Rechtsextremen: Statt 400 kamen zwei Dutzend zum angekündigten Marsch. Foto: NICHOLAS KAMM (AFP)

Sie sind ein bisschen aus der Übung gekommen. „Ich habe nicht gedacht, dass ich das noch mal tun würde“, sagt Mike Brady. Der rüstige Rentner steht trotz des stärker werdenden Regens neben seiner Frau Sue im Lafayette-Park nördlich des Weißen Hauses und hält ein selbstgemaltes Plakat hoch: „Die weiße Vorherrschaft endete 1865“, steht da drauf: „Keine Wiederholung!“

Das letzte Mal hat Brady hier vor fünfzig Jahren demonstriert. Damals ging es gegen den Vietnamkrieg. „Wir sind keine Studenten mehr, wir sind ganz normale Mittelschicht“, sagt er lachend. Aber seine Frau und er von dem geplanten Aufmarsch der Rechtsextremen und Neonazis im Herzen Washingtons erfuhren, hatten sie das Gefühl, ein Zeichen setzen zu müssen: „Unser Land befindet sich in einer sehr ernsten Lage“, sagt Brady. „Wir machen das für unsere Kinder“, ergänzt seine Frau. Und dann zeigt ihr Mann zum Weißen Haus: „Schauen Sie nur: Zwischen uns und unserem Regierungssitz stehen die Nazis. Das ist ein starkes Symbol.“

Tatsächlich dürfen sich Passanten und Gegendemonstranten an diesem Sonntagnachmittag dem Weißen Haus nur bis zu einem Sperrgitter nähern. Dahinter stehen viele Polizisten auf der Wiese, hinter denen man wiederum schemenhaft ein Häuflein von Menschen und einen Anführer erkennt, der von einem Podest wild agitiert. Das ist Jason Kessler, der vor einem Jahr in Charlottesville den blutigen Aufmarsch der Rechten mitorganisiert hatte und nun in Washington unter dem Motto „Vereinigt die Rechte!“ zu einem Revival der weißen Rassisten aufgerufen hat. Der 34-Jährige hatte im Vorfeld gepöbelt, die weiße Rasse werde zunehmend diskriminiert, die Juden würden die Finanzmärkte und die Gerichte kontrollieren, und die Medien hätten ihn zu einem Teufel verzeichnet.

Donald Trump distanziert sich nicht

Trotz dieser Ausfälle hatte sich US-Präsident Donald Trump auch dieses Mal nicht eindeutig von den Rechtsextremen distanziert. Im Vorjahr, nachdem ein rechter Amokläufer mit dem Auto in eine Gruppe von Gegendemonstranten gerast war und eine 32-Jährige tötete, hatte Trump „anständige Leute auf beiden Seiten“ ausgemacht. Dieses Mal verurteilte er „alle Arten von Rassismus“, ließ sich aber einen Tag vor der Demonstration mit Motorradbikern in Ledermontur bei einem pathetischen Fahnengruß ablichten. „Das Statement hat ihm irgendjemand aufgeschrieben“, glaubt Brady: „Es ist doch klar, was er wirklich meint.“

Trotzdem ist die Symbolik, von der der Rentner aus Maryland sprach, an diesem Tag bei genauerem Hinsehen eher erfreulich. Mehrere Tausend Gegendemonstranten sind nämlich seit dem Nachmittag mit fantasievollen Plakaten und Sprechchören friedlich durch die Innenstadt von Washington gezogen. „Ich bin stolz, gegen Fanatiker zu protestieren“, steht auf ihren Schildern oder „Nazis nerven!“ oder „Schweigen ist Mitschuld.“ Es herrscht eine heitere, optimistisch-kämpferische Stimmung. Irgendwo wird „We shall overcome!“ angestimmt.

Zwei Dutzend anstatt 400

Bei den Rechtsextremen ist das ganz anders. Statt der erwarteten 400 sind gerade einmal zwei Dutzend angereist. Verschiedene Verbündete hatten sich in den vergangenen Tagen von Kessler distanziert, und das Neonazi-Blatt „Daily Stormer“ hatte von einer Teilnahme abgeraten, weil man den Kulturkampf noch nicht auf der Straße gewinnen können. Trotzdem hat sich die Polizei in Washington auf eine größere Menge eingerichtet. Sie ist mit einem riesigen Aufgebot im Einsatz und hat ganze Straßen gesperrt, um Zusammenstöße zwischen Demonstranten und Gegendemonstranten zu verhindern. Zur Realität gehört nämlich auch, dass sich etwas abseits von den vielen friedlichen Gegendemonstranten westlich des Weißen Hauses rund 200 schwarz gekleidete und vermummte Antifa-Anhänger versammelt haben, die Slogans skandieren wie: „Anytime, anyplace, punch a Nazi in the face!“ (Jederzeit, überall, schlag einem Nazi in die Fresse). 

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