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Italien Proteste im „Mafialand“ Ostia

Eine brutale Attacke auf einen Reporter erschüttert Italien. Der Vorfall zeugt von rechtsfreien Zonen, in denen die organisierte Kriminalität bestimmt. In Ostia haben Kriminelle und Neofaschisten eine unheilvolle Allianz gebildet.

Demonstration in Ostia
Für die Pressefreiheit: Protest vor der Boxclub eines Mafioso, der einen Reporter attackierte. Foto: afp

Wenn dieses Stadtviertel der Gewalt, der Mafia und den Faschisten überlassen wurde, dann ist das die Schuld des Staates“, schreit der Redner ins Mikrophon. Die Zuhörer applaudieren. Es sind Familien mit Kinderwagen, Rentner, Jugendliche, die an diesem Nachmittag zu Hunderten in die römische Vorstadt Ostia gekommen sind, um mit einem Protestmarsch der organisierten Kriminalität die Stirn zu bieten. 

Anlass für die Demonstration am Wochenende war eine brutale Attacke vor laufender Kamera auf einen Reporter des staatlichen Fernsehsenders Rai 2, der ganz Italien schockiert hat. Seit Tagen wird die Szene in allen Programmen gezeigt. Es handelt sich um ein Interview mit Roberto Spada, dem Bruder eines der Mafiabosse, die Ostia kontrollieren. Bekannt ist, dass Spada, Betreiber einer Boxhalle, Sympathien für die Neofaschisten von Casa Pound hat, die in Ostia bei der Bezirkswahl vor zwei Wochen äußerst erfolgreich waren. Dazu befragt ihn der Rai-Journalist Daniele Piervincenzi auf der Straße. Mitten im Gespräch, ohne jede Vorwarnung, versetzt ihm Spada blitzschnell und mit voller Wucht einen Kopfstoß. Das hässliche Geräusch, als die Nase des Reporters bricht, ist deutlich zu hören. Anschließend prügelt Spada mit einem Gummiknüppel auf ihn ein und ruft: „Mi hai rotto il cazzo“ – du bist mir auf den Sack gegangen. Piervincenzi flüchtet mit blutüberströmtem Gesicht, zusammen mit dem Kameramann. Er musste anschließend ins Krankenhaus.

Allianz zwischen Mafia und Rechtsextremen

Nicht nur die rohe Gewalt hat das Land erschüttert. Der Vorfall hat deutlich gemacht, dass es in Italien rechtsfreie Zonen gibt, in denen die organisierte Kriminalität den Staat ersetzt hat. Obendrein haben in Ostia Mafia und Rechtsextreme eine unheilvolle Allianz gebildet. 

Der Lido von Ostia, Bade- und Strandvorort der italienischen Hauptstadt und keine 30 Kilometer vom Kapitolshügel entfernt, strahlt im Herbst und Winter deprimierende Trostlosigkeit aus. Der Strand, an dem sich Stabilimenti genannte Badeanstalten hinter einer kilometerlangen Mauer reihen, ist vermüllt. Dahinter ragen heruntergekommene, gesichtslose Wohnblocks auf. Im zehnten Bezirk Roms, der eigentlich eine Stadt für sich ist, leben 230 000 Menschen. Die Bezirksregierung wurde vor zwei Jahren wegen Mafia-Infiltration aufgelöst, seitdem stand Ostia unter kommissarischer Aufsicht. 

In Nuova Ostia herrscht die Familie Spada

Völlig verwahrlost ist der Ortsteil nahe der Tiber-Mündung, wo 1975 Pier Paolo Pasolini ermordet wurde. Hier am Idroscalo und in Nuova Ostia ist die Arbeitslosigkeit noch höher als anderswo, die Armut noch sichtbarer. Kampfhunde gehören ebenso zum Straßenbild wie Drogenabhängige und Dealer. Die Bewohner sind Schlägereien gewöhnt, auch Schießereien auf offener Straße.

In Nuova Ostia herrscht die Familie Spada. Sie entscheidet, wer in die Sozialwohnblocks zieht, die eigentlich der Stadt gehören, sie kontrolliert das Drogengeschäft, sie erpresst die Ladeninhaber und liefert sich Kämpfe mit rivalisierenden Clans. Strandkioske wurden in Brand gesetzt, eine Lokaljournalistin, die über die Machenschaften schrieb, steht wegen Drohungen des Spada-Clans unter Polizeischutz. 

Bei den jüngsten Bezirkswahlen holte die rechtsextreme Casa Pound in Nuova Ostia 18 Prozent der Stimmen, in ganz Ostia neun Prozent. Das hatte auch damit zu tun, dass sich die Neofaschisten als Wohltäter präsentieren und Tüten voller Lebensmittel an Rentnerinnen und Arbeitslose verteilen. Aber wohl auch damit, dass Roberto Spada auf Facebook Werbung für Casa Pound machte. Zum Verdacht, dass sein Clan die Wahl beeinflusst hat, stellte der Reporter Fragen. Das ging dem Mafioso „auf den Sack“. 

Italiens Politiker verurteilten die Gewalttat einmütig. Spada wurde am Donnerstag festgenommen, er sitzt jetzt im römischen Gefängnis Regina Coeli. Innenminister Marco Minniti erklärte, das beweise, dass es in Italien eben keine rechtsfreien Räume gebe. Im Problembezirk Nuova Ostia drängeln sich seither Journalisten und Fernsehteams und versuchen Anwohner zu befragen – die sie entweder beschimpfen oder schweigen. Der Mafia-Kenner und Bestseller-Autor Roberto Saviano schrieb auf Facebook: „Ostia ist Mafialand. Wie Corleone“. Auch dort gilt das Gesetz der omertà, des Schweigens. Saviano kritisierte allerdings auch das lange Schweigen der Politiker.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Italien

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