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Italien Ein stiller Schreihals

Der neue Spitzenkandidat der italienischen Fünf Sterne will bürgerliche Wähler für die Populisten gewinnen.

Luigi Di Maio
Fünf-Sterne-Chef Luigi Di Maio poltert nicht wie sein Vorgänger Beppe Grillo. Foto: rtr

Das Teatro Sannazaro im Herzen Neapels ist überfüllt. Zwischen rotem Samt und Stuck hat ein recht distinguiertes Publikum Platz genommen. Unternehmer, Geschäftsleute, Handwerker, der Chef des Steuerberaterverbands, Herren in Anzügen, Damen mittleren Alters. Keine Theaterpremiere steht auf dem Programm, sondern der Spitzenkandidat der Fünf Sterne für die Parlamentswahl am 4. März, Luigi di Maio. Ein 31 Jahre alter Studienabbrecher, der als politischer Niemand ins Amt des Vize-Parlamentspräsidenten katapultiert wurde und nun Regierungschef der drittgrößten Volkswirtschaft der Eurozone werden will. 

Die Fünf Sterne gelten im Ausland als populistisches Schreckgespenst, als Bedrohung für Europa. Di Maio aber versucht seit einiger Zeit, vom Image einer reinen Protest- und Anti-System-Bewegung wegzukommen und das Vertrauen bürgerlich-moderater Wähler und der Wirtschaft zu gewinnen. Mit gewissem Erfolg, wie sich auch im Theater von Neapel zeigt.

Es ist noch nicht lange her, da machten die Fünf Sterne mit lauten und provozierenden Bühnenshows Wahlkampf. Da hieß ihr Zugpferd noch Beppe Grillo. Vor der letzten Wahl tourte der Kabarettist und Fünf-Sterne-Gründer quer durch Italien und krakeelte „Wir schicken sie alle nach Hause“. Es war der Schlachtruf gegen die alte Politikerklasse, die in den Augen der Italiener nur ein Interesse hat: Selbstbereicherung. Mit Ehrlichkeit, Transparenz, Bürgerbeteiligung übers Internet, einem bedingungslosen Grundeinkommen und einer Volksabstimmung über den Euro-Ausstieg werde man Italien revolutionieren, versprach Grillo. Die Fünf Sterne, die sich weder rechts noch links einordnen, wurden 2013 aus dem Stand mit 25 Prozent stärkste politische Kraft. Sie sitzen seither als Opposition im Parlament und regieren inzwischen die Großstädte Rom und Turin. Vieler Skandale und Müll-Chaos in der Hauptstadt zum Trotz stieg ihre Popularität sogar. In Umfragen liegen sie derzeit bei rund 28 Prozent.

Grillo hat den Erfolg kürzlich so beschrieben: „Ich bin auf die Bühne, habe geschrien und das hat viele Italiener vereint, die das Recht hatten zu schreien.“ Der Übervater hat sich inzwischen zurückgezogen. Seinen persönlichen Blog, bisher Ideen-Epizentrum und zentrales Kommunikationsforum der Fünf-Sterne-Welt, koppelte er im Januar von der Bewegung ab. Er wolle sich wieder auf sein Metier konzentrieren, ließ der 69-Jährige wissen. Auch im Wahlkampf tritt er kaum auf. Sein Kronprinz ist di Maio. Er ließ ihn schon im September in einer Online-Abstimmung zum „Capo politico“, politischen Chef, küren. 

Anders als Grillo liegen ihm Bühne und Geschrei nicht. Der junge Anzugträger ist das Gegenteil des bärtigen, polternden Komikers – brav, glatt, wohlerzogen, nie laut. Grillos Charisma geht ihm ab, aber die Fünf-Sterne-Anhänger stört das nicht, im Gegenteil. „Er gefällt mir besser als Grillo“, sagt eine Frau, die vor dem Theater Broschüren mit dem 20-Punkte-Programm der Bewegung verteilt. „Er ist seriös und ernsthaft.“ Sie sei Biologin an einem Forschungsinstitut, erzählt sie, fast ihr gesamter Kollegenkreis wähle die Fünf Sterne. 

Di Maio, Sohn eines Bauunternehmers und Postfaschisten, stammt aus Pomigliano d’Arco, einem Industrievorort Neapels. Das Jurastudium brach er ab, jobbte kurzzeitig als Webmaster, bevor er 2013 für die Fünf Sterne kandidierte und mit 26 Jahren ins Parlament kam. Es gehört zur Anti-Politik der Fünf Sterne, dass Bürger ohne Partei-Vergangenheit und Erfahrung Politik machen sollen. Auch dieses Mal kandidieren überall im Land wieder Leute, die sich im Fall ihrer Wahl erst einmal in die Parlamentsarbeit einfinden müssen. Viele Ärzte und Wissenschaftler sind darunter, Di Maio preist sie als „Super-Kompetenzen“ an. Allerdings musste er in den vergangenen Tagen mehr als ein Dutzend der aufgestellten Kandidaten aus der Bewegung ausschließen, weil sie gegen das „Ehrlichkeits-Prinzip“ verstoßen haben. Gegen einen Unternehmer aus der Basilicata etwa wird wegen Geldwäsche ermittelt. Die Namen lassen sich nun nicht mehr aus den Listen streichen.

Di Maio selbst offenbart häufiger peinliche Bildungslücken, etwa wenn er auf Facebook über die italienische Grammatik stolpert oder Chiles Ex-Diktator Pinochet in Venezuela verortet. Matteo Renzi, Chef der sozialdemokratischen Regierungspartei PD sagt, die Fünf Sterne hätten Inkompetenz zum Markenzeichen gemacht. Di Maio hat angekündigt, er werde noch vor der Wahl seine Minister vorstellen, bekannte und angesehene Persönlichkeiten. Doch italienische Medien berichteten, viele der Angefragten hätten abgelehnt. 

Im Teatro Sannazaro kommt di Maio gut an. Applaus braust auf, als er versichert, das Hauptziel der Fünf Sterne sei es, das Leben der Italiener zu verbessern, vor allem in Süditalien. Dafür brauche es keine großen Reformen. Er werde 400 überflüssige Gesetze abschaffen und Steuern senken. Dank eines „Bürgereinkommens“ von mindestens 780 Euro monatlich werde niemand mehr unter der Armutsgrenze leben. Bedingungslos ist es allerdings nicht, das macht er klar: „Die Empfänger müssen Gratis-Arbeit für die Kommunen leisten.“ Und wer drei Jobangebote ablehne, dem werde das Geld gestrichen.

Was den Euro betrifft, so kam die überraschende Kehrtwende schon vor einigen Wochen. Es sei nicht der Zeitpunkt über den Ausstieg abzustimmen, verkündete di Maio, und: „Die Bewegung ist proeuropäisch“. Brüssel müsse Italien aber erlauben, mehr Schulden zu machen. „Spanien hat es geschafft, die Wirtschaft durch ein höheres Defizit anzukurbeln“, sagt er im Teatro Sannazaro. Das könne man auch. Im Wahlkampf trifft er bevorzugt Unternehmer, Handwerker, Landwirte und Hoteliers, in London hat er gar mit Finanzinvestoren gesprochen. Sie alle sollen überzeugt werden, dass die Fünf Sterne keine Gefahr sind, sondern ganz vernünftig.

Erfolg haben sie bisher vor allem bei jungen Italienern, die keine Zukunft sehen, und Politikverdrossenen. Aber auch die Mittelschicht wendet sich zunehmend von den etablierten Parteien ab. Nicht wenige enttäuschte Anhänger der Sozialdemokraten sind darunter. In Süditalien wird ein Kopf-an-Kopf-Rennen der Fünf Sterne mit Berlusconis Rechtsbündnis erwartet.

Die Wirtschaftsvertreter im Teatro Sannazaro sind bereits überzeugt. „Die Fünf Sterne sind gereift und regierungsfähig“, sagt Bruno Turra, Chef eines Verbands von 1600 Kleinbetrieben aus Handwerk, Tourismus und Baugewerbe. Er, der frühere Berlusconi-Wähler, werde für sie stimmen, ebenso die meisten seiner Verbandsmitglieder. Im von Korruption, Mafia und Stimmenkauf geplagten Süden seien sie die einzige moralische Kraft. „Viele wählen sie auch, weil sie sich bei den Massen illegaler Migranten vom Staat verlassen fühlen“, sagt Turra. Genau wie die Rechten versprechen die Fünf Sterne, keine Bootsflüchtlinge mehr ins Land zu lassen. 

Dass di Maio Premier wird – der jüngste in der Geschichte Italiens – ist dennoch unwahrscheinlich. Für eine Fünf-Sterne-Alleinregierung wird es laut Umfragen nicht reichen. Koalitionen mit anderen Parteien lehnt die Bewegung bisher ab. Aber ein überraschender Wandel auch in diesem Punkt nicht auszuschließen.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Italien

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