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Israel Wir sind hier und werden nicht weichen

Israels Feiern zum 70. Jahrestag sind auch eine Selbstvergewisserung. Schriftsteller Grossman mahnt: Wir sind noch lange nicht zu Hause.

Israel
Partystimmung in Jerusalem: Israelis feiern den Unabhängigkeitstag. Foto: afp

Der Weg zur offiziellen 70-Jahr-Feier von Israel erinnert ein wenig an die Abfertigung am Flughafen. Sicherheitsschranken, Taschendurchsuchungen, Fragen: Wer sind Sie? Wer hat Sie eingeladen? Haben Sie Waffen dabei? Zwischen den Kontrollen gibt es Stände, an denen israelische Fähnchen und Leuchtbänder verteilt werden. Endlich angekommen in der Arena hochoben auf dem Mount Herzl über Jerusalem, ist die Stimmung ausgelassen wie auf einem Volksfest. Schick gemachte Besucher auf den Tribünen, Familien, Generäle, Politiker, stolze Väter neben ihren Söhnen in Uniform, Mütter mit ihren kleinen Töchtern, das Haar geschmückt mit blau-weißen Schleifen. Sie alle sind gekommen, um den Tag zu feiern, an dem David Ben-Gurion vor genau 70 Jahren die Unabhängigkeit des Staates Israel ausgerufen hat. 

Es waren keine leichten 70 Jahre, aber daran erinnern nur am Anfang des Abends die Fotos der mindestens 23.646 in Kriegen gefallenen Soldaten und 3134 Opfern von Terroranschlägen. Trauermusik erklingt, Nebel steigt auf, die Fotos schwinden, und dann: Fanfarenmusik! Die Show beginnt. Wie ein Musical wird die Geschichte des Landes aufgeführt: junge optimistische Menschen aus aller Welt, die Acker bewässern, Felder bepflanzen, Häuser und Schulen errichten. Eine bunte, heile Welt, ein starker Staat mit einer klaren Botschaft: Wir sind hier, und wir werden nicht weichen. 

„Es gibt keinen Zweifel“, sagt Premierminister Benjamin Netanjahu, „wir sind stärker als je zuvor, niemand wird unser Licht auslöschen können.“ Er erzählt von seinen Großvätern, die die Erde dieses Landes geküsst haben, als sie hier angekommen sind, von den vielen Menschen, die in Israel eine Heimat gefunden haben, nicht nur Juden, sondern auch Christen, Muslime, Drusen. „Wir sind ein Volk, wir leben in einem Land, einem großen Land. Die ganze Welt erkennt das an.“ Das ist der richtige Moment, um den Umzug der amerikanischen Botschaft nach Jerusalem am 14. Mai zu erwähnen. „Danke, Mr. President! Danke, Amerika!“, ruft der Ministerpräsident. Raketen steigen in den Himmel. Von nun an bis kommenden Samstag, 70 Stunden lang, feiert Israel seinen Jahrestag.

Dass nicht alle im Land Grund zum Feiern sehen, war 24 Stunden zuvor in Tel Aviv zu spüren. Am Dienstagabend fand im Ha’Yarkon-Park im Norden der Stadt eine Gedenkzeremonie zum Memorial Day statt, zu der nicht nur Israelis, sondern auch 90 Palästinenser aus dem Westjordanland eingeladen waren. Israels Verteidigungsminister Avigdor Lieberman hatte ihnen die Einreise verboten, worauf die Veranstalter Einspruch beim Obersten Gericht einlegten – mit Erfolg. Und so standen an diesem Abend Israelis und Palästinenser zusammen auf der Bühne und erzählten abwechselnd, wie ihre Angehörigen ihr Leben verloren hatten. 

Die Tochter eines israelischen Kriegsveteranen und Friedensaktivisten berichtete vom Tod ihres Vaters bei einem Terroranschlag im Jahr 2002, die Schwester eines Palästinensers, der bei einer Demonstration von einem israelischen Soldaten erschossen wurde, fragte, wie lange das Leiden noch weitergehen werden. Der Schriftsteller David Grossman erzählte von seinem Sohn Uri, „einem jungen, reizenden, klugen und lustigen Mann“, der vor 12 Jahren im Krieg ums Leben kam. Natürlich sei es verführerisch, sagte er, sich in dieser Situation dem Gefühl von Hass und Rache hinzugeben. Aber immer, wenn er das tue, verliere er den Kontakt zu seinem Sohn. Deswegen habe er sich entschieden, dieses Gefühl nicht zuzulassen.

Grossmans Rede ist traurig, nachdenklich und dann doch ein bisschen wütend, aber die Wut richtet sich vor allem gegen die israelische Politik. Er kritisiert die israelische Flüchtlingspolitik, die Schüsse des Militärs am Gazastreifen und den Versuch Liebermans, die Palästinenser von der Veranstaltung auszuschließen. „Diese Woche feiert Israel seinen 70. Jahrestag“, sagt er, „und egal wie viele süße, patriotische Reden gehalten werden, wir sind längst nicht zu Hause angekommen.“ Israel gleiche mehr einer Festung als einem Zuhause. „Ein Zuhause ist es erst, wenn auch die Palästinenser ein Zuhause gefunden haben.“

Zwei Tage später, am Nationalfeiertag, erhält David Grossman den Preis für Literatur, Israels wichtigste literarische Auszeichnung. Die Hälfte der Preissumme spendet er Hilfsorganisationen, die sich um die Kinder von Asylsuchenden kümmern.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Israel

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