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Israel Unerwartete Hilfe für Palästina

Ehemalige israelische Geheimdienstchefs kritisieren die Besatzungspolitik ihres Landes. Sie klingen ein bisschen wie Radikallinke.

Israelische Grenzpolizei
In Feindesland: Israelische Soldaten unterwegs in der West Bank. Foto: rtr

In der Barbur Gallery, einem Nachbarschaftszentrum im Herzen Jerusalem, herrscht volles Haus. Die Besucher drängen sich drinnen wie draußen im Garten, um etwas Außergewöhnliches zu erleben. Zwei ehemalige israelische Geheimdienstchefs, ein früherer Polizeikommandant sowie ein renommierter Rechtsprofessor sind als Fürsprecher von „Breaking the Silence“ gekommen, jener israelischen Reservistenorganisation, die zunehmend unter Beschuss des rechten Regierungslagers geraten ist. Weil sie unbeirrt ein Ziel verfolgt: Über den Besatzungsalltag im Westjordanland berichten, über die Willkürmaßnahmen von Armee und Siedlern genauso wie über die bisherigen Gaza-Kriege.

Ihr Name – „das Schweigen brechen“ – ist Programm. Vor 13 Jahren, als Soldaten, die im Brennpunkt Hebron gedient hatten, erstmals an die Öffentlichkeit gingen, wurde das in Israel noch als Zivilcourage „unserer Jungs“ ausgelegt. Inzwischen schlägt diesen Soldaten offene Feindschaft entgegen. Der ultranationale Erziehungsminister Naftali Bennett hat ihnen Diskussionen mit Hochschülern untersagt. Kulturministerin Miri Regev, bekannt als rechte Zensorin, setzt alles daran, ihre öffentlichen Auftritte zu verhindern. Und die Jerusalemer Stadtverwaltung hat sogar der Barbur Gallery die Räume gekündigt, nachdem der linke Treffpunkt vor einem Monat trotz Verbots eine Veranstaltung mit „Breaking the Silence“ ausrichtete.

Damals war ein riesiges Polizeiaufgebot vor Ort. Diesmal sind nur ein Dutzend Gegendemonstranten erschienen, die auf der Gasse per Megaphon Parolen wie „Verräter“ und „Schande über euch“ skandieren. Die Staatsmacht scheint sich mit ehemaligen Chefs des Schin Beth, wie der berüchtigte Inlandsgeheimdienst genannt wird, nun doch nicht anlegen zu wollen.
Darauf hat Ami Ayalon gesetzt, der den Schin Beth von 1996 bis 2000 führte, später als Labour-Abgeordneter in der Knesset saß und mit dem palästinensischen Universitätspräsidenten Sari Nusseibeh die Friedensinitiative „Stimme des Volks“ ins Leben rief. Es war Ayalons Idee, aus Solidarität mit „Breaking the Silence“ eine Podiumsdebatte über fünfzig Jahre israelische Besatzung in der Stadtteil-Galerie zu organisieren.

„Wir schließen Plätze, wir schließen Münder, jedes Mal, wenn Leute über die besetzten Gebiete und unsere Beziehungen zu den Palästinensern sprechen wollen“, sagt er. Dagegen müsse man sich zur Wehr setzen, schließlich gehe es um die Verteidigung der israelischen Demokratie und um Meinungsfreiheit.

Carmi Gillon, sein Vorgänger im Schin Beth, musste er nicht lange überzeugen. Die beiden gehören zu den sechs „Gatekeepers“, die im gleichnamigen Dokumentarfilm fragwürdige Methoden ihrer Dienste in den palästinensischen Gebieten offenlegten.

Insofern versuche „Breaking the Silence“ etwas Ähnliches „wie wir“, sagt Ayalon, „nämlich das hässliche Gesicht der Besatzung zu zeigen“. Gillon nimmt ebenfalls kein Blatt vor den Mund. Die Besatzung vergleicht er mit einer Krebserkrankung, die nur mit einer Radikalkur zu heilen sei, notfalls dem Abzug aus der 1967 eroberten Westbank wie auch aus Ost-Jerusalem.

Aber er sei „pessimistisch“. Seit dem Jahr 2000, dem Beginn der zweiten Intifada, „bekommen wir eingetrichtert, dass es keinen Ausweg gibt“. Premier Benjamin Netanjahu wirft er vor, mit den Ängsten der Bürger Politik zu betreiben. „Angst wird wie Gift, wenn die Führer keine Hoffnung geben.“ Alik Ron, einst Polizeichef im Westjordanland, wendet daraufhin ein, dass „noch niemals eine Besatzungsmacht für immer die Oberhand gewonnen hat“.

Die ehemaligen Sicherheitschefs klingen ein bisschen wie Radikallinke. Zumindest befinden sich die Anhänger von „Breaking the Silence“ an ihrer Seite in guter Gesellschaft. „Wir sind unglaublichem Druck ausgesetzt“, sagt Avner Gvaryahu, ein Sprecher der Organisation. Aber dieser Abend habe Mut gemacht.

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